Ein Traum nimmt Fahrt auf.
Werbung: Schon als Kind klangen für mich die Namen „Alaska“ und „Yukon“ wie Versprechen: Von Wildnis, Goldrausch und Abenteuern, von endlosen Wäldern, von Freiheit am Lagerfeuer, von Tagen, an denen das Wetter und die eigene Entschlossenheit den Kurs bestimmten. Es war ein Traum, der nie ganz verschwunden ist, und irgendwann, viele Jahre und Umwege später, beschloss ich, ihn endlich wahr zu machen. Ich wollte den nordamerikanischen Kontinent durchqueren. Mit meinem eigenen Fahrzeug, meinen zwei Hunden, Lucy und Bella, und dem festen Vorsatz, so wenig wie möglich zu planen, aber so viel wie möglich zu erleben.
Der Plan war klar und doch waghalsig: Ich plante, mit meinem eigenen Expeditionsmobil, meinem CAPETRUCK auf Iveco-Daily-4×4-Basis, einem 3,80 Meter hohen und voll ausgestatteten Fahrzeug für monatelange Unabhängigkeit, von der Ostküste der USA bis nach Alaska zu reisen. Ohne feste Routen, Pauschalprogramme und gebuchte Hotels. Stattdessen: Roadtrip pur, Übernachtungen in der Wildnis, Offroad-Pisten, Gletscherblicke, spontane Begegnungen, Lagerfeuerabende und immer wieder das Gefühl, selbst entscheiden zu können, wann und wo es weitergeht.
Vorbereitung: Bürokratie, Abschied und das erste Abenteuer.
Doch bevor ich die Freiheit genießen konnte, wartete der völlig unromantische Teil: der Papierkram. Ich verbrachte Wochen mit Listen, Telefonaten, E-Mails, musste mich mit Verschiffungsagenturen, Flugbuchungen, Einreisebestimmungen, Versicherungen, Tierarztbesuchen, technischen Details und Grenzregelungen auseinandersetzen. Abenteuer beginnt am Schreibtisch, und je mehr Haken ich hinter Formulare und Dokumente setzte, desto mehr stieg die Vorfreude.
Was ich vorher nicht ahnte: Die Reise beginnt nicht erst mit dem Losfahren, sondern mit den ersten Entscheidungen. Zum Beispiel, dass der Truck in Hamburg verladen und nach Baltimore verschifft werden würde, während ich mit Lucy und Bella per Flug von Frankfurt aus in die USA einreisen würde. Das klingt einfach, war es aber nicht.
Der CAPETRUCK ist mein Traumfahrzeug: stabil, hochbeinig, mit ausreichend Platz für Mensch, Hund und Vorräte, mit allem, was man für mehrere Wochen Autarkie braucht. Robustheit ist Pflicht, denn ich will Straßen fahren, die eigentlich keine mehr sind, Nächte an Orten verbringen, wo es keinen Strom, kein Wasser, keine Infrastruktur gibt. Mein Zuhause auf vier Rädern, gebaut für das, was kommt.
Die Verschiffung war eine Wissenschaft für sich. SeaBridge, mein Partner für die Überfahrt, entpuppte sich als hervorragende Wahl. Sie gaben mir eine Liste, die länger war als jeder Lebensmitteleinkauf: „Alles raus, was explodieren kann, alle Lebensmittel entfernen, der Gastank muss leer und gereinigt sein.“ Das mit dem Gastank wurde zum eigenen Abenteuer: Einen fest verbauten Tank leer und sauber zu bekommen, ist eine Kunst. Ich musste mit Werkstatt und Verschiffungslager koordinieren, zahllose Telefonate führen und noch mehr Geduld aufbringen. Aber schließlich stand der CAPETRUCK am O’Swaldkai in Hamburg, sauber, leer, bereit für den Sprung über den Atlantik.
Parallel dazu lief die Organisation für die Hunde: Heimtierausweis, frische Tollwutimpfung, ein amtliches Gesundheitszeugnis vom Veterinäramt. Die Airlines hatten eigene Regeln: Die Box muss geräumig genug sein, dass ein Hund darin stehen und sich umdrehen kann, das Gitter der Tür durfte höchstens 25 Millimeter Rasterweite haben. Lucy und Bella waren zum Glück reisefreudig, aber der Gedanke, sie stundenlang allein im Frachtraum zu wissen, beschäftigte mich bis zum Abflug.
Und dann das Thema Einreise: Die USA sind vorsichtig, was Tiere und Medikamente angeht. Ich benötigte ein Visum. Der Antrag dauerte acht Wochen, in denen ich auf heißen Kohlen saß und keine Flüge, keine Hotels, keine Mietwagen buchen konnte. Mein Tipp an alle, die so etwas vorhaben: Lieber abwarten, als später stornieren zu müssen. Für die Hunde musste ich ein Online-Formular der CDC ausfüllen, für jeden Vierbeiner getrennt.
Die Zeit vor der Reise verging in einem Mix aus Vorfreude, Planungsstress, Abschieden und immer wieder Listen: Listen für Technik, Listen für Ersatzteile, Listen für Notfälle, Listen für die Lieblingssnacks der Hunde. Und doch war da das leise Kribbeln: Bald beginnt das große Abenteuer.
Atlantiküberquerung: Abschied von Deutschland, Ankommen in Amerika
Der Tag des Abflugs kam schneller als gedacht. Am Frankfurter Flughafen verabschiedete ich mich von meiner Tochter, klärte letzte Details am Schalter, ließ die Hunde noch einmal an der Wiese schnüffeln. Die Boxen waren vorbereitet, der Wassernapf gefüllt, die Lieblingsdecke lag bereit. Ich redete den Hunden gut zu, erklärte ihnen zum tausendsten Mal, dass wir uns am Ziel wiedersehen würden. Ob sie das verstanden, weiß ich nicht, aber es beruhigte zumindest mich.
Der Check-in war eine Geduldsprobe: Formulare, Papiere, Impfnachweise, Bestätigungen. Die Beamten waren freundlich, aber gründlich. Ich war nervös, die Hunde erstaunlich ruhig. Dann wurden sie abgeholt, ein kurzer, schmerzhafter Augenblick. Ich blieb zurück, mit meinem Handgepäck, einem Stapel Dokumente und einer Mischung aus Aufbruchsstimmung und Abschiedsschmerz.
Der Flug selbst geriet zur Herausforderung: Geplant waren elf Stunden, am Ende wurden es über dreizehn: technische Probleme am Flugzeug, dann ein Unwetter über Washington, schließlich eine Ehrenrunde über dem Atlantik, bevor wir endlich landen durften. Ich fühlte mich wie im falschen Film, konnte nicht schlafen, hörte Musik, schaute Filme, machte mir Sorgen um die Hunde.
Nach der Landung dauerte es ewig, bis ich Lucy und Bella endlich wieder in Empfang nehmen konnte. Die Hundeboxen standen am Rand des Gepäckbereichs, mit dicken Kabelbindern verschlossen. Messer? Schere? Fehlanzeige. Wie sollte ich die Kabelbinder abmachen? Nach kurzem Suchen fiel mir der Kaminanzünder im Koffer ein. Abenteuer beginnt eben oft mit Improvisation. Die Hunde sprangen heraus, wedelten, waren ein wenig verwirrt, aber schnell wieder bei Kräften. Ich war erleichtert.
Ankunft in Baltimore und die erste amerikanische Bürokratie

