Raus aus der Komfortzone, rein in den Defender. So oder so ähnlich muss ich mir das wohl gedacht haben, als ich beschlossen habe, mit dem neuen Defender einmal durch Europa zu fahren. Aachen – Piran – Prag – Stargard. Etwas gröber: Deutschland – Bayern – Österreich – Italien – Slowenien – Kroatien – Slowenien – Deutschland – Tschechien – Polen. Das letzte Mal war ich vor 19 Jahren campen. Die damals erste und auch letzte Nacht habe ich halb im Zelt, halb auf der Rückbank eines Mercedes 190D verbracht. Beides war nicht sonderlich bequem. Die besten Vorraussetzungen also.

Zum Glück verklärt die Zeit den Blick auf solche Ereignisse. Ich war also guter Dinge. Und mein Plan für den Bau einer Liegefläche war perfide. Ohne Ahnung aber mit jeder Menge Enthusiasmus habe ich den Gerd gefragt, ob er das nicht bauen könnte, was ich mir so ausgedacht hatte. Er konnte. Und wie. Klappbar, geräumig, mit wenigen Handgriffen ein- und ausbaubar und Dank der richtigen Matratze auch noch saumäßig bequem, wenn man keine Platzangst hat, denn 40 cm zwischen Liegefläche und Dach sind nicht wirklich viel. Und auch das Ein- und Aussteigen will geübt sein. Ich habe mir ein paar mal „Das Boot“ angeschaut. Wenn Klaus Wennemann ruft „Kaleu, Wasser im Torpedoraum“, dann schwingen sich auch immer alle mit viel Elan durch die engen U-Boot-Luken. Ab dem vierten Versuch schaffte ich es dann auch. Die ersten drei verursachten noch ganz passable blaue Flecken und Schrammen.

Gerd und mein Defender - hier noch ohne Bett.

Gerd und mein Defender – hier noch ohne Bett.

Der Plan war also da. Von Aachen in Richtung Adria. Und von dort aus an die Ostsee. Damit war der Plan auch schon vollständig. Für mich, der sonst ganz gerne erster Klasse mit der Bahn fährt und eine Vorliebe für Hotels der gehobenen Kategorie hat, ziemlich wenig Plan. Und vielleicht war gerade deswegen die Vorfreue so enorm groß. Das Navi hat die schönen Funktionen „kürzeste Strecke“ (nicht schnellste) und – noch viel wichtiger – „unbefestigte Strassen ausschließen“. Von wegen. Gerade eben die. Einschließen!

Traumwetter. Quer durch München. Irgendwo hinter Kitzbühel über einen Alpenpass. Picknick an der Drau. Über den Plöckenpass nach Italien. Was sich anhört, wie ein kleiner Abstecher über einen kleinen Kamm, fühlt sich Dank Defender und viel Zeit eher an wie „Hannibal mit seinem Landrover“. Immer wieder anhalten, schauen, staunen, fotografieren. Und das, obwohl ich die Alpen doch schon das ein oder andere Mal erfahren und erwandert bin. Nichts Neues also. Eigentlich. Neu: Die Landrover’sche Entschleunigungstherapie.

Picknick an der Drau.

Picknick an der Drau.

Der zweite Abend führt uns von Augsburg direkt ans Meer. Nach zehn Stunden Fahrt sind die Augen, Beine und Arme müde. Campen direkt am Wasser (20 Meter) entschädigt aber für Vieles, was eigentlich gar nicht entschädigt werden muss. Und die Müdigkeit überspielt die Rückenschmerzen der ersten Nacht im Defender.

Camping direkt an der Adria

Camping direkt an der Adria

Die folgenden Tage sind geprägt von dem, was ich mir vorgenommen hatte: Navi aus und auf Anweisung der Beifahrerin nach Karte fahren. Je kleiner der Weg, je weniger der Asphalt, desto eher ein Grund zum Abbiegen. Einfach mal querfeldein. Im Wortsinn. Das Schöne daran: Abbiegen können, nicht müssen. Dabei lassen sich großartige Wege entdecken, wenn man sich darauf einlässt. Wege, die ins Nichts führen oder in eine Sackgasse. Ohne Wendemöglichkeit. Und dann die 300 Meter wieder rückwärts. Nur nicht abstürzen. Da ist das Walki-Talki auf einmal sehr hilfreich.

