Der Weihnachtsmann kommt mit Rentieren und einem Schlitten. Das wissen wir und so ist es schon seit Ewigkeiten. Was aber, wenn der Schlitten einmal ein Problem hat?

23. Dezember 2017, irgendwo am Nordpol – „Ohhhh nein! DAS darf doch NICHT wahr sein!!!!“, brüllte Rudolph und stürmte in das Haus. „WER hat dieses Jahr den Schlitten überprüft?“, rief er in die Runde. Alle Köpfe fuhren herum und alle Augen waren auf Rudolph gerichtet. Stille. Dancer fasste sich als erster: „Dieses Jahr war Comet dran. Glaube ich“. Comet entgegnete sogleich „Nein, ich war letztes Jahr dran, Cupid war dieses Jahr dran.“ Alle schauten Cupid an. „Ja, ja, aber da ich bei der Hufpflege war, bat ich Donner das für mich zu übernehmen.“. Donner hatte das Maul noch voller Moos, schluckte schwer und entgegnete nur „Öhhh, aber ich habe dann Prancer gefragt und dann wollte er das machen. Aber was ist denn los?“ „Was los ist? Hätte sich einer mal um den Schlitten gekümmert, wüsstet ihr was los ist. Die rechte Kufe ist gebrochen!“.

Alle starrten sich gegenseitig an und das Lächeln verschwand aus ihren den Gesichtern. Ausgerechnet jetzt kam Santa in den Raum. „Was ist denn hier los? Nur betretenes Schweigen? Rudi, ist der Schlitten parat? Wir müssen aufladen. Du weißt, morgen ist Weihnachten.“ Alle Blicke sanken betreten zu Boden. „Wir haben ein Problem, Santa.“ Santa kniff ein Auge leicht zusammen. „Ein Problem? Welches? Schafft ihr es doch nicht zu sechst zu ziehen? Ich habe Euch extra gefragt, ob Olive, Blitzen und Dasher dieses Jahr auf die Fortbildung „Moderne Flugleitsysteme für Rentiere“ können.“ „Nein, das ist es nicht, Santa. Es ist schlimmer. Der Schlitten ist kaputt.“.

„Nein!“ „Doch!“, sagte Rudolph und blickte Santa verlegen an. Die fünf anderen, Dancer, Comet, Prancer, Donner und Cupid sahen ebenfalls in das ungläubige Gesicht Santas. Das hatten sie wohl zusammen verbockt. Sie, die Rentiere, waren schon immer für den Schlitten verantwortlich. Der Weihnachtsmann schluckte und ließ sich in den großen Sessel am Kamin fallen. „Nein“, entfuhr es ihm erneut, „Und jetzt? Wie konnte das passieren? Was sollen wir denn jetzt tun? Morgen ist Weihnachten, Leute!“.

Einen Moment sagte niemand etwas, dann brach Santa das Schweigen. „Ok, es ist wie es ist. Jetzt geht es nur darum, das wir eine Lösung finden. Wir brauchen eine Lösung! Überlegt! Rudi, können wir den Schlitten reparieren?“. Rudolph schüttelte den Kopf und erklärte, dass weder Teile da sind noch die Reparatur bis zum 24. zu schaffen sei. Alle grübelten nun fieberhaft nach einer rettenden Idee. Es muss eine Lösung geben, es muss! Weihnachten darf nicht ausfallen. Auf gar keinen Fall.

Plötzlich fuhr Rudolph hoch, ein Schimmer der Hoffnung in seinem Gesicht. „Der Landy“, rief er freudestrahlend aus. „Der Landy, Santa. Dein alter Landy! Er ist doch noch hier, oder? Sicher ist er noch hier!“. Santa blickte auf, überlegte kurz und winkte dann niedergeschlagen ab. „Ach Rudi, den habe ich doch schon seit Jahren nicht mehr gefahren. Der letzte Ölwechsel liegt Jahre zurück, die Batterie ist uralt. Er hat mich zwar nie im Stich gelassen, aber so eine Tour. Das schafft er doch gar nicht mehr.“ Dann hob er leicht den Kopf und wurde noch etwas ernster. „Außerdem wisst ihr doch: Nur vor dem echten Weihnachtsschlitten könnt ihr in die Luft abheben und fliegen. Wie soll das mit dem Landy gehen?“.

