Das Reisen mit einer Pick-up Wohnkabine nimmt an Beliebtheit zu. Die Abenteuer & Allrad 2019 zeigte ein weiteres ja die Zunahme bei dieser Art des Reisens mit flexiblen Unterbau. Wir von Matsch&Piste trafen Roger Nies, vom bekannten Wohnkabinen-Blog wohnkabinen.online auf der Messe und fragten ihn, was die Vorteile dieser Wohnkabinen sind.

Hallo Roger, erzähle kurz wie du zum Offroad Fahren gekommen bist.

Angefangen hat alles irgendwann 1988/89 mit dem Erscheinen des Suzuki Vitara Cabrio. Das Auto war damals eine Sensation und ich habe es sofort bestellt. Dann wollte ich gerne mal mit dem Fahrzeug ins Gelände. In Siegen gab es damals einen Geländewagen-Club. Mein erster Abend im Club endete mit einer stundenlanger Bergeaktion im Schneesturm. Das fand ich klasse. Seitdem war ich angefixt. Schnell merkte ich aber, dass ein Vitara nur bedingt Offroad tauglich war. Und dann wechselten die Fahrzeuge in schneller Reihenfolge. Vom Daihatsu F10 bis zum Mahindra 340 war alles dabei. Ich glaube mein jetziger Ford Ranger ist die Nummer 17. Die Höhepunkte der Offroad Karriere waren die Teilnahme an der Abenteuer-Rallye München-Breslau, der 3. Platz in der Jahreswertung beim Bayern Cup im Geländewagen Trial und die Teilnahme an der Sahara Rallye Errimel bzw. dann später mehrmals als Orga bei der Grand Erg in Tunesien.

Und wie bist du dann zur Pick-up Wohnkabine gekommen?

Irgendwann machte mir das Kiesgrubenfahren nicht mehr so viel Spaß und auch das Rallyfahren war stressig und kostenintensiv. Man bereiste ein Land wie beispielsweise Tunesien und hatte letztlich doch nichts gesehen, weil man sich auf das Roadbook und andere Dinge konzentrieren musste. So kam ich zum Offroad-Reisen mit meinem geliebten Defender.

Erst der Td5, ab 2007 dann mit dem Td4. Dabei wurden die verschiedensten Schlafmöglichkeiten ausprobiert. Im Zelt, im Auto und zum Schluss dann mit einem Hannibal Dachzelt. Mir ging aber das fast tägliche Auf- und Abbauen des Dachzelts auf den Nerv. In der Wüste, bei heftigen Temperaturen, war das schon mal sehr anstrengend. Irgendwann, auf der Heimreise von Tunesien, überholte mich ein Pick-up mit einer kompakten Four-Wheel Camper Kabine. Das fand ich irgendwie cool. Ein Wohnzimmer, welches man immer dabei hat. Stehenbleiben, Dach auf – fertig.

Nach 14 Jahren das Reisefahrzeug-Konzept gewechselt.

Nach 14 Jahren das Reisefahrzeug-Konzept gewechselt.

Da kam ich dann schon ins Grübeln und beschäftigte mich zum ersten Mal mit dem Thema. Ein Schlüsselerlebnis war dann ein Unwetter in Sardinien. Die ganze Nacht stürmte und regnete es. Wir machten kein Auge zu. Nach dem Frühstück kam der nächste Sturm auf. Wir rafften unsere Klamotten zusammen, schmissen diese nass in den 110er Defender und saßen dann stundenlang gelangweilt und unbequem auf den Vordersitzen. Was nun? Es sah nicht nach Besserung aus! Wir buchten erst mal ein Mobilheim für ein paar Tage, um die Klamotten und Zelt wieder trocken zu legen. Dabei wurde der Entschluss gefasst, eine Fernweh Kabine von Benno Cramer zu kaufen. Kaum zu Hause angekommen war der Defender in wenigen Tagen verkauft und die Kabine bestellt.

Und wie bist du zu deinem Blog gekommen?

