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Taubenreuther 60 Jahre Rallye

60 Jahre Taubenreuther: Matsch, Feuer und eine Familie, die einfach nicht aufgibt

Wenn ihr in der Offroad-Szene unterwegs seid, kennt ihr den Namen Taubenreuther. Das Unternehmen sitzt in Kulmbach in Oberfranken und feiert dieses Jahr sein 60-jähriges Jubiläum. Und wenn ihr den Namen noch nicht kennt, wird es höchste Zeit. Denn die Geschichte dieser Firma ist so wild, so hartnäckig und so verdammt leidenschaftlich, dass wir sie euch einfach erzählen müssen.

Es fing an mit Baumaschinen, aber nicht lange

1966 gründeten Dieter und Bernd Taubenreuther senior ein Handelsunternehmen für Bau- und Landmaschinen. Sie kümmerten sich um Vertrieb, Service und Reparatur, und das Geschäft lief gut. Aber Bernd senior war kein Mann, der sich mit gut zufriedengab. Er war Abenteurer und Visionär, ständig in den USA unterwegs und immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Als er dort auf WARN stieß, eine damals noch recht junge Firma, die die ersten Seilwinden für private Fahrzeuge baute, war sofort klar: Das muss nach Deutschland kommen.

Taubenreuther 60 Jahre

Das war genau die Zeit, als die ersten Jeep und Land Rover für den Privatmarkt rauskamen. Die Seilwinden, die es bis dahin gab, waren für Militär und Forstwirtschaft gebaut, also viel zu groß und viel zu schwer für den normalen Gebrauch. WARN änderte das, und Taubenreuther brachte die Technik nach Europa.

Ungefähr zeitgleich entstand auch die Partnerschaft mit ARB. Beide Verbindungen halten bis heute, also seit über 50 Jahren. Das muss man erstmal schaffen.

Anfang der 1970er übernahm Bernd senior das Ruder komplett und verlagerte den Schwerpunkt auf Sonderfahrzeuge wie Motorschlitten, Pistenfahrzeuge und robuste Zugmaschinen. Der Eintritt in den Verband der Bergungs- und Abschleppunternehmen machte es dann endgültig offiziell: Offroad war ab jetzt die Richtung.

Eine Seilwinde schreibt Offroad-Geschichte

In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren wandelte sich Taubenreuther vom reinen Händler zum technischen Spezialisten. Der Vertrieb klassischer Baumaschinen trat in den Hintergrund, und stattdessen baute das Unternehmen robuste Zugfahrzeuge, Speziallösungen für Rettungsdienste und immer mehr Zubehör für den Geländeeinsatz aus.

1980 folgte dann ein echter Meilenstein: Taubenreuther entwickelte einen eigenen Seilwinden-Anbausatz für die legendäre WARN 8274 am Range Rover. Das wirkte erstmal wie eine clevere Detaillösung, wurde aber ziemlich schnell viel größer als gedacht. Bei der Camel Trophy in Sumatra wurden nämlich sämtliche Fahrzeuge mit genau dieser Kombination ausgerüstet. Ohne die Taubenreuther-Lösung wäre eines der härtesten Abenteuerformate seiner Zeit so wahrscheinlich gar nicht durchführbar gewesen. Taubenreuther-Technik hat die Camel Trophy am Laufen gehalten, und das ist keine Übertreibung.

Taubenreuther 60 Jahre Camel Trophy
Camel Trophy

 

Der Schlag, der alles veränderte

1982 starb Bernd Taubenreuther senior völlig unerwartet mit nur 44 Jahren. Das war ein Schock für die Familie und ein Schock für das Unternehmen. Von einem Tag auf den anderen mussten Strukturen neu gedacht, Verantwortung neu verteilt und wirtschaftlich harte Entscheidungen getroffen werden.

Gisela Taubenreuther führte das Geschäft weiter, und langjährige Mitarbeiter übernahmen Schlüsselrollen. Dann traten die Söhne des Gründers, Axel und Peter Taubenreuther, ins operative Geschäft ein. Peter übernahm den kaufmännischen Bereich, Axel den technischen mit Produktentwicklung, Werkstatt und allen technischen Abläufen. Die beiden stellten praktisch alles neu auf.

Taubenreuther 60 Jahre Team Anfang 90er
Team Anfang der 90er

Geprägt von den Reisen ihrer Eltern nach Skandinavien und in die USA, brachten Axel und Peter frische Ideen, internationale Kontakte und jede Menge technisches Know-how mit. Sie entwickelten eigene Montagekits und passten Produkte konsequent an europäische Standards an.