Da hatte Santa Recht. Daran hatte er nicht gedacht. Wie sollen sie fliegen, wenn sie nicht vor dem echten Weihnachtsschlitten gespannt waren? Doch vielleicht gab es doch noch einen Weg. Rudi zermarterte sich den Kopf. Wie war das noch, wie war das bloß noch mit dem Gespann? „Santa, hieß es nicht, das die Kräfte dadurch kommen, das alles harmonisch ist und passt? Das wir eine Einheit bilden müssen? Klar! Rentiere und Rentierschlitten, dass passt und ist eine harmonische Einheit. Also, müsste es doch auch bei Geländewagen vor einem Geländewagen gehen! Das passt auch und sie bilden eine harmonische Einheit.“

Santa schaute Rudolph staunend an. „Das könnte klappen. Aber wir haben nur einen Geländewagen. Woher sollen wir die anderen bekommen?“ Jetzt meldete sich Dancer. „Die Polarstationen! Bei den Polarstationen stehen Geländewagen. Was ist, wenn wir sie uns für diese eine Nacht kurz ausleihen.“ „Nun, normalerweise würde ich das niemals zulassen“, sagte Santa mit dunkler Stimme und ernstem Blick, „Da es sich aber hierbei um eine Art globalen Notfall handelt, sehe ich auch keine andere Chance.“

Als es noch dunkler wurde, als es eh schon war, entfernten sich sechs Gestalten konspirativ auf leisen Hufen vom Haus des Weihnachtsmannes. Die Schneeflocken machten mehr Geräusche beim Fallen, als diese sechs entschlossenen Rentiere. Sie hatten eine Mission und einen Plan. Nach einiger Zeit näherten sie sich der deutschen Neumayer-Polarstation. Licht drang aus den Fenstern nach außen. Niemand war zu sehen. Vorsichtig gingen sie weiter. Plötzlich ging eine Tür auf und ein heller Lichtstrahl drang nach außen. Er fiel direkt auf Donner. Schnell biss er in den Schnee und kaute gemütlich, so als wäre es das normalste auf der Welt, gerade jetzt und gerade hier zu stehen und zu mampfen. Innerlich raste sein Puls, während seine Zunge zu gefrieren drohte.

„Heeyyy, Dieter! Da steht ein Rentier vor der Hütte! Guck mal“, rief der Mann in der Tür. „Und in Afrika gibt es Tiger! Na und? Hol den Glühwein und beeil Dich, gleich fängt der Film an.“ Der Mann kam die Treppe runter und ging auf Donner zu. Die anderen machten sich klein, um sich nicht gesehen zu werden. Dasher stellte sich vor Rudolphs leuchtender Nase, während sie langsam Schritt für Schritt weiter in die Dunkelheit zurückwichen. Donner kaute weiter auf dem Schnee und versuchte sich einen möglichst dösigen Gesichtsausdruck aufzulegen. Der Mann kam immer näher, tätschelte ihn. „Was machst Du denn hier? So alleine? Musst Du nicht beim Weihnachtsmann sein?“, murmelte der Mann vor sich her und lachte dann grinsend. „Ohhh, wenn Du wüsstest …“, dachte Donner sich, versuchte aber sein dösiges, entspanntes Gesicht zu erhalten und dumpf weiter zu kauen.

Der Mann ging die Treppe herunter in den benachbarten Schuppen, öffnete einen der Geländewagen und holte einen Karton heraus. Dann warf er die Tür zu und während Donner noch so bei sich dachte, dass der Mann wohl neu hier sein muss, denn er hatte ihn noch nie zuvor gesehen, erstarrte plötzlich sein Gesicht. Die Hand des Mannes griff in seine Jackentasche. Donner ahnte schon was jetzt kam. Die anderen starrten ebenfalls ungläubig aus der Dunkelheit auf den Mann.

„Klack“ – blink-blink-blink. Das Geräusch schallte herüber und schmerzte geradezu in den Ohren. Das grelle gelbe Blinklicht war wie ein Stich in die Augen. Ja, der Mann ist neu hier. Ansonsten hätte er gewußt, dass die Fahrzeuge hier niemals abgeschlossen werden. Die Gefahr dass die Schlösser einfrieren und im Notfall der Wagen nicht geöffnet werden kann ist zu groß. Und das hier ist doch wohl ein Notfall. Der Notfall überhaupt!

Durch die Stille drang das gleichmäßige Knirschen der Schritte des Mannes. Donner musste etwas tun. Schnell. Er trabte los und schnaubte. Der Mann blieb stehen und schaute verwundert. Kam das Rentier gerade auf ihn zu? Donner stubste ihn mit der Nase an. Wo ist bloß der Schlüssel? Er stubste ihn noch mal an, so wie eine Aufforderung zum Spielen. Von drinnen kam nur ein „Karl, wo bleibst Du denn? Komm endlich rein und mach die Tür zu!“.

