Seit über 30 Jahren ist die El Chott eine Institution für Rallye-Fahrer in Nordafrika. Nach den Anschlägen Ende Juni gab der Veranstalter Jörg Schumann diese Woche bekannt, dass die Rallye auf Grund der niedrigen Teilnehmerzahlen 2015 nur in Form einer Sahara-Tour stattfinden wird. Wir sprachen mit Jörg über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der „El Chott Sahararallye de Tunisie“.

Wie lange gibt es die El Chott schon?

Die El Chott hat erstmals im Jahr 1981 stattgefunden. Sie ist also nach der inzwischen in Südamerika stattfindenden Rallye DAKAR die zweitälteste Wüstenrallye in Nordafrika. Zu Beginn eher eine Abenteuerveranstaltung gleichgesinnter Offroad- und Wüstenfans wurde sie schnell zu einer der größten Amateurrallyes. Zwischendurch hat sie unter verschiedenen Organisatoren auch einmal den Namen gewechselt, bis ich die Rallye 2010 übernommen und wieder als „El Chott – Sahararallye de Tunisie“ weitergeführt habe.

Wie bist du auf die Idee zur Veranstaltung gekommen?

Wie ihr seht, war die Rallye also nicht meine Idee, sondern die ihres Gründers Jörg Steinhäuser, der noch immer im ORGA-Team dabei ist. Ich selbst bin über Freunde zur Mitarbeit in Wüstenrallyes in Tunesien und Libyen gekommen, bevor ich als ORGA-Mitarbeiter der damaligen Rallye „Erg Oriental“ das Angebot erhielt, die Veranstaltung zu übernehmen.

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Woher stammt der Name „El Chott“?

Rallye „El Chott“ seit 1981 – was lag näher, als der Veranstaltung wieder ihren angestammten Namen zu geben. Dieser ist abgeleitet von „Chott el Jerid“, dem Namen des größten Salzsees Nordafrikas, der die Landschaft Tunesiens zwischen dem fruchtbaren Norden und den Sand- und Steinwüsten des Südens prägt und um den herum traditionell die Wertungsprüfungen der Rallye lagen und zum Teil noch heute liegen.

Wie viele Teilnehmer habt ihr normalerweise?

Die Teilnehmerzahlen sind leider seit Jahren rückläufig. Dafür gibt es viele Ursachen, die hier nicht im Einzelnen zu erklären sind. Nach bis zu 200 Teilnehmern in ihren besten Jahren hatten wir in den letzten Jahren 30 – 35 Teams im Wettbewerb. Dazu kommen die Teilnehmer der touristischen Begleitgruppen und natürlich Orga und Service; immerhin so um die 150 – 180 Personen in den Camps und Hotels.

Welche Wertungsklassen gibt es?

Die Rallye wird für 10 Wertungskategorien von drei Enduro-Klassen über Quad, Buggy, drei Geländewagen- und zwei LKW-Klassen ausgeschrieben. Dazu kommen zwei geführte touristische Begleitgruppen mit unterschiedlichem Anspruch an die Veranstaltung, wir nennen sie „Land, Leute und Kultur“ bzw. „Dünenfahrschule“, und seit diesem Jahr die Rookie-Wertung für Wüstenneulinge, die in der ersten Woche die „Dünenfahrschule“ besuchen und in der zweiten Rallyehälfte die Wertungsprüfungen befahren sollten. 

El Chott - Sahararallye de Tunisie

Was macht das Besondere der El Chott aus? Wie unterscheidet sie sich zum Beispiel von der Grand Erg?

Wir versuchen mit der „El Chott“ eine Motorsportveranstaltung auf hohem sportlichen Niveau mit möglichst professioneller Organisation und Logistik anzubieten. Dabei legen wir großen Wert auf einen relativ hohen „Sand- und Dünenanteil“, was uns nicht nur positive Kritiken einbringt. Allerdings vertreten wir die Meinung, dass eine Wüstenrallye diesen Namen auch verdient haben muss. Für schnelle Rallyes auf Schotterstrecken gibt es inzwischen zahlreiche Alternativen auch in Mittel- und Südosteuropa. Wir lieben die Wüste. Wir empfinden aber auch immer einen großen Respekt vor dieser scheinbar unendlichen Weite und ihrer Abgeschiedenheit und wollen neben aller Technisierung und Perfektion, die dem Motorsport nun einmal inne wohnt, unseren Teilnehmern ein wenig von dieser Faszination und dem Abenteuer vermitteln. Ob wir uns damit wesentlich von der Grand Erg unterscheiden, kann ich nicht sagen. Auf dieser Rallye war ich noch nicht dabei.   

Du hast es Ende Juni, nach dem zweiten Anschlag dieses Jahres in Tunesien, den Teilnehmern überlassen, ob die El Chott dieses Jahr stattfinden soll oder nicht. Es gab einige Stornierungen und letztendlich zu wenige Anmeldungen für die Rallye. Wie schätzt du die derzeitige Sicherheitslage in Tunesien ein?

Diese Frage ist von mir eigentlich nicht objektiv zu beantworten. Dazu fehlt mir, wie auch den meisten anderen, nötiges Insiderwissen. Ich muss mich auf meine Kontakte in Tunesien verlassen, ebenso wie auf meine Erfahrungen aus früheren Veranstaltungen und absolvierten Vortouren. Subjektiv haben wir uns in Tunesien immer wohl gefühlt. Wir hatten nie Probleme, weder mit den Behörden noch mit der Bevölkerung. Allerdings muss man dieser doch etwas anderen Kultur und ihren Menschen natürlich mit einem gewissen Respekt begegnen. Gerade als Motorsportler oder Offroad-Reisende dürfen wir eines nicht vergessen: Wir sind auf tunesischen Straßen und Pisten, in tunesischen Städten, Dörfern und in den wunderschönen Wüstenlandschaften „nur“zu Gast. 

