Der Tag der Abreise liegt inzwischen gut ein Jahr zurück. Damals war es ein großer Traum, begleitet von Zweifeln und der Frage, ob dieses Ziel wirklich erreichbar ist. Heute ist klar: Alex mit seiner Frau und seinen beidne Kindern haben es geschafft. Mit ihrem alten Iveco 90-16 Feuerwehr-Lkw sind sie bis in die Mongolei gefahren. Gemeinsam, mit zwei Hunden an Bord. Ein Jahr unterwegs bedeutete Höhen und Tiefen, Grenzerfahrungen und Momente, die unter die Haut gehen. Tränen aus Freude, aus Angst und aus Erschöpfung gehörten genauso dazu wie Augenblicke des puren Glücks und des Staunens. Eine Reise, die zeigt, was passiert, wenn man den Mut hat, wirklich loszufahren. Den großartigen Reisebericht könnt ihr jetzt bei uns lesen.
Der Tag der Abfahrt
Wieder klingelt der Wecker um 6:30 Uhr, ein tägliches Ritual seit mehreren Monaten. Dabei bin ich erst gegen 1 Uhr ins Bett gegangen. Auch das, seit Wochen ritualisiert. Doch an diesem Morgen ist es anders: Die Feuerwehr, unsere neue Wohnung, ist fertig ausgebaut, alles ist eingepackt und abreisebereit. Aber in den Werkstätten, auf dem Hof und im Haus meines Vaters sind noch immer sämtliche Spuren der letzten Wochen und Monate sichtbar und müssen beseitigt werden, damit wir ruhigen Gewissens zu unserer Reise aufbrechen können.
Irgendwann ist es dann soweit, der Motor heult auf, alle nehmen sich noch einmal in den Arm, Abschiedstränen rollen und dann rollen auch wir. Mit der Feuerwehr vom Grundstück, aus unserem kleinen Nordthüringer Dorf, in die weite Welt. Keine 15 Minuten später hören wir eine Frage unserer Tochter, die wir bisher so noch nicht kannten: „Sind wir jetzt endlich da?“ Damit nicht genug, die Frage wurde innerhalb der ersten 30 Kilometer unserer Reise gleich mehrfach gestellt. Immer begleitet von einem ernsthaft genervten Ton. Sie möchte einfach nicht mehr im Kindersitz
festgeschnallt sein.
Der Tag der Abreise ist mittlerweile ein gutes Jahr her. Und inzwischen ist das, wovon wir damals noch geträumt haben, – aber so manches Mal dachten, es nicht zu erreichen – eingetreten: Mit unserem Fahrzeug, einem alten Iveco 90-16 Feuerwehr-Lkw, erreichten wir die Mongolei. Ein Jahr mit vielen Höhen und Tiefen, mit Tränen der Freude, der Angst, des Schmerzes und vielen Momenten des Glücks und Staunens. Einiges ging zu Bruch auf den abenteuerlichen Straßen in Zentralasien: Am Lkw, an der Wohnkabine, am Körper, und so manches Mal überdenken wir den Sinn der Reise. Doch die positiven Momente überwogen und veranlassten uns, immer weiter zu fahren, Augen und Herzen offen zu halten für neue, spannende Orte, Erlebnisse und Begegnungen.

Aller Anfang ist schwer – Ein Start mit Pannen
Gerade einmal 600 Fahrkilometer und vier Tage liegen nach unserem Start aus einem kleinen Dorf in Thüringen hinter uns, da steht der Lkw bewegungslos in einer scharfen Linkskurve still. Wir stehen kurz vor der österreichischen Grenze. Nichts geht mehr und ich schaffe es nicht, ihm wieder Leben einzuhauchen. Selbst die Polizei ist schon auf uns aufmerksam geworden. „Dauert das noch lange? Sie können hier nicht stehen! Das ist gefährlich!“ Als ob mir das nicht selbst klar ist und mir nicht ohnehin der Schweiß über das Gesicht herunter rinnt. Glücklicherweise fahren sie direkt
weiter. Aber der Lkw muss abgeschleppt werden. Die Dieselpumpe ist kaputt, wie sich später herausstellt.