Die erste Nacht war der Jetlag mein Feind. Ich irrte mit dem Mietwagen und zwei müden Hunden durch Baltimore, versuchte, eine eSIM zu installieren, ohne Erfolg. Letztlich fand ich ein sündhaft teures Hotel, bezog mein Zimmer um 23:30 Uhr Ortszeit, fiel ins Bett und wurde von den Hunden um halb drei wieder geweckt. Amerikanische Zeitrechnung und Hundebiorhythmus passen nicht zueinander, aber das war okay.
Am nächsten Tag ging es an den Hafen, wo mein CAPETRUCK bereits wartete. Die Abholung war ein kleines Abenteuer: Erst Mietwagen abgeben, dann die Hundeboxen einlagern, dann mit dem Taxi zum Spediteur. Für den Abholschein zahlte ich 200 Dollar, auf das Hafengelände kam ich nur mit Begleitung. Mein Escort, ein freundlicher Amerikaner namens Aron, fuhr mit mir im Ford F-150 zum Pier. Dort zahlte ich weitere 150 Dollar Hafengebühr. Zum Glück hatte Aron einen Hotspot für die Onlinezahlung.
Als ich endlich vor meinem Truck stand, fiel alle Anspannung von mir ab. Er war unversehrt, sauber, startklar. Ich checkte jede Ecke, verstaute mein Gepäck, gönnte mir zur Belohnung einen Burger im Diner. Das erste echte amerikanische Essen nach so vielen Mühen schmeckte wie ein Versprechen: Jetzt beginnt das Abenteuer wirklich.
Washington D. C.: Monumente, Parks und der Beginn des Roadtrips

Die ersten Kilometer in den USA waren aufregend. Alles ist größer, weiter, breiter, schneller. Selbst die Parkplätze sind riesig, die Menschen freundlich und interessiert. Schon an der ersten Ampel wurde ich angesprochen: „Woher kommst du? Was ist das für ein Fahrzeug? Und wohin geht’s?“ Ich erzählte, und mein Gegenüber schüttelte begeistert den Kopf: „You’re living the dream, man!“
Washington D. C. liegt am Potomac River, eingerahmt von Maryland und Virginia. Die Stadt ist ein grünes Paradies: breite Boulevards, schattige Parks, Monumente und Museen, wohin das Auge reicht. Die National Mall ist weit mehr als eine Touristenattraktion. Sie ist der grüne Puls der Stadt. Ich spazierte mit den Hunden vorbei am Kapitol, am Lincoln Memorial, am Weißen Haus (gut abgeschirmt!) und war immer wieder überrascht, wie ruhig und würdevoll alles wirkt. Laut ist Washington nicht, eher feierlich.
Besonders berührte mich das Lincoln Memorial: die riesige Statue, das gedämpfte Licht, die Stille. Ich setzte mich auf die Stufen, ließ den Blick schweifen, die Hunde dösten an meinen Füßen. Der Blick vom Memorial bis zum Washington Monument, der Reflecting Pool (eine Baustelle), ein Bild, das bleibt.
Von Washington nach New York: Großstadtträume, Höhenangst und das erste echte Abenteuer

Nach den entspannten Tagen in Washington D. C. wartete die erste echte Großstadtetappe auf uns: New York City. Schon die Fahrt dorthin erfüllte mich mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Nicht nur, weil ich wusste, dass Manhattan ein ganz eigenes Tempo vorgab, sondern auch, weil mein CAPETRUCK mit seiner Höhe von 3,80 Metern eine Herausforderung für viele Unterführungen darstellte. Ich hatte die Sygic-Truck-App installiert, die mir helfen sollte, die Stadt zu navigieren, ohne irgendwo stecken zu bleiben. Trotzdem: Meine Hände umklammerten das Lenkrad etwas fester, als die ersten Hochhäuser am Horizont auftauchten.
Die Einfahrt nach Brooklyn war wie ein Sprung in einen anderen Kosmos. Die Straßen wurden enger, der Verkehr dichter, jeder Meter schien umkämpft. Ich hatte das Gefühl, mitten in einem Film zu fahren: gelbe Taxis, hupende Busse, blinkende Werbetafeln, und dazwischen ich mit meinem großen Truck. Mein Stellplatz lag direkt am East River, praktisch, aber nicht schön. Doch der Blick von dort auf die Skyline von Manhattan war jede Mühe wert.
In New York selbst, genauer Manhattan, war alles anders, lauter, schneller, voller. Mit der NYC Ferry war ich in zehn Minuten mitten in Manhattan, Lucy und Bella mit dabei. Ich ließ mich durch die Stadt treiben: Times Square mit seinem Grell und Kitsch, Central Park als grüne Lunge, kleine Cafés und Foodtrucks, die besten Bagels meines Lebens. Es war überwältigend. Zwischendurch telefonierte ich mit Freunden in Deutschland, schickte Fotos, erzählte von der Energie, die mich hier durchströmte. Ein Highlight: der Helikopterflug (ohne Hunde), den ich mir gegönnt hatte. Manhattan von oben: die Straßenschluchten, die Wolkenkratzer, die Flüsse, das Licht. Ohne die Hunde wäre ich noch aufs Empire State Building gestiegen, aber so blieb mehr Zeit für die Entdeckung der „normalen“ Seiten der Stadt.