Oder der kleine, unscheinbare Wegweiser bei 45°18’2″ N, 13°48’38“ O. Auf Google Maps kann man ganz gut erkennen, wohin der Weg führt. Oder eben nicht. Gut, wenn man das vorher nicht weiß und einfach abbiegt. Die Kratzer, die der Defender auf den engen Wegen von Sträuchern und Bäumen davongetragen hat, die trägt er heute mit einem gewissen Stolz.

Unter hinter der Kurve das Meer (KrK)

Unter hinter der Kurve das Meer (KrK)

Sightseeing nach dem guten alten ADAC-Atlas. Eine grobe Übersicht reicht, nur nicht zu detailliert. Auf der Karte ist ein Ort mit Höhenangabe und Kirchensymbol. Das wirkt verlockend. Motovun. Dass die Stadt eine kleine Berühmtheit ist, erfahre ich frühestens beim Parking Guide, der uns 3,50 € abknöpft. Spätestens bei den Plakaten „Motovun Film Festival“. Oder die Brücke von Kotli, die über einen Fluss fließt, der Dank Trockenheit kein Wasser führt. Laut Schautafel hat’s da schöne Wasserfälle. Nur nicht, als wir da sind. Macht nichts, denn der Weg ist ja das Ziel. Und die kleine gewundene Bergstrasse direkt hinter Kotli ist so schön, dass sie uns nicht nur einmal bergauf, sondern gleich nochmal zurück wieder bergab führt.

Brücke in Kotli

Brücke in Kotli

Und dann tagelang sensationelle Eindrücke von Istrien und Krk. Von Olivenbäumen, netten Menschen und jeder Menge Natur fernab des „normalen“ Tourismus. Ebendort, wo man mit seinem Defender hinfährt. Nicht weiter berauschend, wird der geneigte (und erfahrene) Leser denken. Doch, wenn man sich an das erste Mal erinnert.

So zum Beispiel auf der 911 in Slowenien. Eine kleine Straße von Skofia Loka nach Rudno (https://goo.gl/maps/wVVma). Das Navi weigert sich beharrlich und sagt fortwährend, ich möge wenden, wenn das möglich sei. Da die Karte etwas anderes sagt, folgen wir.  Zum Glück. Fast 25 Kilometer auf unbefestigter Straße mitten durch ein Naturschutzgebiet. Nur ein einziges Auto kommt den Weg entlang. Dafür sehen wir viele Bienenvölker, Kühe und unglaubliche Ausblicke. Die Ausläufer der julischen Alpen begrüßen uns mit gähnender Leere. Und der ein oder andere Bergbauer fragt sich, was die Deppen hier mit ihrem Geländewagen wollen. Das können doch keine Touristen sein.

Ein bisschen schon. Touristen auf der Suche nach einem kleinen, versteckten Idyll an einem Bergsee (http://www.camp-bohinj.si/de). Wieder ein Spot, an dem ich mit Navi und TripAdvisor sicherlich vorbeigefahren wäre. Unglaubliche Stille. Campen am Wasser (5 Meter). Kein Auto, kein Motorrad, kein Städtelärm. So sensationell ruhig, dass unser ganzer Reiseplan ins Wanken gerät. Wir bleiben drei Tage dort. Kochen am Wasser, Kajak fahren, Wasserfälle besichtigen, im See baden. Und wir wären vermutlich auch noch länger geblieben, wenn der Weg, das Ziel, nicht gerufen hätte.

 

Campen in Slowenien

Campen in Slowenien

Slap savica

Slap savica

Der Weg führt uns nach Pilsen und Prag. Einmal nicht campen, obwohl ich mich so schön daran gewöhnt hatte. Unsere airbnb-Gastgeberin sagt, dass die Stadt nachts ihnen, den Pragern gehört. Tagsüber den Touristen. Und sie hat recht. Nach fast zwei Wochen mitten in der Pampa ist Prag ein echter Zivilisationsschock. Laut, lärmend, stinkend und hektisch. Erst am späten Abend wird es ruhig und schön. Dann ist die Karlsbrücke ansehnlich leer und nicht jeder Kellner lädt uns auf eine Portion „Frikandel spezial“ in sein typisch tschechiches Restaurant (mit niederländischen Fast-Food-Spezialitäten) ein.

Eineinhalb Tage reichen hier vollkommen aus. Das Wetter droht in den kommenden Tagen ganz Mittel- und Osteuropa zu versenken. Also entschließen wir uns zu einem Ritt über tschechische, deutsche und polnische Autobahnen. So schnell wie möglich an die Ostsee. Dafür müssen wir zwar zwei polnische Nationalparks rechts liegen lassen. Aber wir haben uns vorgenommen, Stettin zu erradeln. Und das geht deutlich besser, wenn die Sonne scheint.