Noch in der gleichen Nacht erleidet Elva einen Anfall von Atemnot. Panisch wacht sie schreiend auf und es braucht einiges an Ruhe und Fürsorge, bis wir sie einigermaßen stabilisiert haben und sie schließlich wieder einschläft. Ganz wohl ist uns allerdings nicht. Und überhaupt, macht das alles Sinn, was wir hier vorhaben? Wir wollten eigentlich in die Mongolei und haben es nicht einmal aus Deutschland heraus geschafft! Glücklicherweise geht es Elva am nächsten Tag wieder besser und auch das Fahrzeug kann schnell repariert werden. Eine Kinderärztin suchen wir dennoch auf. Es ist Pseudokrupp und wir bekommen ein Notfall-Medikament für den Ernstfall falls ein erneuter Anfall auftritt.
Sightseeing in Kroatien
Österreich und Slowenien lassen wir mehr oder weniger links liegen und fahren zunächst in die kroatischen Berge. Dort soll es frei lebende Pferde geben. Nach einer langen uns durchschüttelnden Wegstrecke finden wir einen perfekten Ort zum Erholen, besonders für unser Pferdemädchen. Die Überraschung ist umso größer, als am nächsten Morgen tatsächlich eine frei lebende Pferdeherde um unser Fahrzeug herum grast.
Natürlich machen wir auch einen Abstecher in den für seine Wasserfälle bekannten Krka Nationalpark. Eher noch als Geheimtipp gilt dagegen die Kudin Most na Krupi. Sie ist eine über hundert Meter lange Brücke, welche aus zwölf Kragbögen bestehend sich über den Fluss Krupi spannt. Um sie zu besichtigen müssen wir zuvor einen steilen Abhang nach unten steigen, denn der Fluss wie auch die Brücke befindet sich in einem tiefen und langgezogenen Canyon. Doch die Mühen haben sich gelohnt. Wir werden überrascht von alter Baukunst in bezaubernder Kulisse.

Schon wieder streikt der Lkw
Inzwischen haben wir uns an das Fahren mit dem Lkw gewöhnt, der Schock des teuren Abschleppens ist vergessen und das Fahren macht nur noch Spaß. Zeit also, um einen Abstecher nach Bosnien und Herzegowina zu machen, genauer in den Blidinje Nationalpark. Doch unser Fahrzeug soll das mal wieder anders sehen. Auf dem letzten Anstieg kurz vor einem Campingplatz ertönen dumpfe, metallische Schläge, gefolgt von kurzzeitigem Leistungsverlust. Mehrmalige Blicke unter das Fahrzeug lassen keinen Schaden erkennen. Nur das Geräusch, welches in regelmäßigen Abständen ertönt, verschwindet nicht.
Der nackte Angstschweiß steht mir wieder auf der Stirn. Sicherheitshalber bleiben wir am Straßenrand stehen. Mein „Schlosser-Schwager“ am Telefon gibt mir sämtliche Ideen durch, die ich kontrollieren kann, doch fündig werde ich auch nach drei Stunden nicht. Zwischenzeitlich hält ein vorbeifahrendes Auto an und der Fahrer spricht mich an: „Habt ihr ein Problem? Kann ich helfen?“ Ich schildere ihm die Sachlage, woraufhin er kurz telefoniert und mir dann einen Zettel entgegenstreckt und erwidert: „Hier hast du die Nummer eines Freundes. Er hat eine Werkstatt und würde dir helfen.“
Ehrfürchtig bringe ich das gute Blatt mit der Telefonnummer sofort ins Fahrerhaus und was sehe ich? Der Schalthebel, welcher zwischen Gelände- und Straßengängen schaltet, ist auf Mittelstellung, wodurch die Zahnräder im Getriebe nicht richtig greifen können. Leider ist der Hebel an einer ungünstigen Position neben dem Fahrersitz, sodass es während der Reise immer mal wieder vorkommt, dass ich mit dem Kameragurt hängen bleibe und ihn verstelle. Von nun an gehört es zur täglichen Routine, den Hebel zu kontrollieren. Mit Erfolg, bis heute ist eine Fehlstellung während der Fahrt nicht mehr vorgekommen.