Gloucester, Massachusetts: Fischer, Gespräche und amerikanische Herzlichkeit

Nach dem Großstadttrubel folgte ich der Route, dem Navi, von New York-Brooklyn durch den Bundesstaat Connecticut in den Bundesstaat Massachusetts, vorbei an Boston nach Gloucester, der ältesten Fischerstadt der USA. Bekannt aus der Fernsehserie „Die Hochsee-Cowboys“ und für ihren ganz eigenen Charme.
Gloucester war auch der Ort, an dem ich den echten amerikanischen Smalltalk schätzen lernte. Ob beim Schlendern an der Uferpromenade, beim Warten an der Brücke, wenn Boote auslaufen oder reinkommen. Überall kam ich ins Gespräch. Die Menschen waren neugierig, interessiert, herzlich. Sie fragten nach meinem Truck, nach den Hunden, nach meinen Plänen. Ich bekam Tipps für die schönsten Strände, den besten Lobster-Roll und wo ich Propangas bekäme (ist noch eine lange Geschichte).
Maine: Meer, Fjorde, Hügel, Wälder, Hiking und Moskitos
Von der Küste Neuenglands ging es weiter durch den Bundesstaat New Hampshire nach Maine, ins Land der Wälder, Fjorde, Seen und des Meeres. Das Urlaubsland der Amerikaner schlechthin. Das zeigt einem die Willkommenstafel von Maine.
Auf dem Weg dorthin traf ich an einem Autohof einen Trucker. Er erzählte mir von nützlichen Apps für Campgrounds und Tanken. Leider ging von den ganzen Apps keine auf meinem Handy zu installieren. Geoblocking heißt das neudeutsche Wort. Er war gebürtiger Tscheche und hat mir aus seinem Truck ein Pilsner Urquell geholt. Echt klasse! Von ihm lernte ich auch den wichtigsten Tipp für alle, die in den USA Propangas brauchen: Propan gibt es am zuverlässigsten auf Campgrounds.
Kurze Zeit später kam noch eine Truckerin vorbei. Gebürtige Kanadierin, die in den USA lebt und arbeitet. Irgendwann nach dem Job zieht sie wieder nach Kanada. Sie erzählte mir von ihren Fahrten quer durch Nordamerika, ab welchem Breitengrad man mit Wildlife rechnen kann und dass in der Mitte von Kanada starke Winde aufkommen können, die einem den Truck umwerfen.
Nach der vielen Konversation auf dem Rastplatz war es schon dunkel geworden und Zeit, ins Bett zu gehen.
Am nächsten Tag machte ich mich auf die Suche nach Propangas und suchte U-Haul in Bangor auf. Die machen alles. Umzüge, Storage, Autovermietung und mitunter Verkauf von Propangas, wenn der Tank nicht leer ist. Mein Adapter passte nicht an den Propanschlauch von U-Haul, der Mitarbeiter zuckte nur mit den Schultern. „Sorry, can’t help you.“
Ich war genervt, aber auch entschlossen, das Problem zu lösen. Ich steuerte den Smuggler’s Den Campground im Acadia National Park an, einen Platz mitten im Wald, ruhig, ein bisschen verwunschen. Am nächsten Morgen fragte ich beim Platzwart nach Propangas, und tatsächlich, mit einer Kombination aus meinen Adaptern und amerikanischem Pragmatismus füllte er mir den Tank. Ich war erleichtert. Es sind diese kleinen Siege, die unterwegs oft mehr bedeuten als große Etappenziele.
Maine ist der Inbegriff für: Meer, Fjorde, Hügel, Wälder, Hiking und leider auch Moskitos. Es war mein erstes Zusammentreffen mit den Biestern und sollte nicht das letzte Mal sein. Ich lernte, wie wichtig Fliegengitter sind, wie man sich am besten schützt und wie schnell die Hunde gelernt hatten, dass man draußen besser in Bewegung bleibt. Trotzdem genossen wir die Wälder, die klaren Seen, die Stille am Morgen, das Plätschern des Regens auf dem Dach. Ja, es regnete auch einmal, was auch nicht das letzte Mal sein sollte.
Bye, bye USA: Hello Canada

Nach den ersten Wochen in den USA war es Zeit für das nächste Abenteuer: die Einreise nach Kanada. Ich war gespannt, wie anders sich das Land anfühlen würde, ob die Geschichten von endloser Weite und Zurückhaltung wirklich stimmten. Die Grenzbeamtin war freundlich, stellte ein paar Fragen zum Reiseplan, prüfte die Papiere der Hunde, schaute sich den Truck interessiert an, und winkte uns durch. Alles gut!
Schon in der Provinz Québec, genauer am Rand von Montreal, merkte ich sofort: Jetzt bin ich in einer anderen Welt, nicht mehr USA. Die Sprache war Französisch, das Tempo entspannter, der Verkehr, die Autos, alles ist wie in Europa. Die Bäckereien boten Croissants und Baguettes, die Straßenschilder waren zweisprachig. Gleich hinter Ottawa blieben wir für eine Nacht in der Nähe einer Fressmeile stehen, wo sich McDonald’s, Burger King, Tim Horton und wie sie alle heißen, aneinanderreihten. Hier sah ich zum ersten Mal am frühen Morgen die Autoschlangen am McDrive. Die Kanadier holen sich alle dort ihr Frühstück oder ihren Kaffee.
Mein Ziel waren die Niagarafälle. Um dorthin zu gelangen, musste ich an Toronto vorbei. Wer einen Maut-Pass für die Schnellstraße um Toronto hat, hat gut lachen. Ich nicht! Gerade zum Feierabendverkehr musste ich mich eineinhalb Stunden durch die Stadt quälen. Am späten Abend erreichten wir den Ort Niagara Falls. Jeder, der in der Stadt, nahe den Wasserfällen, ein Haus stehen hatte, hat dieses weggerissen und einen Parkplatz gebaut. Damit verdienen die richtig gutes Geld.
Wir fanden einen Stellplatz für die Nacht auf einem weitläufigen Parkplatz in der Nähe eines Nachtclubs, etwas ab vom Zentrum. Es blieb die Nacht ruhig.
Am nächsten Morgen die Niagarafälle selbst. Beeindruckend: das Dröhnen, der Sprühnebel, die Kraft des Wassers, aber das Drumherum war ein einziger Rummelplatz. Ich parkte, machte ein paar Fotos und zog dann schnell weiter, auf der Suche nach dem echten Kanada. Wieder durch Toronto, eineinhalb Stunden.
Ontario: Seen ohne Ende, endlose Straßen und die Magie des Morgens