In den 1980er- und 1990er-Jahren etablierten sie unter anderem die Marke ARB in Europa und waren Mitbegründer der 4×4-Szene. Dabei entstand ein Prinzip, das bis heute gilt: Was importiert wird, wird auch technisch weiterentwickelt und an europäische Anforderungen angepasst. Diesen Anspruch spürt man bei Taubenreuther in jedem einzelnen Produkt.

Dann brannte alles nieder

Gerade hatte sich das Unternehmen stabilisiert und die schwierigen Jahre nach dem Tod des Gründers waren überstanden. Und dann kam der 3. Juni 1991: Das Firmengebäude in Kulmbach brannte beinahe vollständig ab. Wenige Tage später stellte sich heraus, dass es Brandstiftung war. Die Ware war weg, die Infrastruktur war weg, und das Herzstück des Betriebs lag in Schutt und Asche.

Taubenreuther 60 Jahre Brand
Brand 1991

Aber aufgeben kam für Taubenreuther nicht in Frage. In provisorischen Zelten wurde Ware gelagert, Büroräume und Werkstatt wurden notdürftig eingerichtet, und der Betrieb lief einfach weiter. Und dann zeigte sich etwas, das vielleicht noch beeindruckender war als der Wiederaufbau selbst: das Netzwerk, das Taubenreuther über Jahrzehnte aufgebaut hatte. Lieferanten, Partner, Freunde und regionale Betriebe standen alle an der Seite der Familie, mit Tatkraft, mit Vertrauen und mit finanzieller Unterstützung. Bei Taubenreuther war man eben nie nur Geschäftspartner, man war Teil einer großen Offroad-Familie.

Und nur ein Jahr später wurde bereits das Richtfest des neuen Gebäudes gefeiert. Ein Jahr nach einem Totalverlust, das ist schon ein ziemliches Statement.

Die Transylvania Trophy: Abenteuer für den echten Offroad-Geist

Die 1990er brachten Expansion und Abenteuer, und damit auch ein ganz besonderes Kapitel der europäischen Offroad-Geschichte. Im Mai 1993 fand die Transylvania Trophy zum ersten Mal statt. Sie wurde als Alternative zur Camel Trophy ins Leben gerufen, hatte aber einen entscheidenden Unterschied: Hier kam niemand mit einem Sponsorenfahrzeug an den Start, denn die Teilnehmer reisten mit ihren eigenen Autos an.

Einzelkämpferdenken war fehl am Platz, weil sich die speziellen Aufgaben nur als Team meistern ließen. Die Teilnehmer fuhren durch abgelegene Regionen in Rumänien und der Ukraine, arbeiteten sich mit Roadbooks aus eigener Entwicklung durch das Gelände und mussten Herausforderungen meistern, die wirklich alles abverlangten. Für viele war es schlicht das Abenteuer ihres Lebens.

Taubenreuther 60 Jahre

Veranstaltet wurde die Trophy von WARN und dem deutschen OFF-ROAD Magazin. Organisiert und durchgeführt hat sie Claus Leihner. Und die Sponsorenliste liest sich wie ein Who’s Who der Szene: Taubenreuther, Delta 4×4, PIAA, Fulda, General Tire und viele mehr. Auch die beiden britischen 4×4-Magazine AND und LRO waren an Bord, und Journalisten berichteten europaweit über die Veranstaltung, auch in Amerika.

Taubenreuther spielte bei der Trophy eine zentrale Rolle. Zu Beginn jeder Veranstaltung hielt das Team aus Kulmbach Einweisungen zur richtigen Bedienung der Seilwinden ab, die den Teilnehmern für die Dauer der Trophy zur Verfügung gestellt wurden. Das meistgenutzte Modell war die WARN 8274, die man übrigens bis heute regelmäßig im Einsatz sieht, auch in vielen Umbauversionen.

Matchbox-Autos im Matsch

Wenn ihr euch fragt, wie Offroad bei Taubenreuther so tief in die DNA gelangt ist: Die Familie wohnte direkt auf dem Firmengelände. Bernd Taubenreuther junior, heute zusammen mit seinem Bruder Frank einer der beiden Junior-Chefs, erinnert sich gut an diese Zeit. „Als wir klein waren, sind wir immer in der Firma Inlineskates und Kettcars gefahren. Und natürlich sind wir auf den Maschinen rumgeklettert.“

Aber ihr Lieblingsspiel war ein anderes: Sie haben Löcher gebuddelt, den Gartenschlauch aufgedreht und ihre Matchbox-Autos durch den Matsch gepflügt. Selbst im Urlaub am Meer hat Bernd eigentlich nur eins interessiert, nämlich die Ablaufrinne. „Weil man da so geil mit seinem Auto durch den sandigen Schlamm fahren konnte.“ Das Offroad-Gen war bei den jungen Taubenreuthers offensichtlich von Anfang an da.

