Der letzte Teil ihrer Reise von Tansania nach Hause führt Philip und Cora durch den Sudan. Ohne Carnet de Passages werden sie wiederholt angehalten und ihre Weiterfahrt ist gefährdet. Doch dann bekommen sie unerwartet Unterstützung.

Die ersten beiden Teile noch nicht gelesen? Teil 1 gibt es hier. Teil 2 hier.

SIE HABEN KEIN CARNET DE PASSAGES?

Am nächsten Morgen ging es nach einer relativ erfrischenden Dusche los in Richtung Grenze. Dort angekommen wurden wir bei der Ausreise erst einmal nach unserem Carnet de Passages gefragt. Da unser Wagen aus Tansania stammte, hatten wir ein Carnet bisher nie gebraucht, was wir dem Beamten auch erklärten. Darauf hin bekam der Mann übelste Laune und begann gegen seine Kollegen auf der anderen Seite des Landes zu wettern. Wir könnten aber eigentlich nichts dafür, erklärte er uns. Nach einigem hin und her sagte er uns, dass es zwar nicht gut wäre, dass wir das Dokument nicht hätten. Aber es nun mal anders nicht ginge und ließ uns passieren

Das Visum für den Sudan hatten wir bereits in Nairobi besorgt, so war die Einreise kein Problem. Die Stempel wurden in die Pässe gemacht und wir wurden durchgewunken. Aber der Wagen nicht. Wir bräuchten ein Carnet de Passages. Doch auch hier durften wir nach einigem Gezeter einreisen. Entgegen der Geschichten, die wir gehört hatten, keine großartige Kontrolle und auch keine Meldepflicht in Khartoum.

Auf Nachfrage bezüglich der Meldepflicht erklärte uns der Beamte: „Keine Sorge, alles ist gut. Die meisten Hotels erledigen das für ihre Gäste. Willkommen im Sudan.“ Ich war zwar skeptisch und notierte mir den Namen des Offiziers, dennoch ließ ich es auf sich beruhen.

NACH DER GRENZE ERST MAL EINE KLEINE STÄRKUNG

Nach dem Grenzübertritt machten wir erst einmal eine Pause in einem Restaurant. Da wir kein Arabisch konnten war die Verständigung mit dem Restaurant-Besitzer sehr schwierig. Schließlich bekamen wir einen bunten Mix aus allem, was die Küche hergab. Es war köstlich.

Nun konnte unser Afrika-Abenteuer in die finale Runde gehen: der Sudan. Da wir nicht wussten, was uns erwarten würde, füllten wir an der Tankstelle als erstes alle Tanks und Kanister, die wir dabei hatten. Insgesamt 180 Liter zum Preis von schlappen 30 Euro.

Sonnenuntergang auf dem Weg nach Kassala

Sonnenuntergang auf dem Weg nach Kassala

DIE DEUTSCHE WELTHUNGERHILFE HILFT UNS DURCH KASSALA

Unser ersten Ziel im Sudan war Kassala. Da wir nur wenig Kartenmaterial für den Sudan hatten, war uns das Navigationssystem nicht mehr von großem Nutzen. Zum Glück waren die Straßen auch in Nicht-Arabisch gut beschildert.

Es war heiß, unglaublich heiß. Trotzdem schlug sich unser Landy hervorragend. Keine Temperatur-Probleme mit dem Kühlwasser wie noch in Äthiopien. Scheinbar hatte das Problem dort mehr an der Höhe, als an der Hitze gelegen. Aber Cora und ich litten sehr. Alle paar hundert Kilometer gab es Rastplätze, an denen kühle Getränke und Tee verkauft wurden. Das war eine wahre Wohltat.

Auch waren diese Rastplätze eine gute Gelegenheit zum Austausch mit anderen Reisenden. Insbesondere wurden wir dort vor den Straßensperren gewarnt. Anders als in Äthiopien standen die Polizisten im Sudan nicht einfach an der Straße, sondern jede Straßensperre war eine ausgebaute Festung mit Maschinengewehren, Panzern und Kanonen. Die Soldaten waren jedoch immer ausgesprochen nett und höflich. Englisch konnten sie allerdings nie. Trotz der schwierigen Verständigung warfen sie meist nur einen schnellen Blick auf unsere Pässe, guckten kurz in den Wagen und verharrten dann mit ihren Augen auf Cora. Ein freundliches Lächeln, ein kurzes Zwinkern und schon durften wir wieder fahren.