Aus den Reisen der letzten Jahren, schlummern etliche Fotos auf meiner Festplatte. Und an jeder Tankstelle oder bei jedem Supermarkt werde ich auf mein Auto begeistert angesprochen. Und ich merke das der Pick-up-Camper, Absetzkabine oder Wohnkabine oder wie man sie auch immer nennen mag, ein absoluter Exot und relativ unbekannt ist.

Ich bin irgendwann auf die Idee gekommen ein Portal zu schaffen, wo es ausschließlich um Pick-up Absetzkabinen, dessen Zubehör und entsprechende Reisetipps geht. Und wenn jemand dann Interesse an diesem Hobby hat, kann er sich auf meiner Seite wohnkabinen.online einen Überblick über die verschiedenen Kabinen verschaffen, Ideen und Tipps holen. Es gibt also die Homepage, einen Youtube-Kanal und eine Facebookseite.

Das Ganze steckt natürlich noch in den Kinderschuhen und ich bin erst drei Monate online. Im Moment auch noch sehr Fernweh-Mobil-lastig.Aber das soll sich ja noch ändern und ich will die verschiedensten Arten von Wohnkabinen im Laufe der Zeit vorstellen. Von luxuriös bis spartanisch. Und der Erfolg und die Rückmeldungen begeistern mich. Das alles ist ein Hobby und ich bin auch kein Fotograf oder Schriftsteller. Ich freue mich einfach wenn andere Menschen von der Seite etwas mitnehmen können.

Somit haben wir eben schon die ersten Vorteile der Kabine gehört. Aber das Intervie heißt ja „Die 10 Vorteile der Wohnkabine“. Da muss also noch etwas kommen.

Ja, also los geht´s:

Punkt 1: Autark – Wie schon eben beschrieben, bin ich fast frei von Wettereinflüssen in meiner Kabine. Wenn es draußen zu frisch ist, hocke ich mich in die Pick-up Wohnkabine und mache meine Planar-Standheizung an und lese ein Buch oder koche was. Und auch ein Sturm mit Regen, Blitz und Wind macht der Kabine wenig aus. Wenn es mal zu haarig wird, schließe ich das Popup-Dach und schlafe auf den unteren Reihen. Die Fernweh Kabine wurde extra so konzipiert, dass man auch mit geschlossenem Dach leben kann. Hat auch den Vorteil, wenn man mal mitten in der Stadt nächtigen muss. Es merkt keiner, dass da einer im Fahrzeug liegt. Ausgestattet mit Solaranlage und Frischwasser Tanks kann man schon mal ein paar Tage autark stehen.

Griechenland - Tagelange Ruhe im Olivenhain.

Griechenland – Tagelange Ruhe im Olivenhain.

Punkt 2: Reisegeschwindigkeit – Meine bevorzugten Reiseziele liegen für mich im Süden Europas. Das heißt automatisch eine lange Anfahrt. Oft bis Genua, Livorno oder Ancona, um mit der Fähre nach Korsika, Tunesien, Sardinien oder Griechenland zu kommen. Das heißt erstmal Kilometer schrubben. Und dann bin ich froh, dass meine Reisegeschwindigkeit so um die 110-120 km/h liegt. Je nach Motorisierung des Pick-ups geht auch mehr. Ein Vorteil gegenüber den LKW-Reisemobilen, die zu einer Geschwindigkeit von 80 km/h gezwungen werden.

Am Monte Belini.

Am Monte Belini.

Punkt 3: Allzeit bereit – Man hat sein Hotelzimmer mit seiner gewünschten Ausstattung immer dabei. Küche, Schlafzimmer Heizung etc. Alles was man zum Leben braucht. Es gibt Kabinen mit luxuriöser Ausstattung. Oder aber auch offroad- und pistentaugliche rustikale Kabinen für den etwas härteren Einsatz. Jeder wie er mag. Ist ein Bad mit Nasszelle im Fahrzeug verbaut, wird die Kabine allerdings so groß und schwer, dass die Offroad-Eigenschaften ziemlich verlorenen gehen. Der dann lange Hecküberhang und somit der hintere Böschungswinkel verschlechtern sich gravierend und überhaupt schränken dann die größeren Abmessungen die Offroad-Gängigkeit ein.