Und schon wieder leidet das Kind
Dafür erleiden wir zwei Tage später, einen anderen viel schlimmeren Rückschlag. Es ist 22 Uhr, wir stehen mitten in der bosnischen Pampa an einer einsamen Landstraße und wollen uns eigentlich zum Schlafen fertig machen. Nur kommt Elva auf die Idee, aus der Kabinentür zu schauen. Dabei stolpert sie und stürzt kopfüber nach unten. Mit einer großen Beule am Kopf und über Schmerzen im Arm klagend, holen wir sie wieder in das Fahrzeug und suchen kurz darauf das nächste Krankenhaus auf. Leider kann uns dort nicht geholfen werden, da kein Röntgengerät vorhanden ist. Wir müssen nach Mostar, der nächst größeren Stadt. Dies bedeutet eine etwa zwei Stunden lange Fahrt. Dort wird uns sofort ein Pfleger zur Seite gestellt, welcher uns alles erklärt und zeigt. Eine Stunde später darf Elva mit einem eingegipsten Arm das Krankenhaus verlassen. Der Arm ist gebrochen. Es ist unser 16. Reisetag! Was soll noch alles passieren?
Notbremse in Kroatien – Auszeit von der Auszeit
Wir fahren zurück nach Kroatien und mieten uns in einem Campingplatz ein. Diese Art von Reise bzw. Unterkunft passt eigentlich so gar nicht zu uns. Aber es wird höchste Zeit die Reißleine zu ziehen, einfach Urlaub zu machen und Elvas Arm zu schonen. Auch für uns Erwachsene wird es Zeit, sich Zeit zu nehmen. Zeit zum Herunterkommen, zum Überdenken und Planen der Reise und zum Erholen von den ganzen Strapazen.
Montenegros Nationalparks
Eine Woche später starten wir den Motor wieder und reisen Richtung Montenegro. In dem kleinen Land bietet sich eine Rundreise nahezu an. Über Kotor und den wundervollen Biogradska Gora Nationalpark fahren wir zum Dumitor Nationalpark und schließlich vorbei an Podgorica nach Albanien. Die Nationalparks haben viele Naturwunder zu bieten und sind definitiv eine Reise wert.

Warme und kalte Füße in Albanien
Albanien ist für uns nochmals Urlaubszeit. Viel Zeit verbringen wir an den Stränden, mit einer anderen Reisefamilie. Zum Abschluss besuchen wir den Lengarica Canyon. Eine imposante Bogenbrücke stellt das Eingangstor zu einer wirklich spannenden Abenteuerwanderung dar, nicht nur für die Kinder! Anfänglich ist der Canyon noch recht breit und wir können meistens neben, manchmal aber auch durch den Fluss hindurch waten. Die erkalteten Füße können wir hin und wieder in den (vielen) heißen Quellen wärmen. Später allerdings wird die Schlucht immer schmaler und schmaler, bis schließlich beide Seiten der etwa 100 m hohen Felswände mit ausgestreckten Armen gleichzeitig zu berühren sind.
Aufgrund der Enge wird auch der Fluss immer schmaler und dadurch tiefer. Als wir bis zu den Oberschenkeln im kalten Wasser stehen, drehen wir um und wärmen uns noch einmal ausgiebig in den wohlig warmen Quellen auf.

Griechenland – von Herzlichkeit und Weihnachtsengeln
Das Erste, was uns in Griechenland ins Auge fällt, sind die geschmückten Auslagen der Geschäfte. Die Weihnachtszeit hat begonnen, in den Städten blinken die Lichterketten und strahlen die bunten Weihnachtsbäume. Es wird auch in unserem Lkw gemütlicher. Passend zur Stimmung besuchen wir die Meteora-Klöster.
In Thessaloniki parken wir über das erste Adventswochenende bei „Zampetas“, einem Fachgeschäft für Camping und Caravan. Reisende sind dort willkommen und dürfen kostenlos ihr Fahrzeug abstellen sowie Wasser und Strom nutzen (ebenfalls kostenlos.) Es ist Zufall, dass wir diesen Platz zu einem Zeitpunkt aufsuchen, an dem eine Unwetterwarnung für die Region ausgerufen wird. Ein heftiger Sturm zieht über das Land, sorgt für größere Schäden und Verwüstung, vor allem auf Rhodos. Die Feuerwehr wird ebenfalls mächtig durchgeschüttelt, bleibt aber verschont. Wir sind heilfroh, nicht irgendwo alleine, sondern so geschützt zu stehen.
Der Epanomi Beach ist unter Reisenden ein gern besuchter Ort und in den Sommermonaten wohl häufig ziemlich überlaufen. Kein Wunder, denn der lange Strand, das alte Schiffswrack, der Blick auf den Olymp und die langgezogene, spitz zulaufende Landzunge sind schon besondere Erlebnisse.
