Costa Rica – das heißt traumhafte Strände, brodelnde Vulkane und feucht-heiße Regenwälder. Lucas Jahn berichtet von seiner Reise. Lasst euch von seinen Bilder verzaubern.

Auf einer Fläche kaum größer als Niedersachsen erstreckt sich eines der biologisch abwechslungsreichsten Länder unseres Planeten. Vier Bergketten durchziehen Costa Rica von Nord nach Süd und sorgen für eine Vielzahl an Klimazonen. Während es an den malerischen Sandstränden der Karibik jederzeit regnen kann, fällt im Nordwesten des Landes häufig wochenlang kein Tropfen. Die Mehrheit der Einwohner entflieht der tropisch-schwülen Hitze und extremen Luftfeuchtigkeit der Küstenstreifen und lebt im klimatisch angenehmen Valle Central.

Auf der Osa Halbinsel bleibt kein Reifen trocken.

Auf der Osa Halbinsel bleibt kein Reifen trocken.

Die „Schweiz“ Mittelamerikas

Als einer von nur sechs Staaten weltweit hat sich Costa Rica der dauernden Neutralität und damit einer neutralen Außenpolitik verschrieben. Bereits seit 1949 verbietet die Verfassung des Landes ein stehendes Militär. Nicht ohne Grund hat sich das Land zwischen Nicaragua im Norden und Panama im Süden damit den Ruf als „Schweiz Mittelamerikas“ verdient.

Aufgrund seiner beständigen politischen Friedfertigkeit und einer atemberaubenden Natur entwickelt sich Costa Rica zunehmend von einem Geheimtipp zu einem beliebten Touristenziel. Viele ehemalige Fischerdörfer haben sich inzwischen komplett auf Besucher eingestellt – mit positiven wie negativen Konsequenzen. Nichtsdestotrotz bietet Costa Rica nach wie vor viele Abenteuer abseits der ausgetretenen Touristenpfade.

Für insgesamt vier Wochen sind meine Frau Anna und ich mit Geländewagen und Dachzelt im Land unterwegs. Auf unserer Reise spazieren wir an unberührten Stränden, baden in heißen Quellen am Vulkan Arenal, versenken unsere Drohne versehentlich im unfassbar blauen Wasser des Rio Celeste und bezwingen Costa Ricas höchsten Berg, den 3820 Meter hohen Cerro Chirripó. Der Höhepunkt unserer Reise soll der Besuch eines der letzten wahren Wildnisrefugien des Landes werden: der Osa-Halbinsel, dem grünen Juwel Costa Ricas.

Das grüne Juwel, die Osa-Halbinsel

Die Osa-Halbinsel ist bereits zum Greifen nah, doch zwischen uns und unserem Ziel liegt eine große Menge Wasser. Der Versuch einer Durchfahrt des Sierpe Flusses ist trotz beträchtlicher Bodenfreiheit unseres Fahrzeugs keine gute Idee. Uns bleibt nichts anderes übrig, als geduldig am Ufer zu warten. Aber, Moment mal, schläft dort etwa unser Bootsführer in einer Hängematte? Nein, zum Glück ist es ein Einheimischer auf Siesta. Unsere Frage, wann die Fähre zu erwarten sei, beantwortet er mit einem Lächeln und einem Schulterzucken.

Mit der Fähre über den Sierpe Fluss.

Mit der Fähre über den Sierpe Fluss.

Nach einer gefühlten Ewigkeit in der brütenden Mittagssonne, regt sich etwas auf der anderen Seite. In gemächlichem Tempo nähert sich eine prähistorische Autofähre. Wir schauen uns ungläubig an, als wir sehen, wie der Kahn angetrieben wird – von einem kleinen Motorboot, welches der Fährmann kurzerhand an die Plattform angebunden hat.
Es knirscht laut, als die klapprige Auffahrtsrampe in den Kies stößt. Der Bootsführer signalisiert uns zu drehen und im Rückwärtsgang aufzufahren. Kurze Zeit später stoßen wir ab und schippern zufrieden dem anderen Flussufer entgegen.