Ich habe lange gebraucht bis ich es verstanden habe, aber es ist so. Deshalb haben wir uns für eine Außendusche – ein Duschzelt – entschieden. Man kann stehen bleiben wo es einem am besten gefällt. Durch die Offroad-Eigenschaft auch etwas abseits vom Trubel der Massen. Wild campen ist zwar in fast ganz Europa verboten, aber meistens findet sich immer irgendwo ein schönes Plätzchen. Meiner Meinung nach sollte man auch die Camping-Infrastruktur im Ausland nutzen, denn schließlich lebt die Bevölkerung vom Tourismus. Es nutzt dem Land nichts wenn man mit vollgepackter Kühltruhe anreist und Wildcamping betreibt. Es gibt auch tolle naturnahe Campingplätze. Und die landestypische Küche auszuprobieren, finde ich immer spannend.

Punkt 4: Flexibilität – Eine Pick-up Wohnkabine ist in der Regel schnell abgesattelt. Manche mit Stützen, manche benötigen einen Spezialwagen. So spart man sich einen Zweitwagen und nutzt den Pick-up als Alltagswagen und für den Urlaub sattelt man die Kabine auf. Bei Parkhäusern sollte man sich aber immer schön daran erinnern, dass man noch ein Häuschen auf der Ladefläche hat. Ich lasse meine Kabine ganzjährig auf dem Fahrzeug, da ich noch einen Zweitwagen besitze. Und das Fernweh-Mobil ist so kompakt gebaut, dass es kaum Einschränkungen gibt. Man fährt damit auch in eine italienische Kleinstadt bis vor die Markthalle und parkt neben den anderen PKWs. Größere Mobile müssen außerhalb parken und die Insassen dann mit öffentlichen Verkehrsmittel in die Innenstädte fahren.

Sardinien, ein Traum.

Sardinien, ein Traum.

Punkt 5: LKW Zulassung – Verfügt man über einen Single Cab, also einen Zweisitzer-Pick-up oder über einen Extra Cap- also einen 1,5-Sitzer, hat man das Glück, dass man in den Genuss einer LKW Zulassung kommt.

Punkt 6: Wohnmobilversicherung – Ich habe nach langem suchen eine Versicherung gefunden die meine Kombination als Wohnmobil versichert. Das Problem ist, dass bei einer LKW-Zulassung die meisten Versicherungen das Fahrzeug auch nur als solches versichern. Das hebt dann den preislichen Vorteil der LKW-Versicherung auf. Ich hoffe das ich in Kürze den Artikel über meine Wohnmobilversicherung fertig bekomme. Das kann man dann im Spätsommer auf meiner Seite www.wohnkabinen.online nachlesen, wie man eine Wohnmobil Versicherung hinbekommt.

Naturcampingplatz

Naturcampingplatz

Punkt 7: Langlebigkeit – Man tätigt die hohe Investion in die Kabine nur einmal und hat dann lange Jahre oder gar Jahrzehnte Freude daran. Gerade die Fernwehkabine von Cramer Technik scheint für die Ewigkeit gebaut. Unverwüstliches GFK, kaum Holz, welches weg schimmeln kann und alles so konstruiert, dass es überall auf der Welt leicht zu reparieren ist. Andere Kabinen haben mittlerweile ähnlich gute Prognosen. Ich denke die Produzenten haben da gelernt und an der Qualität gearbeitet.