Auch wir genießen die Sehenswürdigkeiten, doch unser persönliches Highlight ist Dimitrios. Ein Einheimischer, welcher während unserer acht Tage Aufenthalt täglich vorbei joggt und immer für ein kurzes Gespräch anhält. Dabei hat er meistens nur wenig Zeit, denn seine Mission ist es, sich um die frei lebenden Hunde des Strandes zu kümmern. Aber Dimitirios spricht ein wenig Deutsch und lädt uns auf einen Wein ein. Allerdings bringt er nicht nur eine Weinflasche, sondern gleich ein ganzes Buffet voller selbstgemachter Speisen mit. Einen ganzen Nachmittag lang versinken wir in tiefgründige Gespräche und naschen von griechischen Spezialitäten.
Während der letzten Adventstage erkunden wir Sithonia, den „mittleren Finger“ der Halbinsel Chalkidiki. Eher zufällig entdecken wir bei einer Wanderung das kleine Bergdörfchen Parthenonas. Lange Zeit verlassen, wurde es in den letzten Jahren von einigen Menschen wiederbelebt. Am kommenden Wochenende findet ein kleiner Weihnachtsmarkt statt, zu dem uns eine Dorfbewohnerin einlädt.
Zwei Tage später stehen wir wieder in dem Ort. Die Straßen sind beleuchtet von Tausenden von Lichtern, welche wiederum die alten Steinhäuser in einen angenehm warmen Schimmer eintauchen. Verkaufsstände bieten einige Leckereien an, eine Liveband sorgt für eine ausgelassene Stimmung und sogar der Weihnachtsmann empfängt die kleinen Besucher des Festes. Für die Festtage haben wir einen Platz auf einer Bergkuppe gefunden. Wir stehen in der Nähe der Stadt Sykia.
Die ganzen umliegenden Berge wurden mit Asphaltstraßen erschlossen und sollten eigentlich die Zufahrtswege zu Tausenden von Häusern werden. Doch lediglich die Straßen wurden angelegt. Vereinzelt stehen ein paar teilweise unbewohnte Häuser. Von unserem Standpunkt aus genießen wir einen Rundumblick auf die Umgebung, das Meer und vor allem auf den Berg Athos auf dem gegenüberliegenden, gleichnamigen Finger von Chalkidiki.
Pünktlich zum Heiligen Abend erspähen wir von weitem drei weiße Flecken, welche sich gemächlich auf uns zubewegen. An unserer Feuerwehr angekommen, entpuppen sie sich als drei schneeweiße Hunde, welche während unseres restlichen Aufenthaltes in der Nähe bleiben. Für die Kinder ist sofort klar: „Das sind die Weihnachtsengel!“ Sie waren es wahrscheinlich auch, die die Geschenke in das Fahrzeug gelegt haben, als wir einen kleinen Spaziergang machten.
Türkei: Von Brot, Joghurt und neuen Freundschaften
Die Grenze zur Türkei überschreiten wir am dritten Tag des neuen Jahres. Etwa 100 km oberhalb von Izmir gelegen, dürfen wir mehrere Tage auf dem kleinen Biobauernhof „Idamera“ parken. Die Eigentümer Gudrun und Ferrit öffnen nicht nur ihre Tore für unser Fahrzeug, sondern auch unsere Herzen. Für ein paar Tage sind wir Teil der Familie, lernen einiges über den Hof, den Anbau und die praktizierte Kreislaufwirtschaft kennen. Die Familie versucht so viele Lebensmittel wie möglich selbst anzubauen und zu verarbeiten. Von außen soll möglichst wenig zugefügt werden. Bei der Feldarbeit dürfen wir uns gleich mit einbringen.
Ein großes Highlight war für Elva das Melken der Kühe. Nachdem Ferrit ihr alles Wichtige erklärt hat, daref sie auch selbst die Melksauger anlegen. Von da an steht sie jeden Morgen und Abend pünktlich zum Melken und Füttern der Tiere bereit.
Damit das Versorgen der Tiere nicht nur Arbeit, sondern auch Entspannung ist, darf ein Glas Whisky zwischen Heu und Stroh nicht fehlen. Gudrun backt auch ihr leckeres Brot selbst. Zum Abschied schenkte sie uns einen „Starter“ und das dazugehörige Rezept. Seit dem duftet es alle zwei Wochen aus unserem Fahrzeug wie aus einer Bäckerei.