Nachdem wir Toronto hinter uns gelassen hatten, wurde es viel ruhiger und entspannter. Die Straßen wurden leerer, die Luft klarer, die Nächte kühler. Ich fuhr stundenlang durch Landschaften, aus Wäldern und Seen. An jedem See wollte ich anhalten, Fotos machen, aber irgendwann gab ich auf. Es waren zu viele, zu schön, zu überwältigend.
Wir waren bereits auf dem Trans-Canada-Highway, der zum roten Faden der Reise wurde. Ich lernte, wie entscheidend es ist, früh zu tanken, wo man einen leeren Gastank füllt, wo man am günstigsten Frischwasser bezieht und Vorräte so lagert, dass auch nach mehreren Tagen alles frisch bleibt.
Ontario zog sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Provinz ist so riesig, dass ich tagelang das Gefühl hatte, das Ende nie zu erreichen. Der Trans-Canada-Highway wurde zum vertrauten Begleiter. Überall gab es Seen, von denen jeder einen eigenen Namen hatte: Mum Lake, Dad Lake, Baby Lake. Tankstellen lagen manchmal 100 Kilometer auseinander.
Mit dem Stellplatz für die Nacht wurde es manchmal schwierig. „No overnight parking.“ „Parking closed from 11 PM to 6 AM“. Da musste ich schon das ein oder andere Mal den Highway verlassen und abseits etwas für die Nacht suchen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.
Am nächsten Morgen setzte ich die Fahrt fort. Nach einer Weile winkte mir ein Mann mittleren Alters von einem Parkplatz zu. Ich hielt an, in der Annahme, er brauche Hilfe. Doch stattdessen zeigte er auf meinen Hinterreifen, an dem sich eine dicke Blase wölbte. Er bot mir seine Hilfe an, die ich dankend ablehnte, denn ich wollte mich bei meinem ersten Reifenwechsel nicht vor ihm blamieren. Mit meinem Bordwerkzeug, den Hubstützen und etwas Improvisationskunst wechselte ich den ersten Reifen.
Manitoba und Saskatchewan: Endlose Weite, Farmland und Rinderzucht

Am Trans-Canada-Highway fand ich, man mag es kaum glauben, auf einem Parkplatz einen Stellplatz für die Nacht. Wie ich eben das Fahrzeug abgestellt und ich mich von der Fahrerei erholt hatte, knatterte draußen eine dicke, fette Harley vor der Tür. Ein dünner, zerzauster, bärtiger Mann stieg ab und sagte: „Hi! How are you? Where are you from? „Where are you going to?“
Ich erzählte ihm alles, was er wissen wollte, und dann holte er seine Schatzkiste raus. Der Inhalt bestand aus Reisezielen, die ich mir unbedingt anschauen musste. Cypress Hill, Drumheller und mehr. Die ersten zwei blieben bei mir hängen und somit waren dies meine nächsten Etappenziele.
Das Flachland von Manitoba und Saskatchewan ist eine außergewöhnliche Welt. Kilometerlange Felder, Rinderherden und manchmal Bisons, riesige Mähdrescher am Horizont. Die Straßen sind schnurgerade, der Himmel weit, die Tage heiß. Es ist alles, nur nicht das Kanada, das ich mir vorgestellt hatte. Schlechte Straßen, endlose Ebene, schnelle Trucks, die uns donnernd mit 105 km/h überholten. Am Lenkrad meist Inder, wie auch an den Tankstellen. Die Hunde duldeten die langen Fahrten, schliefen im Fußraum und freuten sich riesig auf die Zwischenstopps und Nachtlager.
Im Westen von Saskatchewan ändert sich die Landschaft und wird zur Prärie. Sanfte Hügel mit Graslandschaft. An der Grenze, die keine ist, von Saskatchewan nach Alberta, liegen die Cypress Hills, mitten in der Prärie, auf gut 1000 Meter Höhe. Cypress Hills liegt, wie der Name schon sagt, auf einem Hügel, der aus Nationalpark mit eingebetteten Campgrounds und Trails besteht. Wälder, Rehe und Hirsche, die abends zwischen den Stellplätzen umherstreiften. Wir blieben länger als geplant, genossen die Ruhe und merkten, wie die Geschwindigkeit der Reise nachließ, bis uns der Regen aufscheuchte.
Alberta: Regen, Nachbarschaftshilfe und viele Moskitos

Auf dem Weg von Cypress Hill nach Edmonton liegt Drumheller mit seinen Badlands. In Drumheller wird die Landschaft bizarr: zerklüftete Hügel, Farben von Ocker bis Rot, und überall Spuren von Dinosauriern. Das Royal Tyrrell Museum war (m)ein Höhepunkt für meinen inneren Jungen: Fossilien, Skelette, Geschichten von einer Zeit, als Kanada noch ein Urwald war. Einmalig und unbedingt sehenswert!
Die Fahrt von Drumheller nach Edmonton war geprägt von Straßen, die sich anfühlten, als hätte jemand Suppenschüsseln in den Asphalt gedrückt. Schlaglöcher, Bodenwellen, harte Brückenschwellen. Mein CAPETRUCK schaukelte, meine Hunde und ich hielten es für weniger lustig. Aber ich gewöhnte mich daran: In Kanada fährt man, was da ist, und nimmt es mit Gelassenheit.
Als ich endlich in Edmonton, genauer in Spruce Grove, ankam, empfing mich die Stadt mit Regen. Zwei Tage lang prasselte es ununterbrochen, Keller liefen voll, Pumpen waren ausverkauft. Ideale Verhältnisse für Milliarden von Moskitos. Ich wohnte bei Jochen, einem alten Familienfreund, und merkte, wie gut ein bisschen Zuhause unterwegs tut: heiße Dusche, Fußball-WM schauen, Geschichten aus alten Zeiten. Die Hunde fühlten sich sofort wohl und erkundeten den Garten (5.000 m² haben dort die Grundstücke). Ich nutzte die Gelegenheit, um Vorräte aufzufüllen, Reifen zu wechseln (mit Hilfe des Nachbarn Frank und eines mobilen Farm-Mechanikers) und einfach mal durchzuatmen.
Nach drei Tagen Abschied in der Morgensonne, Umarmungen, Fotos und dem Gefühl, dass Freundschaft unterwegs etwas Wertvolles ist.
Langersehntes Ziel, die Rockies: Endlich Berge und türkisfarbene Seen