Auch die Materialien sind andere, als wie vor vielleicht 10 Jahren. Der größte Vorteil ist, dass das Basis-Fahrzeug nach Geschmack und Geldbörse getauscht werden kann. Die Palette ist mittlerweile groß. Alle namenhaften Fahrzeughersteller sind auf den Pick-up-Trend aufgestiegen. Die meisten Kabinen passen ohne Probleme auf die EU Pick-ups. Sollte das Basis-Fahrzeug einmal aus Altersschwäche sterben, so tauscht man es aus. Diesen Nachteil sehe ich besonders bei den vollintegrierten Wohnkabinen. Also wo die Kabine mit dem Fahrzeug unwiderruflich verbunden wurde. Man kauft für viel, viel Geld ein Fahrzeug mit Kabine und je nach Reiseart hat man schnell seine Kilometer auf dem Buckel. Ein Austausch des Fahrzeugs ist kaum möglich. Ich hätte keine Lust viel Geld für ein Auto zu bezahlen, welches schon viele Kilometer auf dem Tacho hat. Liegt vielleicht auch daran, dass ich mir am Fahrzeug selbst nicht viel helfen kann.

Und wenn man sieht, wie die Umweltauflagen sich bei uns ändern, finde ich es toll, wenn man das Grundfahrzeug gegen ein Fahrzeug tauschen kann, welches auf dem neuesten Stand der Technik ist. Klar kann man bei älteren Fahrzeugen noch einiges selber machen – Aber die Zeiten der Technik, ganz ohne Elektronik sind schon lange vorbei. Und UPS versendet weltweit Ersatzteile. Meiner Meinung nach sind alte Autos mit einfacher Technik für Weltreisende interessant. Innerhalb Europas sehe ich da keine großen Probleme mehr.

Abseits der asphaltierten Wege findet man traumhafte Plätze.

Abseits der asphaltierten Wege findet man traumhafte Plätze.

Punkt 8: Wiederverkaufswert – Gerade Pick-ups sind sehr wertstabil und gesuchte Fahrzeuge. Bis jetzt waren sie ja eher Exoten auf dem Fahrzeugmarkt und dementsprechend gering ist der Gebrauchtwagenmarkt. Da viele Kabinenhersteller zur Zeit auf ein bis zwei Jahre ausgebucht sind, ist hier auch eine Preisstabilität gegeben. Manche Kabinenarten sind begehrte Objekte und erzielen hohe Preise. Wie überall im Leben: Angebot und Nachfrage.

Punkt 9 : Geländewagen – Mit einem Pick-up kann man noch einen der letzten echten Geländewagen als Neufahrzeug erwerben. Die SUV´s haben in den letzten Jahren die Geländewagen verdrängt. Die Klassiker sind verschwunden. Selbst die kultigen Lada und Land Rover Defender sind vom Markt. Übriggeblieben sind noch der Jeep Wrangler, der G, der Toyota Land Cruiser, ein paar Import Toyotas, der neue Suzuki Jimny GJ und jetzt muss ich schon überlegen…das wars! Es gibt also noch Allrad- und Reduktionsgetriebe und Hinterachssperre und Blattfedern käuflich zu erwerben. Und der Zubehörmarkt boomt. Das sucht man alles bei den meisten SUV´s vergeblich.

Punkt 10 : Komfort und Verbrauch – Ein Pick-up neuester Generation ist keine Rumpelkarre mehr, sondern kann auch komfortabel ausgestattet sein. Weil man sich im Gewicht bis 3,5 Tonnen Gesamtgewicht befindet, hat man die gleichen Rechte wie ein PKW. Das macht sich auch bei den Mautkosten im Ausland bemerkbar. Durch das Popup-Dach hat man gegenüber den Alkoven-Kabinen oder anderen großen Mobilen eine bessere Aerodynamik. Das spart auch Sprit. Ich benötige voll beladen nur 11,8 Liter auf 100 km/h. Also gegenüber den Reise-LKWs sind das Peanuts. Die liegen oft jenseits der 20 Liter.

So, dass waren jetzt 10 Gründe und mehr. Wie du also merkst, gibt es keinen Grund, keinen Pick-up mit Absetzkabine zu kaufen. Viele weitere Vorteile, Bilder, Wohnkabinen, Reisetipps und Zubehör gibt es auf www.wohnkabinen.online.

Wir danken Dir für das Interview und die interessante Sicht auf das Thema Wohnkabine für Pick-ups.

Stellplatz mit eigenem Strand.

Stellplatz mit eigenem Strand.

© Fotos: Roger Nies