Darüber hinaus werden bei der Einschätzung der Sicherheitslage viele Dinge miteinander vermengt, die zu einer diffusen Angst führen, für die es rational kaum Erklärungen gibt: Straßensperren bewaffneter Militärangehöriger wegen krimineller Schmuggler im Süden, eine aufgebrachte Menschenmenge in einer Innenstadt, die gerade ihr neu erworbenes Demonstrationsrecht wahrnimmt, und auch ein punktueller Terroranschlag, so brutal er sein mag, sagt für mich nicht allzu viel über die allgemeine Sicherheitslage in einem Land voller meist aufgeschlossener und gastfreundlicher Menschen aus. Sicher wird mir auch da nicht jeder zustimmen. Aber wo bitte, ist all das auszuschließen? Wo bitte können wir dann unserem Hobby noch nachgehen?

Ihr fahrt unter anderem an die algerische Grenze bei El Borma, warnt das Auswärtige Amt nicht schon seit längerem davor, in das Grenzgebiet zu fahren?

Das ist nicht ganz richtig. Wir vermeiden die grenznahen Regionen zu Algerien und Libyen durchaus. Die Warnungen beziehen sich im Wesentlichen auf Individualreisen. Wir sind im südlichen Sperrgebiet ausschließlich mit allen notwendigen Genehmigungen und militärischer Begleitung unterwegs. Diese Genehmigungen gab es in der Vergangenheit nicht immer. Die tunesischen Behörden und die Militärführung vor Ort wissen ganz genau, in wie weit sie die Sicherheit geführter Reisegruppen garantieren können.

Wer einmal in den herrlichen, unberührten und fast menschenleeren Dünenlandschaften des tunesischen Südens unterwegs war, wird sicher die gleiche Einschätzung treffen: Im Gegensatz zum chaotischen Verkehr in den Großstädten oder der latenten Terrorgefahr in den Touristenhochburgen an den Stränden ist in der Wüste keine Gefährdung zu spüren.

El Chott - Sahararallye de Tunisie"

Wie beurteilst du die Tatsache, dass viele Menschen Tunesien und Marokko auf Grund der Angst vor Anschlägen meiden?

Ich habe Verständnis für dieses Fernbleiben. Gerade nach Bildern eines Anschlages wie im April in Tunis oder vor kurzem nahe Sousse gibt es dazu auch jeden Grund. Auch ich kann meinen Teams keine hundertprozentige Sicherheit garantieren. Und oft, das weiß ich aus Gesprächen mit unseren Teilnehmern, ist es mehr die Sorge derjenigen, die ohnehin zu Hause geblieben wären, die dazu führt, eine geplante Reise in diese Länder nicht anzutreten.

Aber es gibt natürlich noch die andere Seite der Medaille: Wie sollen in einem Land Stabilität und Demokratie wachsen, wenn es wirtschaftlich eher ab- als aufwärts geht, wenn die wichtigen Arbeitsplätze in der Tourismusbranche verloren gehen? Wir alle wissen doch aus unzähligen Beispielen der jüngeren Geschichte, dass gerade dann extremistische Gruppen den meisten Zulauf haben.

Ich persönlich glaube nicht an Erfolge militärischer Einsätze gegen diese Form des Terrors, schon gar nicht an kurzfristige. Die betreffenden Staaten und ihre Gesellschaften müssen politisch und wirtschaftlich unterstützt und damit in die Lage versetzt werden, diese Probleme gesellschaftlich selbst zu lösen.

Am Schluss steht aber wie immer nur eine Frage: Was kann ich tun? Ich selbst werde reisen und Reisen oder Rallyes für Gleichgesinnte organisieren, solange ich die Risiken für kalkulierbar halte. 

Werdet ihr 2016 wieder versuchen, die El Chott als Rallye laufen zu lassen oder werdet ihr das Rallye-Konzept noch einmal grundlegend überdenken?

Ja, selbstverständlich werden wir im nächsten Jahr wieder eine „vollwertige“ Rallye organisieren, in der Hoffnung, dass sich genügend Teams einschreiben. Dabei bemühen wir uns immer, Anregungen unserer Teilnehmer umzusetzen. Am Konzept als Wüstenrallye, auch mit dem Augenmerk auf Abenteuer in den Dünenlandschaften und individuellen Reiseerlebnissen für alle Beteiligten im faszinierenden Tunesien wird sich nichts ändern.

Joerg SchumannJörg Schumann (56) betreibt einen Reifenservice mit kleiner Werkstatt, die sich auf Offroad-Fahrzeuge spezialisiert hat.

In den Neunzigern ist er selbst Rallye gefahren, hat 12 Jahre lang die Deutsche Truck Trial Meisterschaft organisiert, und veranstalte Offroad-Events in Deutschland und in diesem Jahr erstmalig auch in Tschechien.

Viel wichtiger ist für ihn aber, dass er, wie man heute so schön sagt, zwar schon längst in der Mitte Deutschlands angekommen ist, aber dennoch nicht vergessen hat, wie unser ostdeutscher Aufbruch in die Demokratie begann, wie unsere Wirtschaft erst einmal am Boden lag und wie wichtig für die Gesellschaft und jeden Einzelnen, neben allen neuen Freiheiten, der wirtschaftliche Aufschwung war und ist. Gerade aus diesem Grund sind ihm die Tunesier so nah. 

Die Mitteilung zur Absage des Rallye-Teils und zum Ablauf der „El Chott Sahara-Tour Back-to-the-roots“ gibt es auf der offiziellen Veranstaltungsseite.