Taubenreuther 60 Jahre Messe

Jedes zweite oder dritte Wochenende ging es zu irgendeinem Festival oder einer Fahrzeugvorführung. Und auch im Urlaub war immer ein Anhänger voller Produkte dabei, mit mindestens zehn Stopps, bei denen der Vater irgendjemandem etwas vorbeigebracht hat.

Motorsport und internationale Präsenz

Auch abseits der Transylvania Trophy wuchs Taubenreuther in den 1990ern international. Es entstanden Tochtergesellschaften und Beteiligungen in Österreich, Ungarn, Rumänien, Italien und Großbritannien. Das Unternehmen wurde Lieferant für Fahrzeughersteller wie Mitsubishi und Ford, begleitete internationale Events und feierte Erfolge im Motorsport, unter anderem bei der El Chott, der Baja Italia und der UAE Desert Challenge.

Taubenreuther 60 Jahre
UAE Desert Challenge
Taubenreuther 60 Jahre Rallye
Baja Italia 1996

Dazu kamen eine ISO-Zertifizierung, eigene Entwicklungsabteilungen, CAD-gestützte Produktentwicklung und ein früher Einstieg in den Onlinehandel. Der Anspruch war immer derselbe: Technik weiterdenken und weiterentwickeln.

Die testen wirklich alles

Was Taubenreuther von vielen anderen in der Branche unterscheidet: Sie testen, was sie verkaufen. Und zwar wirklich. Aktuelle Pick-ups oder Fahrzeuge wie den Suzuki Jimny kaufen sie sich oder arbeiten mit befreundeten Autohändlern zusammen, und dann werden Produkte angebaut, ausprobiert und bewertet.

Für Eigenentwicklungen wie Unterfahrschütze oder Seilwindenhalter brauchen sie die Fahrzeuge ohnehin vor Ort. Die werden mit einem 3D-Scanner erfasst, dann entsteht in Kulmbach ein Prototyp, und wenn alles passt, geht es in die Serienproduktion. Viele Produkte werden in Deutschland gefertigt und der Rest in Europa, aber immer bei Partnern, mit denen Taubenreuther seit Jahren zusammenarbeitet.

60 Jahre, und es geht weiter

Taubenreuther 60 Jahre Team 2025

Heute steht Taubenreuther für hunderte Eigenprodukte, noch mehr Einzelgutachten und sechs Jahrzehnte gelebte Pionierarbeit. Social Media, YouTube und datengetriebene Prozesse ergänzen die klassische Offroad-Kompetenz. Begleitend dazu wurde die Infrastruktur gezielt ausgebaut: Das Lager ist deutlich erweitert worden, und mit der aktuellen Fertigstellung einer neuen, modernen Lagerhalle verfügt Taubenreuther heute über effiziente, zukunftsfähige logistische Strukturen.

Taubenreuther 60 Jahre

Gleichzeitig wandelt sich die Reise- und 4×4-Welt. Der Trend geht weg vom klassischen Offroader hin zu Reisefahrzeugen auf Basis von Sprintern und Kastenwägen. Taubenreuther hat das früh erkannt und bietet seit einiger Zeit Artikel wie Dachträgersysteme, Unterfahrschütze und Seilwindenbausätze für dieses Segment an. Aber eins ist dabei völlig klar: Produkte für Luxuswohnmobile wird es bei Taubenreuther nie geben. Das Unternehmen will Kastenwägen pisten- und offroadtauglicher machen, und dabei bleibt es.

2026 markiert nicht nur das 60-jährige Jubiläum, sondern auch den nächsten Schritt: neues Logo, neuer Look, neuer Online-Shop und der klare Blick nach vorn.

Taubenreuther 60 Jahre

Sechs Jahrzehnte, der plötzliche Tod des Gründers, ein Großbrand, zig Rallyes und tausende Produkte liegen hinter dieser Firma. Und trotz allem sind sie sich treu geblieben. In einer Branche, die sich gerne mit großen Worten schmückt, lässt Taubenreuther lieber die Technik sprechen. Weil die nämlich funktioniert, und zwar draußen, wo es wirklich zählt.