Über den Dächern von Kassala, Sudan

Über den Dächern von Kassala, Sudan

In Kassala haben wir uns erst einmal völlig verfahren. Der Reiseführer hatte zwar einen Kartenausschnitt, der aber sehr klein und offensichtlich veraltet war. Beim Herumirren in der Stadt kamen wir an der Deutschen Welthungerhilfe vorbei und fragten dort nach dem Weg. Der Chef war nicht da, aber einer seiner Mitarbeiter erklärte sich bereit uns zu einigen Hotels zu führen.

Mit unserem Helfer an Bord fuhren wir durch die Stadt. Die ersten Hotels fanden wir nicht besonders ansprechend. Unser Führer war sichtlich genervt, half uns aber trotzdem weiter. Irgendwann fanden wir ein Hotel und checkten ein. Wir waren die einzigen Gäste. Der Manager war äußerst zuvorkommend und kümmerte sich um alle Belange unserer Sicherheits- und Meldepflicht. Was genau er gemacht hat, war uns unklar. Zumindest hat er unsere Visa kopiert, gestempelt und abgeheftet.

Nach einem klassischen sudanesischem Frühstück, bestehend aus Tee oder Kaffee und einigen Keksen haben wir unsere Sachen gepackt, die 30 Euro für das Hotel bezahlt und sind losgedüst. Die Straßen sind im Sudan in der Regel in einem sehr guten Zustand. Nur bei gelegentlichen Sand-Verwehungen ist Vorsicht geboten, da dort die Straße nicht auf Anhieb zu sehen ist. Die Strecke zog sich unendlich. Stur immer geradeaus, fünfter Gang mit knappen hundert fuhren wir über die Piste. Ab und zu kamen uns einige LKW entgegen, doch es war wenig los.

Straße und noch mehr Straße immer geradeaus, Sudan

Straße und noch mehr Straße immer geradeaus, Sudan

EINE ABWECHSLUNG VON DER STUPIDEN PISTE HATTEN WIR UNS ANDERS VORGESTELLT

Nach etwa 200 Kilometern kam die ersehnte Abwechslung. Allerdings anders, als wir sie uns vorgestellt hatten. Wir fuhren mitten in einen Sandsturm. Auch wenn es kein ausgewachsener Sandsturm war, betrug die Sicht kaum mehr als 100 Meter.

Nach dem Sturm näherten wir uns bereits der Küste. Die Landschaft veränderte sich allmählich und es gab immer mehr Dörfer zu sehen und jede Menge Kamele. Ganze Herden standen neben der Straße. Etwa 150 Kilometer vor der Küste kamen wir an eine Baustelle und mussten die Straße verlassen. Die Umleitung war gut ausgeschildert und führte uns kurz hinter der Ortschaft Sinkat in die Berge. Wir folgten der Straße durch hohe Berge und Sandhaufen. Die Strecke war schön anzusehen und zu fahren.

Umleitung durch die Berge

Umleitung durch die Berge

DER LANDY KAPUTT? NICHT SCHON WIEDER!

Doch nach einigem kurvenreichen Kilometern änderte sich das Fahrverhaltens unseres Landys. Wir hielten an und sahen, dass wir einen platten Reifen hatten. Nichts Wildes also, denn wir hatten zum Glück nach der Reifenpanne auf der Moyale-Strecke alle Reifen reparieren lassen.

Gerade als ich den alten Reifen auf den Landy hieven wollte, hielt hinter uns ein Hyundai-Bus. Der Fahrer, ein großer Mann, Mitte vierzig mit Oberlippenbart und sein Begleiter ein kleinerer dicker Mann um die 50 kamen auf uns zu. In gebrochenem Englisch fragten sie uns, was passiert sei und ob wir Hilfe bräuchten.

UNS WIRD GEHOLFEN, OB WIR WOLLEN ODER NICHT

Wir unterhielten uns ein bisschen mit ihnen, lehnten die Hilfe dann aber dankend ab. Die Ablehnung erwies sich allerdings als zwecklos, denn uns wurde dennoch geholfen. Die beiden Männer quetschten uns zudem weiter aus, wohin wir denn wollten und warum wir denn überhaupt im Sudan seien. Uns war mittlerweile ein wenig unwohl, dennoch wollten wir nicht unhöflich sein und erklärten ihnen, dass wir auf dem Weg von Tansania nach Hause wären und wir deshalb zum Port Sudan wollten.