Karls Blick ging Richtung Tür als Donner ihn erneut anstubste diesmal etwas heftiger. „Was ist denn los mit Dir?“ sagte Karl etwas irritiert aber freundlich. Und da sah Donner plötzlich ein Glitzern. Der Schlüssel! Zielstrebig knuffte er Karl wieder, stubste und schubste ihn sanft. So, dass der Schlüssel noch ein Stückchen weiter aus der Tasche hing. „Hey, lass gut sein!“ rief Karl lachend, „Du willst wohl was zu fressen? Warte, ich hole etwas.“ „Nein, nein, nichts zu fressen, den Schlüssel will ich“, dachte Donner, aber da drehte sich Karl schon weg.

Die anderen standen immer noch wie angewurzelt da und konnten nur hilflos zusehen. Und dann, gerade als Karl sich schon fast ganz weggedreht hat, schnappte Donner zu. Mit einem Biss hatte er den Schlüssel und zog ihn raus. Karl merkte etwas, aber sofort stieß ihn Donner wieder an. Karl lachte nur, strich Donner über den Kopf und ging rein.

Den anderen entfuhr ein deutlicher Seufzer. Das war knapp. Jetzt keine Zeit verlieren. Wer weiß, was passiert, wenn Karl mit dem Futter zurück kommt. Die sechs schlichen weiter zu den Fahrzeugen. „Was haben wir denn da? Einen VW T3, Syncro, klar und einen Mercedes G.“ Sie spannten sich vor die Fahrzeuge und zogen sie langsam und leise von ihren Stellplätzen. Als sie weit genug weg waren, sprangen zwei von ihnen rein und fuhren zurück zum Haus des Weihnachtsmanns. Die anderen vier zogen weiter zu den anderen Polarstationen. Zu den Japanern, wo sie einen Toyota und einen Suzuki erbeuteten, den Russen, wo es einen Lada abzuholen gab und zuletzt zu den Amerikanern um einen Jeep zu übernehmen.

Als alle wieder zurück waren, schauten sie sich die Beute zufrieden an. Teil eins hatte funktioniert, aber jetzt kam der schwierigere Teil zwei des Plans. Werden sie mit den Wagen fliegen können und schnell genug sein? Der Landy war mittlerweile beladen, bewegte sich aber keinen Meter von alleine. Mit langen Seilen band Santa die Geländewagen vor den alten Alueimer. Jedes Rentier setzte sich in einen Wagen. Sie starteten die Motoren und fuhren langsam los. Es war mittlerweile der 24. Dezember angebrochen und die ersten Kinder werden in wenigen Stunden zum Weihnachtsbaum eilen, in freudiger Spannung, was der Weihnachtsmann ihnen mitgebracht hatte. Ja, wenn er denn vom Fleck kam. Sie hatten keine Zeit mehr. Wenn dieser Versuch fehlschlug gab es eine Katastrophe.

Langsam setze sich der ganze Tross in Bewegung. Santa saß auf dem Landy, wie er sonst auf dem Schlitten saß. Die Geschenke sicher hinter sich auf dem Dachgepäckträger. Ein Ruck ging durch die Fuhre, sie bewegte sich langsam und knirschend durch den Schnee. Zuerst ganz langsam, dann immer schneller und schneller. Der Landy rumpelte und klapperte und sprang auf und ab.

Warum dachte Santa ausgerechnet jetzt daran, doch mal etwas in ein Fahrwerk zu investieren? Er konzentrierte sich wieder nach vorne. Sie waren jetzt schnell genug, der Schnee stob nach links und rechts weg. Aber anstatt Glitzerstaub kamen aus den Autos nur dunkler Ruß. Jetzt musste er es probieren. Laut rief er „Ho Ho Ho!!!!“ und straffte die Zügel beziehungsweise die Seile. Aber nichts geschah.

Die Rentiere drückten die Pedale durch und klammerten ihre Hufe an die Lenkräder. Nochmals gab es einen Ruck als sie schneller wurden. „HO HO HO“ rief Santa abermals und lauter. Er zog noch fester an den Seilen, zog mit ganzer Kraft. Der eiskalte Wind pfiff und die Motoren heulten als er sich mit aller Kraft nach hinten in die Seile warf. „Bitte, BITTE!!!!“ dachte er bei sich, „Bitte hebt ab!“.

Und dann geschah es. Aus den dunklen Qualmwolken wurde langsam goldener Glitzerstaub. Plötzlich fühlte sich alles viel ruhiger und leichter an. Das Pfeifen des Windes verebbte, das Rumpeln hörte auf und sie hoben ab. „Hey Hey, Hey“, brüllte Santa vor lauter Glück. die Rentiere jubelten und lachten als das seltsame Gespann immer schneller wurde, verschwand und am Himmel nur eine feine Wolke Glitzerstaub hinterließ.