Aus der Ebene tauchten sie irgendwann am Horizont auf: die Rockies, schneebedeckte Gipfel, dichte Wälder, klare Luft. Es war wie ein Neuanfang. Ich fühlte mich wie ein Norddeutscher, der zum ersten Mal die Alpen sieht, ehrfürchtig, aufgeregt, voll kindlicher Neugier.
Der Abraham Lake (Ice Bubble Lake) war mein erstes Ziel. Das Wasser dort leuchtet in einem so klaren Türkis, dass es fast unwirklich wirkt. Bergziegen kletterten am Ufer, ich kochte Kaffee am Wasser, die Hunde schnupperten jeden Stein ab. Einen Stellplatz hatte ich direkt oberhalb des Sees.
Banff National Park und die Sache mit dem Gewicht
Im Banff-Nationalpark traf mich ein kleiner Schock: Ein Schild erklärte, dass Fahrzeuge über 4.500 Kilo den Icefields Parkway nicht befahren dürfen. Handyempfang gab es nicht, aber dank Starlink-Internet konnte ich recherchieren, dass die Regel nur für kommerzielle Fahrzeuge gilt. Erleichterung! Ich lernte: Technik, wie Starlink, kann auf so einer Reise ein echter Lebensretter sein.
Starlink wurde mein treuer Begleiter. Im Norden gibt es oft tagelang kein Netz, aber mit Satelliteninternet war ich unabhängig, konnte Wetterberichte abrufen, mit der Familie sprechen und auch mal eine Route umplanen, wenn ein Waldbrand drohte.
Eintritt für den Park musste ich nicht bezahlen, da ich noch vor der Saison dort war. Ab Juli bis Mitte September kostet der Eintritt in den Park Geld.
Wandern zum Glacier Lake: Stille, wie ich sie nie kannte

Die Wanderung zum Glacier Lake war ein echtes Highlight. Der Weg führte durch Nadelwald, über eine Holzbrücke, die über den Saskatchewan River führt. Am Ende des Trails ein menschenleerer Gletschersee, so klar, dass sich das ganze Bergpanorama darin spiegelt. Die Hunde planschten am Ufer und im Wasser, ich saß auf einem Stein und war einfach nur glücklich für diesen Moment. Kein Handy, kein Motorengeräusch, keine Menschen, Sonne, Wasser und Stille.
Nächste Station: Eisbergpass (aus Ice Age), Icefield Parkway

Der Icefields Parkway ist legendär: 400 oder mehr Höhenmeter am Stück mit nur einer Serpentine zum Sunwapta-Pass auf 2.035 Metern. Für den Iveco Daily 4×4 eine Herausforderung. Oben angekommen, eine Wahnsinnsaussicht: der Athabasca-Gletscher, der vor hundert Jahren noch bis zum Parkplatz reichte und jetzt drei Kilometer weiter oben liegt. Der Klimawandel über die letzten 100 Jahre ist hier kein abstrakter Begriff, sondern Realität.
Auf dem Parkplatz lernte ich Peter und Inge kennen, ein deutsches Ehepaar, das ebenfalls nach Alaska wollte. Wir tauschten Reiserouten und Tipps aus und sagten zu uns: „Vielleicht sieht man sich in Alaska wieder.“ Es ist erstaunlich, wie schnell man unterwegs mit Reisenden ins Gespräch kommt und dabei neue Freunde findet.
Mit den Hunden wanderte ich einmal zum, ein anderes Mal oberhalb am Gletscher entlang. Murmeltiere kletterten auf Felsen und pfiffen, meine beiden Hunde jagten ihnen hinterher. Natürlich vergeblich. Ab ins Loch und weg waren sie.
Jasper: das Tor zum Norden, zum Alaska Highway

In Jasper, einer echten Touristenstadt, gibt es eine einzige Tankstelle und entsprechend lange Schlangen an der Zapfsäule. Ich tankte voll und besorgte mir AdBlue. Hinter dem Tresen stand, wie hinter dem Lenkrad der Trucks, ein Inder. Ich lernte schnell, dass man den Diesel- und AdBlue-Stand immer im Auge haben muss. Die nächste Tankstelle kann 200 Kilometer entfernt liegen. Als ich aus Jasper fuhr, sah ich am Straßenrand vereinzelt einen Elch oder Bergschafe.
Nach Jasper, Richtung Norden, wurde die Zivilisation immer dünner, die Ortschaften seltener, die Nadelwälder endlos. Am 27. Juni erreichte ich Dawson Creek, Startpunkt des legendären Alaska Highway. Hier begann das, was ich mir in meinen Träumen immer vorgestellt hatte: wirkliche Wildnis mit endlosen Nadelwäldern, Wildlife und Schotterpisten.
Die ersten Kilometer auf dem Alaska Highway waren wie eine Zeitreise. Die Straße schlängelt sich durch Wälder (keine geraden Straßen mehr wie rund um Edmonton), über endlose Hügel, vorbei an Seen, in denen sich der Himmel spiegelt. Immer wieder standen Schilder am Straßenrand: „Achtung: Wildlife Crossing“. Und tatsächlich: Schon am zweiten Tag sah ich meine ersten Elche, später Bisons und einmal, direkt am Straßenrand, einen Schwarzbären, der im Gras saß.

Das Wetter, ein Albtraum. Der Regen hat uns verfolgt und auf langen Strecken begleitet. Es gab aber auch sonnige Tage und von denen mehr, je weiter wir Richtung Norden kamen. Im Norden Kanadas gibt es kaum Brücken. Man fährt jeden Hügel/Berg rauf und wieder runter. Wenn einmal eine Brücke auf dem Weg liegt, dann geht diese über einen Fluss. Die Brücken sind überwiegend aus Gitterrosten gemacht und nicht wie sonst asphaltiert. Das hat den Grund, dass im Winter der Schnee und das Eis leichter hindurchfallen und somit die Brücken frei bleiben.
Entlang des Highways finden sich immer wieder links und rechts der Straße auf Wiesen provisorische Landebahnen für die Buschpiloten mit ihren Kleinflugzeugen.
Yukon: Bücherträume werden Realität

Der Yukon war für mich immer Mythos: Jack London, Goldrausch, endlose Wildnis, Flüsse voller Lachse, Bären und Elche. Jetzt war ich angekommen und sogleich verliebte ich mich in den Yukon. Er ist einfach anders als alles andere.
Carcross war mein erster Yukon-Stopp. Die berühmten Sanddünen mitten im Norden sind ein skurriles Erlebnis. Ich fuhr mit dem Truck bis an den Rand der Dünen und ließ Lucy und Bella durch den Sand tollen. Dann wanderte ich eine Stunde durch die Dünen und ließ Lucy und Bella durch den Sand tollen, beobachtete Kinder, die in den Sanddünen umher tollten.
Ich lernte, dass im Yukon die Uhren langsamer gehen. Die Menschen, davon sehr viele Nativs, sind freundlich und grüßen immer. Carcross besteht aus einem Laden, einem touristischen Marktplatz mit Kunstgeschäften der Natives und Cafés, ein paar Wohnhäusern, einer Polizeistation und einem Feuerwehrhaus. Ein kuscheliger Ort, der einlädt, um dort zu verweilen.