Zum Port Sudan wollten die beiden auch. Wo wir denn schlafen wollten? In einem Hotel? Der Beifahrer des Hyundai erzählte uns, dass er einen Hotelbesitzer kenne und wir ihnen folgen sollten. Wir waren skeptisch. Sollten wir denen wirklich folgen? Wir blickten in den Bus und sahen dort eine Frau und ein Kind, die uns freundlich zuwinkten. Also entschlossen wir uns mitzukommen. Schließlich saßen wir im eigenen Auto und eigentlich konnte uns nichts passieren.

Der Fahrer des kleinen Hyundai gab ordentlich Gas und wir hatten Schwierigkeiten mitzuhalten. Kurz vor Port Sudan wurden wir bei einer Polizeikontrolle rausgezogen. Der Beamte war mit unseren Papieren nicht zufrieden und wurde laut. Leider verstanden wir den Mann nicht und konnten somit auch nichts tun, um unsere Situation zu verbessern. Da kam unsere Rettung: Der Hyundai-Fahrer und sein Kumpel. Sie wechselten ein paar Worte mit den Polizisten und schon konnten wir weiterfahren. Immerhin dafür hatte sich das Folgen schon gelohnt.

Port Sudan, Blick Richtung Haupthafen

Port Sudan, Blick Richtung Haupthafen

EIN ZIMMER IM HILTON?

In der Stadt ging es schnell Richtung Hafen und dann in eines der nobleren Viertel der Stadt. Der Hyundai hielt vor dem Hilton Port Sudan. Und tatsächlich der Freund des Beifahrers war Besitzer und Manager des Hiltons. In der Lobby verhandelten die beiden. Nach langem hin und her auf arabisch, erklärte uns der Mann, dass wir die Zimmer für die Hälfte des Preises bekommen könnten. Die Hälfte des Zimmerpreises im Hilton war für uns immer noch eine Menge Geld und hätte unser Budget total gesprengt. Etwas ratlos blickten wir unseren Begleiter an. Der erklärte uns, wir sollten erstmal mitkommen und Tee trinken. Danach könnten wir immer noch entscheiden, was wir tun wollten.

Kaffee und Tee-Stand an der Straße, Port Sudan

Kaffee und Tee-Stand an der Straße, Port Sudan

Inzwischen hatten wir einiges Vertrauen zu dem Mann aufgebaut, der sich uns als Herr Adil vorgestellt hatte. Also fuhren wir wieder hinter ihm her, diesmal zu ihm nach Hause. Dort gab es, typisch arabisch, einen Tee und einen Kaffee. Natürlich mussten wir noch zum Essen bleiben und so konnten wir auch seine Frau kennenlernern, die mit ihrer Tochter im Auto gesessen hatte.

ERSTMAL ABWARTEN UND TEE TRINKEN

Das Essen war traumhaft, es gab Fladenbrot mit eingelegten Paprikaschoten, Fetakäse gegrillt und noch viel mehr unglaublich leckerer Kleinigkeiten. Nach dem Essen kam dann aber der eigentliche Hammer: Herr Adil fragte uns, warum wir denn so viel Geld für ein Hotel ausgeben wollten. Wir könnten doch einfach bei ihnen bleiben. Schnell wurde das Wohnzimmer für uns geräumt und wir übernachteten bei der Familie.

Im Haus der Familie Adil

Im Haus der Familie Adil

HERR ADIL FÜHRT UNS DURCH DIE STADT

Am nächsten Tag begleitete er uns Herr Adil noch aufs Meldeamt, um dort unser provisorisches Grenzvisum in ein vollständiges zu verwandeln. Eigentlich kein Problem, sobald man die gut vierzehntausend Anträge ausgefüllt und mit Passbildern versehen hat. Dann nur noch stempeln lassen und fertig. Nachdem das erledigt war und wir nun offiziell in den Sudan eingereist waren, zeigte uns Herr Adil noch den Markt, den Hafen und sein Geschäft. Der Mann, der den Hyundai-Bus gefahren hatte, war Herr Adils Freund und Fahrer.