Wieder ins Krankenhaus doch dieses Mal nur zu Besuch
Vom Bauernhof führt uns unser Weg über die Kalksintterassen in Pamukkale zum „Iztuzu-Strand“ in der Nähe von Dalyan im Südwesten des Landes. Schön für diesen besonderen Ort, doch leider traurig für die Natur ist, dass der Schildkrötenstrand, wie er auch genannt wird, einer der wenigen müllfreien Plätze darstellt, die wir sehen werden. Die Sauberkeit hat seinen Grund: Jedes Jahr kehren die großen Meeresschildkröten an ihren Geburtsort zurück, um ebenfalls ihre Eier hier abzulegen.
Für Touristen ist der Strand dennoch geöffnet, allerdings nur tagsüber. Ab 19 Uhr müssen alle Fahrzeuge und Menschen die Bucht verlassen haben. Das ebenfalls am Strand befindliche Schildkrötenkrankenhaus ist einen Besuch wert. Es ist das einzige des ganzen Landes und hat es sich zur Aufgabe gemacht, verletzte Tiere zu pflegen und die Bevölkerung über die Lebensweise und den Schutz der gepanzerten Riesen aufzuklären.

Ein Hotelmanager der Ziegen hütet
Einige Wochen später lernen wir an einem anderen Strand Alim kennen. Der Ziegenhirte hat jahrelang in der Tourismusbranche in leitender Position gearbeitet, ehe er seinen Job an den Nagel hing und seinen Unterhalt mit seinen Ziegen bestreitet. Stress, ungesunde Ernährung und wenig echten Menschenkontakt haben ihn zum Umdenken bewegt. Auch er versucht so viele Nahrungsmittel wie möglich selbst herzustellen. Von ihm lernen wir, wie einfach es ist, Joghurt zuzubereiten. Und nachdem er uns 5 Liter frische Milch und einen Becher voll Joghurtkulturen von
einem ortsansässigen Bauern besorgte, entsteht neben frischem Brot auch frischer Joghurt in unserem Fahrzeug.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort – neue Freundschaften
Doch Milchbauern wollen wir zunächst nicht werden, und fahren weiter Richtung Adana. Am Strand von Tasucu lernen wir Benni, Ebru und ihre Tochter Sila (Namen geändert) kennen. Benni stammt aus Deutschland, seine Frau Ebru aus Adana. Die Familie lebt und arbeitet in einem umgebauten Lkw. Der Kontakt kommt genau zur richtigen Zeit, denn unsere in Deutschland beantragten Russland-Visa sind fertig und können in die Türkei versendet werden. Eine Lieferadresse hatten wir bisher nicht. Nun können wir sie netterweise zu Ebrus Eltern nach Adana schicken lassen. Sie werden uns später noch aus der Patsche helfen. Rita und Franz, ein Pärchen aus Österreich, lernen wir ebenfalls an diesem Strand kennen. Auch sie werden auf unserer Reise noch von großer Bedeutung sein. Doch dazu später mehr.
Werkstattbesuch im Mechanikerviertel
Zunächst gilt es, ein neues Problem an unserem Fahrzeug zu beheben. Schon seit Längerem tritt an den Hinterrädern etwas Öl aus. Die Ursache ist leicht gefunden. Die Wellendichtringe sind undicht. Neue zu beschaffen, ist nicht so einfach. Die in Deutschland gekauften lassen sich nicht so ohne Weiteres in die Türkei schicken und hier Ersatzteile zu finden, ist aufgrund der Sprachbarriere schwierig. Doch mit Ebrus Hilfe soll es gelingen, Ersatz zu beschaffen. Sie ist es auch, die mich in das „Mechanikerviertel von Adana“, wie sie es nennt, begleitet.
Mit dem Ausdruck „Mechanikerviertel“ hat sie nicht im Geringsten übertrieben. In diesem Viertel tauchen wir direkt in die Welt der Ersatzteile, Straßenwerkstätten und Reparaturkünstler ein. Metallisches Klopfen, Hämmern und Klirren, schrilles Quietschen der Blech durchschneidenden Trennschleifer erfüllen die Luft. Die Geräusche verschmelzen zu ihrer ganz eigenen Melodie und geben dem Viertel ihren besonderen Sound. Der Duft von Öl, Schmierfett und alten Reifen liegt in der Luft. Hin und wieder gesellen sich Geruchsschwaden der Abgase und durchtrennten Metalle hinzu. Männer mit ölverschmierten Gesichtern tragen schweres Gerät umher, wuchten große Reifen auf die Achsen oder lassen ein Feuerwerk von Funkenflügen entstehen.