Abgelegen und ursprünglich…

Die abgelegene Osa-Halbinsel im Südwesten von Costa Rica verspricht Abenteuer und ursprüngliche Natur. Einsame Schotterstraßen abseits jeglicher Zivilisation winden sich entlang kurviger Hügelketten. Die wenigen Ortschaften am Wegesrand sind spärlich besiedelt. Es scheint ein wenig, als stünde die Zeit hier still. Die einzige Ausnahme stellt das touristisch übervölkerte Drake Bay dar. Die meisten Besucher reisen bequem per Boot an, denn die Anfahrt ist lang und holprig. Eine 56 km lange Schotterstraße führt bis in den Ort. Auf unserer Fahrt durchqueren wir eine Vielzahl an Flüssen, welche in der Regenzeit regelmäßig zu mächtigen Strömen anschwellen und den Ort komplett von der Außenwelt abschneiden. Am Ortseingang grüßt uns ein Schild mit Vaya despacio. Usted ya está en el paraíso! – Fahrt langsam, ihr seid bereits im Paradies! Und in der Tat, die Sandstrände entlang der Küste sind wunderschön. Im Ort angekommen fühlen wir uns allerdings als hätte man die Bewohner einer europäischen Großstadt allesamt an diesen abgelegenen Ort verschifft. Ein Geheimtipp ist Drake Bay nicht mehr. Der Tourismus hat den Küstenort fest im Griff.

Fahrt langsam, ihr seid bereits im Paradies!

Fahrt langsam, ihr seid bereits im Paradies!

…aber nicht ganz ohne Tourismus

Entlang der schlaglochzerfressenen Wege des kleinen Ortes grüßen uns Werbetafeln für Dolphin Watching, Schnorcheltouren und Anglertripps. Unzählige Touristen drängen sich an der Bootsanlegestelle und entlang der wenigen Straßen des Ortes. Das mit der Wildnis haben wir uns irgendwie anders vorgestellt. Zu allem Überfluss gibt es im ganzen Ort keinen einzigen Campingplatz. Nach längerer Suche finden wir einen kleinen versteckten Strand und bauen unser Dachzelt zwischen Palmen auf.

Früh am nächsten Morgen kommen einige Tourguides in einem klapprigen alten Toyota angefahren, um die Boote für die Ausflüge des Tages zu beladen. Während drei kräftige junge Männer die schweren Sauerstoffflaschen über den Strand schleppen, beginnt der ältere Besitzer eine angeregte Unterhaltung mit uns. Auf unsere Frage, ob der Strand, auf dem wir stehen in Privatbesitz sei, lacht unsere neue Bekanntschaft nur. Er erzählt, dass die costaricanische Regierung schon vor Jahren verfügt hat, dass die ersten fünfzig Meter von der Flutlinie aller Strände dem Volk, und damit jedermann, gehören. Diese Zona Publica darf weder bebaut noch anderweitig privatisiert werden. Es sei demnach absolut kein Problem, wenn wir hier campen. Als er sich kurze Zeit später verabschiedet ruft er uns noch lachend ein „Pura Vida!“ zu.

Costa Rica heißt Pura Vida!

Pura Vida ist die Quintessenz der costaricanischen Lebensweise. Hinter den zwei kurzen Wörtern verbirgt sich eines der Geheimnisse, welches die Costa Ricaner zu einem der glücklichsten Völker der Welt machen. Pura Vida heißt so viel wie: Das Leben nehmen wie es kommt, immer lächeln und sich nicht unterkriegen lassen. Natürlich bedeutet es auch, manchmal einfach die Beine baumeln zu lassen – einen Rat, den wir uns sofort zu Herzen nehmen.

Zehn Kilometer und einige weitere Flussdurchquerungen vom geschäftigen Drake Bay entfernt, liegt der traumhaft-einsame Strand von Josecito. Der menschenleere Küstenstreifen lädt uns förmlich dazu ein, unsere Zehen auf einem ausgedehnten Spaziergang in den warmen Sand zu stecken. Ebenso wenig lassen wir uns den erfrischenden Sprung in die Wellen des Pazifiks entgehen. Doch auch wenn das tiefblaue Wasser absolut traumhaft aussieht, ist hier Vorsicht geboten. An vielen Stellen von Costa Ricas Pazifikküste herrschen tückische Unterströmungen, welche unerfahrene Schwimmer schnell in Lebensgefahr bringen können.

Traumhafte menschenleere Strände neben dichtem Dschungel.