Am nächsten Tag fuhr ich die steile Rabbit Road hoch (mit einem normalen Wohnmobil undenkbar!) und ging auf einen Trail. Das Wetter war gut, aber die Tour wurde nasser als gedacht. Schmelzwasser lief in Bächen über den Trail. Oben angekommen, blies mir der Wind die letzten Haare vom Kopf und wir mussten zum Teil durch Tiefschnee stapfen. Die Hunde bekamen nach der Tour eine Dusche und Leckerlis, ich einen Kaffee. Gemeinsam genossen wir die Stille. Gegenüber von unserem Haus stand ein Washroom. Ein echtes Schmuckstück.
Whitehorse: Die letzte Stadt vor der Wildnis

Die nächste Station Richtung Norden war Whitehorse, die letzte größere Stadt im Norden. Auf dem Weg dorthin musste ich erst noch tanken. Jetzt waren wir wirklich im Outback angekommen. Nur noch einzelne Zapfsäulen, mit dem günstigsten Dieselpreis in der Gegend. Das sagte mir ein Kanadier, der ebenfalls am Tanken war.
In Whitehorse selbst geht es quirlig zu. Jeder, der ein Auto hat, fährt nach Whitehorse, durch Whitehorse hindurch, um Whitehorse herum. Viel Verkehr.
Wie immer suchte ich über Komoot einen Trail für uns drei und fand gleich bei Whitehorse einen wunderschönen Trail. Er verlief entlang am Yukon River, durch Wälder und zu einem See. Überall fanden sich Schilder: „Caution: Bear Area“. Ich gewöhnte mir an, beim Laufen etwas lauter zu sein, damit kein Bär überrascht wird. In einigen Abschnitten des Trails wurde es sogar mir etwas unheimlich.
Der Weg nach Alaska: Schlaglöcher, Schotter und „Unglaublich!“

Weiter nordwärts wurde die Gegend noch einsamer und die Straße rauer. Gut 140 km vor Alaska geht der Asphalt in Schotter über, die Schlaglöcher wurden größer, die Bodenwellen heftiger, bis hin zur Wellblechpiste. Dieser letzte Streckenabschnitt vor der Grenze zu Alaska ist legendär: Scharfkantiger Gravel, tiefe Mulden, Staub, und wenn ich zu schnell fuhr, hüpfte der Truck wie ein Känguru. Ich entwickelte meinen eigenen Slalom-Stil. „Unglaublich!“, wurde mein Lieblingswort, denn für den Straßenzustand gibt es kein anderes. Die Hunde hatten gelegentlich Stresssituationen aufgrund des Holters und Gepolters. Wie herrlich war es, wenn wir mal anhielten und die Landschaft genossen.
Alaska: der Traum vieler Menschen

Der Grenzübertritt nach Alaska war gründlicher als jeder andere bisher. Die Beamtin wollte sämtliche CDC-Formulare für die Hunde sehen, stellte viele Fragen, prüfte die Impfungen. Die Straße war wieder asphaltiert und damit die reinste Erholung. Die erste Nacht verbrachten wir unweit der Grenze auf einem malerischen Parkplatz. Es war sehr ruhig, da in der Gegend nur Reisende unterwegs sind.
Reiseziel war die Halbinsel Kenai, südlich von Anchorage, mit der Aussicht auf Bären, Seeadler, Elche und Lachse.
Alaska: Land der Weite, der Menschenleere, der Abenteuer. Von wegen Menschenleere! Je weiter ich Richtung Anchorage fuhr, desto voller wurden die Straßen. Es war ausgerechnet Wochenende und es kam mir vor, als würde jeder Bewohner von Alaska auf der Straße unterwegs sein. Kilometerlange Staus zu Parks oder anderen Ausflugszielen.
Die Leute sind dort mit Wohnmobilen (RVs), angehängten PKWs, Pickups und Quads auf dem Anhänger unterwegs, und jeder hat es eilig.
Alaska, ganz anders, wie ich es erwartet hatte. Nach der Ruhe und Wildnis des Yukon war ich ein wenig geplättet und fühlte mich in Alaska ein wenig deplatziert. Das Wetter mit Regen trug dazu bei, dass es nicht besser wurde.
Auf der Kenai-Halbinsel suchte ich Bären, und fand sie. Indirekt: frischer Kot am Wegesrand, Spuren am Fluss, einmal ein kurzes Rascheln im Unterholz. Die Hunde waren aufgeregt, ich vorsichtig. Am Fluss kämpften sich Lachse gegen die Strömung, ein Schauspiel, das ich minutenlang beobachtete und filmte.

Ein Trail durch einen fast tropisch wirkenden Wald war mitunter das Schönste von Kenai. Moos hing von den Bäumen, der Boden war matschig, überall summten Mücken. Irgendwann merkte ich, dass ich meine Dampfe verloren hatte, irgendwo auf dem Weg. Am Fahrzeug zurückgekommen, ließ ich die Hunde im Truck zurück und rannte die Strecke nochmal ab, suchte, schwitzte, fand sie nicht. Am Abend zeigte mein Schrittzähler 48.000 Schritte. Alaska hatte mir ein Souvenir genommen.
Denali-Nationalpark: Schönheit, Regeln und kleine Enttäuschungen

Der Denali-Nationalpark ist ein Traum für viele, die auf der Suche nach Wildlife sind. Für mich war er reizvoll, aber auch voller Regeln. Mit Hunden durfte ich nur einen einzigen Trail gehen, alle anderen Wanderwege waren tabu. Der Diesel war teuer, die Campgrounds voll, die Nächte laut wegen der vorbeirasenden Trucks. Einzig die Landschaft, die war spektakulär, und als ich endlich außerhalb des Denali einen Stellplatz fand, genoss ich die Sonne, was selten vorkam, wusch Wäsche, las und fühlte mich wohl.
Vom Denali ging es weiter Richtung Norden, nach Fairbanks. Fairbanks kannte ich von Filmen und Fernsehserien und wollte mir unbedingt die Stadt und Umgebung ansehen. Leider hat es dort geregnet. Von oben kam runter, was nur runterkommen konnte. Mehr ging aus meiner Sicht nicht. Echt schade. Von Fairbanks aus ging es direkt weiter in den kleinen Ort Tok. Hier treffen sich alle, die in Kanadas Nachbarstaaten kommen oder dorthin wollen. Der Ort ist ein echter Knotenpunkt, voller Geschichten und Reisender.