Ein Verwandter Ebrus hat uns letztendlich den Kontakt zu dem entsprechenden Geschäft vermittelt. Als wir dort eintreffen, werden uns direkt die entsprechenden Wellendichtringe entgegengehalten. Auf die Frage nach dem Preis werde ich nur freundlich angelächelt. „Its for free.“ wie Ebru mir übersetzt. „Ein Geschenk des Hauses.“ Später fügt Ebru noch erklärend hinzu: „Ich habe einen Freund, der einen Freund hat, der einen Freund hat und unter Freunden hilft man sich!
Ein Mitarbeiter des Dichtungsgeschäftes verfrachtet uns in sein Firmenauto und fährt mit uns zu einer Lkw-Werkstatt. Weil diese keine Kapazitäten mehr für uns hat, fahren wir noch zwei weitere an, bis zu jener, die sich der Reparatur annehmen will. Zwei Stunden später sind die neuen Dichtungen eingebaut und wir können ruhigen Gewissens weiter zu unserem nächsten Abenteuer fahren:

Von tiefen Höhlen und riesigen Penissen
Kappadokien! Nach vielen Kilometern meist durch flaches, eher karges Flachland erreichen wir Göreme und befinden uns inmitten der Naturschönheiten Kappadokiens. Die einzigartigen Felsformationen ziehen uns sofort in ihren Bann. Zu groß ist der Kontrast zu der zuvor durchquerten Landschaft. Zu groß ist auch die Gefahr einen Unfall zu provozieren, weshalb wir uns schnell einen Parkplatz suchen. Aufgrund der Eindrücke fahre ich einfach zu langsam und die Überholmanöver der anderen werden zu riskant. Auf dem Platz können wir uns erst einmal sattsehen an den vielen Felsformationen.
Am Stellplatz, einer Anhöhe mit gutem Blick über die Umgebung, stehen bereits einige andere Reisende. Von ihnen erfahren wir, dass wir früh aufstehen müssen, wollen wir das Besondere Spektakel nicht verpassen. Dem Rat folgend, stellen wir das erste Mal seit Monaten wieder einen Wecker und schaffen es tatsächlich warm angezogen, Punkt halb Sieben vor unserem Fahrzeug zu stehen. Obwohl vorher ahnend, was uns erwartet, verschlägt uns der Anblick wieder einmal den Atem. Vor uns im Tal breitet sich zwischen den Steinsäulen eine Armee Heißluftballons aus. Janine zählt mehr als 80 von ihnen, welche zwischen und über den Steinsäulen und Feenkaminen in den Himmel schweben und die Betrachtenden in ihren Bann ziehen.
Doch Kappadokien ist weitaus mehr als die Heißluftballons und die steinernen „Riesenpenisse“. Die verschiedenen Täler mit ihren bizarren Gesteinsformationen und den vielen Höhlen laden förmlich zum Erkunden ein. Gemeinsam mit einer weiteren Familie, die wir hier kennengelernt haben und mit denen wir die nächsten Wochen verbringen werden, gehen wir auf Erkundungstour.
Die ersten Christen haben sich in das weiche Tuffgestein Wohnungen, Kapellen und Gänge geschlagen. Teilweise mehrere Hundert Meter lang, sind sie noch immer frei zugänglich. Ein Paradies für unsere Kinder wie auch uns. Teilweise zwängen wir uns mit Stirnlampen bewaffnet auf allen Vieren durch die niedrigen, schmalen Gänge.

Wie es weiter geht …
Während wir in Kappadokien bei Temperaturen um die 20-30 Grad schwitzen, verabschiedet uns die Türkei auf dem Weg nach Georgien mit frostigen Temperaturen und Schneefall. Wir verabschieden uns auch von unserem ersten großen Reiseabschnitt. Und sehen dem zweiten Abschnitt, den „Stan-Ländern“, mit Spannung entgegen. Vor der Durchfahrt durch Russland graut es uns allerdings ein wenig. Was uns erwartet hat, welche Rückschläge, Begegnungen und Erlebnisse uns widerfahren sind, davon wird im zweiten Teil berichtet.
Kontakt zu Alex Güldenzopf:
Email: feuerwehrreise@web.de