Traumhafte menschenleere Strände neben dichtem Dschungel.

Die einen arbeiten, die anderen machen Siesta

Zurück am Strand entdecken wir eine Palme mit niedrig hängenden Kokosnüssen und zögern nicht lange, einige der Früchte mit unserer Machete zu ernten. Genüsslich schlürfen wir das süße Wasser der selbstgepflückten Kokosnüsse, während uns die salzige Meeresbrise um die Nase weht.

Direkt zu unseren Füßen entdecken wir eine faszinierende Spur im niedrigen Gras. Aus nächster Nähe eröffnet sich uns der Blick auf einen Highway von Blattschneiderameisen. Diese betriebsamen Insekten leben in Kolonien von mehreren Millionen Lebewesen. Neben dem Menschen bilden Blattschneiderameisen die größten und komplexesten Tiergesellschaften der Erde. Die Ameisen erhalten ihren Namen von der Angewohnheit, kleine Stücke aus Blättern zu schneiden und diese in ihren unterirdischen Bau zu transportieren. Dabei können sie bis das Zwanzigfache ihres eigenen Körpergewichts tragen. Interessanterweise fressen die Ameisen die Blätter nicht selbst, sondern nutzen sie als Nährboden, um Pilze zu züchten von denen sie sich ernähren.

Blattschneiderameisen auf dem Weg zur Arbeit.

Blattschneiderameisen auf dem Weg zur Arbeit.

Während wir fasziniert im Gras liegen und Nahaufnahmen der Ameisen schießen, parkt ein Auto neben uns. Drei Männer steigen aus und kommen direkt auf uns zu. Als ihr Schatten auf die Spur der Ameisen vor uns fällt, schauen wir verwundert auf. Etwas verwirrt fragen diese: ¿Qué haces aquí? Es sind drei Polizisten, die wissen wollen, was wir tun. Glücklicherweise ist die Polizei in Costa Rica ausgesprochen freundlich! Die Polizisten sind tatsächlich interessiert daran, was wir entdeckt haben. Kurze Zeit danach beginnen sie uns für unser abenteuerliches Auto Komplimente zu machen, bevor sie die Chance ergreifen, ihre Siesta mit einem Strandspaziergang zu verbinden. Da ist es wieder, “Pura Vida” in seiner reinsten Form.

Die Plantagenidylle täuscht

Im Gegensatz zur Schotterstraße nach Drake Bay ist der Highway auf der gegenüberliegenden Seite der Halbinsel in hervorragendem Zustand. Die sanfte Fahrt führt Besucher durch eine Reihe monotoner Palmenplantagen und verdeutlicht einmal mehr den Wert der Schutzgebiete im Land. Trotz der augenscheinlichen Natürlichkeit der Plantagen, sind sie biologische Todeszonen, in welchen sich nur eine kleine Anzahl der einheimischen Lebewesen halten können. Umso wichtiger ist es, dass Costa Rica bereits heute ein Viertel der Landesfläche als Naturschutzzone deklariert hat.

Vorbei am herrlich blau schimmernden Wasser des Golfo Dulce, welcher Reisende zu ausgedehnten Kayak-Touren einlädt, geht es für uns in den touristisch kaum erschlossenen Süden der Osa-Halbinsel. Hier regiert nach wie vor der wilde Dschungel von Corcovado. Der Nationalpark schützt etwa ein Drittel der Osa-Halbinsel und wird häufig als das Kronjuwel der vielfältigen Schutzgebiete des Landes bezeichnet. National Geographic kürte Corcovado sogar zu einem der ökologisch abwechslungsreichsten Orte der Erde.

Ein traumhafter Ort zum Campen zwischen Dschungel und Meer.

Ein traumhafter Ort zum Campen zwischen Dschungel und Meer.

Ein Fest für alle Sinne

Als wir unser Camp direkt am Strand zwischen Palmen und tropischen Baumriesen aufschlagen, empfängt uns die Geräuschkulisse des Waldes. Brüllaffen schreien voller Inbrunst gegen das Meeresrauschen an, während Papageien und Tukane lautstark im Chor krächzen. Mit Einbruch der Dämmerung flattern uns Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten um die Ohren und tausende kleine Krebse kommen aus ihren Verstecken hervor. Ein Besuch von Corcovado ist ein Fest für die Sinne.