Ich entschied mich für den Rückweg nach Kanada, nicht den Alaska Highway zurückzufahren, sondern den legendären „Top of the World Highway“ zu nehmen, eine goldrichtige Entscheidung.
Top of the World Highway, Dawson City und Goldrausch-Atmosphäre

Die Fahrt über den Top-of-the-World-Highway war spektakulär. Die Schotterstraße verläuft über die Bergkämme, links und rechts nichts als Himmel, ringsherum Hügel. Die Wolken hingen anfangs so tief, dass ich kilometerweit durch dichten Nebel fuhr. Endlich brach die Sonne durch, die Landschaft leuchtete in Gold und Grün. Der Highway verläuft von Tok über Chicken durch die Grenze nach Dawson City. Am Yukon River angekommen, musste ich die Fähre über den Fluss nehmen, der an dieser Stelle eine gewaltige Strömung besitzt.
Die Fähre über den Yukon ist klein, das Personal beeindruckend. Ich wartete mit anderen Reisenden und fuhr auf das schwankende Deck, auf dem gerade einmal sechs Fahrzeuge Platz fanden. Die Kapitänin kannte ihre Fähre und brachte uns geschickt ans andere Ufer, und stand direkt in Dawson City, einer Stadt wie aus einem Western. Staubige Straßen, alte Holzfassaden, Saloons und zum Teil historische Fahrzeuge. Es hat sich in Dawson City seit dem Goldrausch fast nichts verändert. Vergleichbar mit Rothenburg ob der Tauber. Alt, hübsch, historisch und voll mit Touristen.

Es war Nachmittag und ich suchte einen Stellplatz bzw. Campground. Außerhalb von Dawson gab es einen, den ich ansteuerte, und wie der Zufall so spielt, kamen mir Peter und Inge mit ihrem Truck entgegen.
Sie hielten am Straßenrand an, ich kehrte um und gesellte mich zu ihnen. Ein freudiges „Hallo“ und strahlende Gesichter auf beiden Seiten. Es war wirklich erstaunlich, sich nach tausenden von Kilometern zufällig zu begegnen. Peter erzählte mir, dass sie auf dem Dome, oberhalb von Dawson, übernachten wollten. Das taten wir dann auch gemeinsam.
Auf dem Dome machte Peter ein Lagerfeuer, wir tranken ein Bierchen, redeten und genossen die wundervolle Aussicht auf Dawson City und den Yukon. Einfach traumhaft.
Wir blieben ganze drei Tage an diesem magischen Ort. Bummelten durch die Stadt, tranken ein Bierchen oder zwei, kauften ein und besuchten einen Markt. Am Tag der Abreise fuhr ich noch einmal in das Städtchen, um etwas einzukaufen.
Wie ich gerade das Fahrzeug abstellte und ausstieg, kam jemand auf mich zu. Er fragte mich, ob ich ihm im Laufe des Tages Zeit hätte, ihm und seiner Frau mein Fahrzeug zu zeigen. „Sure, no problem“, sagte ich. Wir einigten uns darauf, uns um 12:30 Uhr am Visitor Center zu treffen.
Dort zeigte ich Rod und seiner Frau, einer Native, das Fahrzeug und beide waren hellauf begeistert. Zum Dank für die Vorführung habe ich ein Bild von mir und Rod erhalten.
Rod verriet mir noch einen Geheimtipp. Ich solle mir den Haines Highway ansehen, denn dort hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Gletscher. Somit war das nächste Ziel gesetzt und es liegt auf dem Weg Richtung Süden. Jetzt, wo ich diese Zeilen niederschreibe, fällt mir ein, dass ich Rod per Mail noch ein paar Bilder vom Haines Highway schicken könnte.
Haines Highway: Auf dem Dach der Welt

Wir machten uns von Dawson City auf den Weg nach Haines. Das bedeutete zwei Tage fahren und wieder durch Whitehorse. Zum zweiten Mal.
Rod hatte recht. Der Highway ist ein Traum. Von Haines Kanada steigt er stetig an. Rechts die Berge, zum Teil noch mit Schnee bedeckt, entlang an Seen, Flüssen und Wäldern. Eine perfekt asphaltierte Straße und kaum Verkehr. An einem Gebirgsbach, etwas abseits des Highways, fanden wir einen wunderschönen Stellplatz.

Wie immer gab Komoot das Tagesziel mit einem Trail meiner Wahl an. Am King’s Throne, einem markanten Berg, wanderte ich mit Lucy und Bella einen Trail nach oben. Der Weg war steil, lang und anstrengend (1.100 HM). Unsere Mühe wurde durch einen atemberaubenden Blick ins Tal und auf den grün leuchtenden Kathleen Lake belohnt. Wir saßen oben, teilten Wasser, für mich einen Müsliriegel, für meine Hunde ein paar Leckerlis, und ich wusste: Genau solche Augenblicke sind es, für die ich aufgebrochen bin.