Moschee in Port Sudan

Moschee in Port Sudan

UND WIEDER HILFT DIE DEUTSCHE WELTHUNGERHILFE

Gemeinsam tranken wir noch einen Tee und fanden heraus, dass Herr Adils Freund auf der Suche nach einem Job war. Deshalb statteten wir gemeinsam mit den beiden erneut der Welthungerhilfe einen Besuch ab. Da wir Deutsche waren, wurden wir direkt zum Chef durchgelassen. Er war nicht nur der Chef vor Ort, sondern der Landesmanager im Sudan. Wir sollten ihn einfach Addi nennen. Nach einem kurzem Smalltalk, konnten wir das Gespräch auf unsere Begleiter und die Jobsuche richten. Da er zwei Leumundszeugen hatte, wurde Herr Adils Freund sofort eingestellt und fährt noch heute für die Deutsche Welthungerhilfe im Sudan. Nach dem Gespräch wurde Addi prompt zum Essen bei Familie Adil eingeladen. Insgesamt ein sehr netter und erfolgreicher Nachmittag.

NOCH EIN BISSCHEN SHISHA RAUCHEN

Da der Transport des Landys schon von Deutschland aus, besser gesagt durch meinen Vater, geregelt war, mussten wir nur noch den Agent der Firma vor Ort zu finden. Schnell waren dort alle Formalitäten geklärt und wir wussten, wohin wir den Landy bringen sollten. Abends schlenderten wir mit Herrn Adil und seinem Freund noch über die Uferpromenade und gingen einer typischen sudanesischen Freizeitbeschäftigung nach: dem Wasserpfeiferauchen. Auch wenn das Wasserpfeiferauchen eigentlich nur den Männern vorbehalten ist, wurde für Cora eine Ausnahme gemacht.

Shisha rauchen ist eigentlich den Männern vorbehalten, Port Sudan

Shisha rauchen ist eigentlich den Männern vorbehalten, Port Sudan

MITTAGSRUHE BIS ZUM UMFALLEN

Vom Sudan und seinen Einwohnern habe ich in der kurzen Zeit einen tollen Eindruck gewonnen. Alle haben uns stets sehr nett und hilfsbereit behandelt. Nur die ewige Ruhezeit über Mittag und die dauernden Gebete waren zu Beginn verwirrend, aber auch daran konnten wir uns schnell gewöhnen. Die Straßen waren auch immer in einem sehr guten Zustand. Es war aber extrem heiß, teilweise weit über 40°C, was nur durch die Trockenheit erträglich war.

EIN TAG AM MEER

Für unseren Letzten richtigen Tag im Sudan hat sich Familie Adil etwas Besonderes ausgedacht, einen Tag am Strand. Mit Sack und Pack ging es dann hinter der Stadt an den Strand des Roten Meeres. Es war sehr heiß und trocken, typisches Wüstenklima. Vor Ort wurde ein Schattendach gemietet und erst mal alles aufgebaut. Die Shisha, der Kaffee und Teekessel, die Stühle, Tische und der unvermeidbare Teppich.

Während die Kinder mit Cora im Meer getobt haben, habe ich mit Herrn Adil Wasserpfeife geraucht und Kaffee getrunken. Zum Abschied wurden wir noch reichlich beschenkt, so habe ich ein Sudanesisches Schwert und zwei traditionelle Kaffeekannen bekommen.

Ein Tag am Meer, Port Sudan

Ein Tag am Meer, Port Sudan

DAS ENDE EINER LANGEN REISE

Vom Strand ging es dann auch leider direkt zum Flughafen. Die Flugtickets hatten wir bereits im Vorfeld online beziehungsweise den Flug nach Khartoum für Cora im Reisebüro gebucht. Nach dem Check-in trennten sich Coras und meine Wege.

Sie flog über Khartoum zurück nach Tansania und ich nach Stuttgart. Dort wollte ich unbedingt Franziska, meine jetzige Freundin wiedersehen.

Der Land Rover wurde derweilen sicher in einem Container verpackt über Bremerhafen bis ins schöne Idstein gebracht, wo ich ihn in Empfang nehmen konnte. Die lange Seereise hat der Dicke in etwa so gut überstanden, wie die Fahrt durch Ostafrika.

Zwar hat mich mein Land Rover einige Nerven gekostet, aber ich würde diese Reise mit ihm immer wieder machen. Die 4467 Kilometer hat er relativ gut überstanden und die Reparaturen waren nichts wirklich Wildes. Über den Winter und das vergangene Jahr haben mein kleiner Bruder Nicklas und ich das Fahrzeug dann von Grund auf restauriert und repariert.

Über den Autor: Philip Scherer ist 28 Jahre und hat seine Ausbildung zum Informatikkaufmann in einem großen Unternehmen im Outdoor-Bereich gemacht. Nach seiner Ausbildung wollte er seinen Horizont erweitern und ging für ein Jahr nach Afrika. Sein Blog findet ihr hier.

Fotos: © Philip Scherer

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