"Abends, da gehört Prag uns", sagt unsere Gastgeberin

„Abends, da gehört Prag uns“, sagt unsere Gastgeberin

Dass Stettin City zu großen Teilen noch verkopfsteinpflastert ist, war uns vorher nicht klar. Das macht es aber umso sinniger, dort nicht bei Regen zu radeln. Aber es war strahlender Sonnenschein. Und vom Campingplatz Marina (der Name ist Programm) sind es nur rund 7 Kilometer bis zu den Hakenterrassen. Dort haben meine Großeltern um 1940/1941 auch mal gesessen. Vielleicht Hand in Hand, auf ebendieser Bank mit Blick auf den Stettiner Hafen. Könnte glatt sein.

Marina, der Stettiner Campingplatz

Marina, der Stettiner Campingplatz

Stettin ist eine schöne Stadt. Nein. Stettin will mal eine schöne Stadt werden. Stettin Floating Garden 2050 heißt das Projekt. Und wenn man es sich genau anschaut, die Verbindung der Reste, die trotz Weltkrieg immer noch stehen – zwar nicht viele aber dennoch – verbunden mit dem geplanten Neuen. Das könnte was werden. Interessant: Es muss nicht alles von jetzt auf gleich passieren. Bis 2050 ist es noch ein bisschen hin. Realistischer geplant als so mancher Großflughafen ist das allemal.

Wir könnten bleiben, müssen aber nicht. Wenn man sein Heim unterm Hintern hat, dann kann man auch vor der nächsten Regenfront flüchten und dorthin fahren, wo die Sonne scheint. Wenn ich eines auf dieser Reise gelernt habe: home is where you park it. In Oberschleichach zum Beispiel. Die ungeplante und letzte Etappe führt uns wieder 700 Kilometer südwärts in den Steigerwald. Ein kleiner Ausflug in einen Teil meiner Heimat. Da kenne ich die Feld- und Wirtschaftswege noch aus einer Zeit, als ich auf meines Opas Schoß ganz stolz den Bulldog lenken dürfte, oder zumindest so getan habe. Genauso gefreut wie ich mich, hat sich der Defender. Endlich wieder Schotter und Feld unter den Füßen und nicht immer nur den elendigen Asphalt.

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Ich kenne mich in der Gegend gut aus. Und jedes „Durchfahrt verboten“- und „Landwirtschaftlicher Verkehr frei“-Schild gilt gefühlt nur für die anderen. Ich bin da schon immer lang gefahren. Das ist quasi Gewohnheitsrecht. Gewohnheit wie gewohnt, nicht wie gewöhnlich. Denn das ist ist es beileibe nicht. Dort, in Oberschleichach, gibt es nämlich immer noch Schonkaffee, die Halbe für 2 Euro und ein Kalbsschnitzel, das links und rechts vom Teller flüchtet, kostet auch nur 9,80 Euro. Von der Nadur (in Franken mit weichem „t“) mal ganz zu schweigen. Oder zu schwelgen.

Mitten im Steigerwald

Mitten im Steigerwald

Mehr als 6.000 Kilometer waren es am Ende. Sechstausend Kilometer mehr auf dem Tacho. Randvoll gefüllt mit wahnsinnigen Eindrücken, wie schön das Reisen sein kann. Wenn man nicht oder nur wenig plant, wenn man sich ein bisschen treiben lässt. Und wenn man sich auf die Unbequemlichkeiten des Overland Travelings einlässt. Mein Eindruck: Das Unbequeme ist das Schöne. Morgens die nackten Füße auf dem Weg zum Campingplatzklo im Gras spüren, Mittags den Feldwegstaub aus den Klamotten und aus dem Auto klopfen und Abends mit den Füßen im Bergsee ein Glas slowenischen Wein genießen, den man im Edeka in Deutschland aber sicherlich im untersten Regal hätte stehen gelassen.

Die Reise hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und sie war ganz offensichtlich erst der Anfang. Eines war von vornherein klar: Entweder wird diese Reise der absolute Hit und damit die erste von vielen. Oder sie wird mir in 19 Jahren in Erinnerung bleiben wie der Mercedes 190D auf dem Campingplatz in Cochem. Aber so liest sich dieser Reisebericht wohl eher nicht.

Noch mehr Fotos zur Reise gibt es auf www.dannpacktsdich.com und bei Facebook.