Costa Rica - Ein ausgewachsener Brüllaffe beim Blättersnack.

Ein ausgewachsener Brüllaffe beim Blättersnack.

Auch das Offroad-Abenteuer kommt nicht zu kurz

Für erfahrende Offroader bietet die Osa-Halbinsel wenige echte Herausforderungen, aber dafür umso mehr unbeschwerten Fahrspaß. Auf unserem Weg zum wortwörtlichen Ende der Straße, führt der Pfad einen steilen Hügel hinauf. Unerwartet öffnet sich zu unserer Linken eine traumhafte Aussicht auf das türkisfarbene Meer und eine dunkelblaue Lagune umrahmt von üppigem Dschungel. Kurze Zeit später geht die holprige Schotterstraße in einen trockenen Flusslauf über. Immer wieder kreuzt der Weg das steinige Flussbett von rechts nach links, bevor der schmale Weg steil zu einer Öko-Lodge inmitten des Urwalds führt. Wer hierher kommt, ist der Zivilisation vollends entflohen.

Costa Rica - Die Osa Halbinsel bietet einigen Offroad-Spaß.

Die Osa Halbinsel bietet einigen Offroad-Spaß.

Bei unserer Ankunft werden wir sofort herzlich mit einem kühlen Getränk begrüßt und dazu eingeladen, die privaten Wanderpfade der Lodge zu nutzen. Natürlich lassen wir uns nicht zweimal bitten. Die schwüle Hitze bringt uns allerdings schon nach wenigen Schritten kräftig ins Schwitzen. In den Bäumen über dem Pfad entdecken wir Totenkopf-Äffchen die flink von Ast zu Ast springen. Die geschickten Kletterer gehören zur kleinsten der vier heimischen Affenarten in Costa Rica. Die Osa-Halbinsel ist eines der letzten Rückzugsgebiete der niedlichen Primaten, deren Bestand über Jahrzehnte durch den illegalen Haustierhandel dezimiert wurde.

Zurück an der Lodge, genießen wir die herrliche Aussicht vom Restaurant in Richtung Pazifik während man uns eine Salatkreation aus eigenem Anbau zum Mittag serviert. Schnell kommen wir mit anderen Reisenden ins Gespräch. Phil aus Alaska erzählt uns, dass er jeden Winter vor der Kälte seines Heimatlandes flieht und an wärmeren Orten Rückzug sucht. Andere Urlauber sind ähnlich gesprächig, hier am Ende der Straße bildet sich schnell eine eingeschworene Gemeinde.

Costa Rica - Kunterbunte Nussknacker.

Kunterbunte Nussknacker.

Zurück in die Einsamkeit von Costa Rica

Es dauert jedoch nicht lange, bis es uns zurück in die geteilte Einsamkeit zieht. Einige Kilometer entfernt, haben wir am Strand einen perfekten Platz zum Campen erspäht. Hier am Meer sorgt der frische Wind für Abkühlung. Damit ist es deutlich angenehmer als im feuchtheißen Dschungel. Während die Wellen kraftvoll an den Strand branden, macht es sich eine Schar Roter Aras in den Mandelbäumen über unserem Camp gemütlich. Geschickt knacken sie die Nüsse mit ihren spitzen Schnäbeln und bewerfen uns ungeniert mit den Schalen. Die Osa-Halbinsel ist eines der letzten Refugien dieser farbenfrohen Vögel in Costa Rica. Ihr heiseres Krächzen schallt laut durch den Wald und ist oft schon von Weitem zu hören. Es dauert nicht lange bis auch die Brüllaffen ins Konzert einstimmen und die Sonne golden im Meer versinkt.

Einfach mal die Beine baumeln lassen.

Einfach mal die Beine baumeln lassen.

Entspannt lassen wir die Füße aus der Hängematte baumeln und blicken mit einer Kokosnuss in der Hand aufs Meer. Es kommt uns wirklich so vor: Estamos en el paraíso – Wir sind im Paradies.

Über die Autoren: Anna und Lucas von RUGGED ROADTRIPS sind gerne mit Geländewagen und Dachzelt unterwegs. Ihre komplette Reise durch Costa Rica gibt es als Reisedokumentation auf YouTube:

© Fotos: Anna & Lucas Jahn