Bärenbegegnung: Adrenalin und Ehrfurcht

Dann kam der Tag, an den ich mich für den Rest der Reise erinnern sollte. Ich hatte einen kleinen, abgelegenen Trail ausgesucht, der auf der Hochebene vom Highway zu einem Gletscher führte. Wir waren zur frühen Stunde die einzigen auf dem Trail. Wiesen, Büsche, sanfte Hügel, auf deren Gipfel zum Teil Schnee lag. Wie wir so unterwegs sind, werfe ich einen Blick nach hinten, was ich eher selten mache. Was mich dazu bewegte, weiß ich bis heute nicht. Ich drehte mich um, und da stand er: Ein ausgewachsener Braunbär, vielleicht zehn Meter entfernt, aufgerichtet, neugierig, aber nicht bedrohlich.
Mein Herz setzte aus. Ich blieb stocksteif stehen, die Hunde spürten sofort, dass etwas anders war. Ich hob die Arme, sprach ruhig, aber bestimmt: „Hey Bear! ‚Go away!‘ Der Bär musterte uns einen Moment, schnüffelte und trabte dann gemächlich zurück ins Unterholz. Kein Angriff, keine Hektik, nur Respekt auf beiden Seiten.
Der Rückweg war der längste meines Lebens. Ich drehte mich alle paar Schritte um, mit der Erwartung, der Bär könnte uns folgen. Erst als wir den Truck wieder sahen, fiel die Anspannung ab. Ich wusste: Die Wildnis ist wunderschön, aber sie duldet keine Leichtsinnigkeit.
Haines, Alaska: Grenzformalitäten und eine Reifenpanne
Nach diesem Erlebnis ging die Fahrt noch am selben Tag weiter, weiter nach Süden zur Stadt Haines, Alaska. Richtig gelesen. Es gibt an jedem Ende des Haines Highways einen Haines. Eines in Kanada, eines in Alaska.
Haines, Alaska, wollte ich ansteuern, da man dort ganz gute Aussichten auf Grizzlys und Weißkopfseeadler haben soll.
Die Freude darauf wurde an der Grenze gleich gedämpft. Die amerikanische Grenzbeamtin blaffte mich gleich an: „Ausmachen!“ Ich machte brav den Motor aus. Anschließend kam die Frage, wo ich wohne. Häh? Sie hat mich auf Deutsch gebeten, ich solle den Motor ausmachen, also wusste sie, dass ich ein Deutscher bin.
Dann noch Wau, Wau, Wau, meine beiden Beifahrer. Das hat die Grenzbeamtin mit Freuden angenommen und sofort nach den CDC-Formularen verlangt. Bis dahin hatte nie irgendjemand danach gefragt. Nach ein paar weiteren Standardfragen ließe sie mich dann endlich weiterfahren.
Die Gegend vor Haines am Flussdelta ist wirklich schön. Ich war froh, nach etwa 100 km hinter der Grenze in Haines die Tankstelle zu sehen. Ansonsten sah ich in Haines nicht viel. Den Trail, den ich gehen wollte, konnte ich mit dem Fahrzeug nicht erreichen, einen Stellplatz hatte ich auch nicht gefunden und von Grizzlies und Seeadlern weit und breit keine Spur. Da ich mich dort nicht wirklich wohlfühlte, beschloss ich kurzerhand, die Rückreise anzutreten, zurück nach Kanada.
Mein Unwohlsein wurde durch einen Reifenschaden bestärkt. Vom Reifen löste sich bereits das Profil und flog hinten weg. Im Schritttempo konnte ich gerade so einen Parkplatz erreichen, um den defekten Reifen zu wechseln.
Der Wechsel wurde zur Prüfung meiner Fähigkeiten. Ich hatte Werkzeug, aber der Wagenheber war mühsam, das Ersatzrad schwer. Die Hunde beobachteten mich neugierig und geduldig. Ich schwitzte, fluchte, aber am Ende war das Rad drauf und ich war erledigter als nach jeder Wanderung. Es sind diese kleinen Krisen, die das Selbstvertrauen stärken, und die Reise zu einer Schule des Lebens machen.
Nach diesem Drama musste ich zwangsläufig abermals Edmonton als Etappenziel einplanen, um mir dort einen neuen Ersatzreifen zu besorgen.
Stewart-Cassiar Highway: Zurück durch die Wildnis

Von Whitehorse aus, das ich nun schon zum dritten Mal besuchte, nahm ich den Rückweg über den Stewart-Cassiar-Highway. Diese Straße ist weniger bekannt als der Alaska Highway, aber mindestens so wild und schön. Die Straße schlängelt sich durch dichte Wälder, vorbei an einsamen Seen. Immer wieder kreuzten Schwarzbären unseren Weg. Einmal saß ein Bär direkt am Straßenrand, schaute mich an, zuckte mit den Schultern (so schien es zumindest) und trottete weiter. Begegnungen wie aus einem Bilderbuch.
Am Dease Lake hielt ich an, um die Nachrichten zu checken. Dort erfuhr ich, dass meine Enkelin Elea geboren wurde, ein magischer Moment.
Herausforderungen auf Tour
Nicht jeder Tag war ein Highlight. Es gab verregnete Tage, langweilige Highways, hungrige Moskitos, kalte Nächte. Auf einem Stellplatz an einem wunderbaren See (Kinaskan Lake Provincial Park Campground) fiel die Hydraulik der Hubstützen aus und ich saß fest. Mit Unterstützung aus Deutschland konnte ich die Fahrt fortsetzen, jedoch ohne die Hubstützen verwenden zu können. Das Problem würden wir lösen, wenn ich wieder in Edmonton bin. Ich improvisierte mit einer Bypass-Steuerung, schraubte, fluchte, lernte Geduld.
Edmonton: Reparaturen, Problemlösung und wieder Regen mit Moskitos

Wieder in Edmonton angekommen, kümmerte ich mich sofort um Ersatzreifen. Das zweite war, das Problem mit der Hydraulik in den Griff zu bekommen.
Wie schon bei meinem ersten Besuch in Edmonton hat es wieder geregnet. Es hat jeden Tag oder jede Nacht geregnet und die Moskitos wurden immer zahlreicher.
Ein aufregender Moment war der, als Jochen seinen Rasenmäher abfackelte. Beim Versuch, das hohe Gras zu schneiden, fing der Rasenmäher (einer, auf dem man sitzt) Feuer. Mit dem Feuerlöscher konnten wir verhindern, dass er nicht vollends abgebrannt ist. Totalschaden war es trotzdem und somit machten wir uns auf den Weg, einen neuen zu kaufen. Für satte 4.500 $.
Jetzt kann Jochen, wenn die Sonne scheint und es nicht zu nass ist, den Rasen auf seinem riesigen Grundstück mähen, und das mit stolzen 88 Jahren.
Fazit: Was bleibt nach 15.450 Kilometern
Was blieb, war das Gefühl, etwas wirklich Großes erlebt zu haben. Nicht jede Etappe war spektakulär, aber jede hatte ihre eigene Magie. Die USA zeigten mir Offenheit, Kanada schenkte mir Weite, der Yukon bot Abenteuer und Alaska überraschte mich auf unerwartete Weise. Ich lernte, dass Reisen auch oft Herausforderung bedeutet, dass Freundlichkeit wichtiger ist als Komfort und man seinen eigenen Instinkten folgen sollte.
Schöne und weniger schöne Erinnerungen, die bleiben. Zwei Reifenschäden, ein Hydraulikdefekt, alles lösbar. Viele neue Bekannte, Begegnungen, Lagerfeuerabende, Wildlife und vieles mehr.
Meine wesentlichsten Erkenntnisse:
- Planung ist gut, aber Flexibilität ist wichtiger.
- Werkzeug und Geduld gehören in jeden Koffer.
- Die besten Tage sind die, an denen man einfach bleibt, wo es gerade angenehm ist.
- Freiheit und Sicherheit sind kein Widerspruch.
- Die Erinnerungen wachsen mit dem Neuen, auf das man sich einlässt.



