Verdun – bis heute steht der Name dieser französischen Festungsstadt für den entfesselten Wahnsinn. Im ersten Weltkrieg wurde dort das sinnlose Töten erstmals in bis dahin unbekannte Höhen getrieben. Aber es markierte immer noch nicht die Spitze des menschenverachtenden Tuns. Unsere Verdun-Maginot-Tour führt euch zu dieser Stätte der Geschichte.

Punkt 12:00 Uhr. Die Glocke im Turm des Beinhauses Douaumont schlägt. Jeden Tag. Ich stehe gerade im Turm und höre das dumpfe Dröhnen über mir. Kein heller Klang, keine fröhliches Läuten. Eher bedrückend, warnend. Und nicht annähernd so laut wie das höllische Inferno, welches hier vor 100 Jahren tobte. Ich gehe vor den Eingang des Mahnmals und blicke über den Soldatenfriedhof mit 16.142 Gräbern französischer Soldaten. Die Sonne scheint über die weißen Kreuze. Das Herbstwetter mit den gelben Blättern und der kühlen Luft könnte nicht besser zu diesem Ort und der Stimmung passen.

Unter mir im Beinhaus befinden sich die sterblichen Überreste weiterer 130.000 Soldaten, die unidentifiziert hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Ich schaue durch ein Fenster, dass den Blick auf die lose aufgehäuften Gebeine frei gibt. Schädel, Knochen, Fragmente. Man kann nicht mehr sehen, ob es Franzosen, Deutsche, Afrikaner oder Amerikaner waren, Soldaten oder Zivilisten. Aber alle waren Menschen.

Unübersehbare Narben

Rechts und links vom Beinhaus sind die Narben in der Landschaft unübersehbar. Ich habe noch nie ein Bild von einem anderen Teil der Welt gesehen, wo die Natur solch eine zerfurchte Landschaft geformt hätte. Große und kleine Bombentrichter gehen nahtlos ineinander über. Dort wo es vor dem Krieg keine Bäume gab, wurden später 36 Millionen Bäume gepflanzt. Aber verdecken können sie das Grauen nicht.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Geschundene Landschaft.

Geschundene Landschaft.

Millionen von Granaten und Bomben, die hier während des 10-monatigen Ringens um wenige Quadratkilometer Gelände fielen, formten diese Kraterlandschaft. Um 16:00 Uhr am 21. Februar 1916, dem Start der Hölle von Verdun, gab es über 27 Einschläge pro Sekunde. 100.000 mal regnete der Tod in einer Stunde vom Himmel, abgefeuert aus über 1.220 Geschützen und Mörsern. Unglaublich, besonders für die deutschen Soldaten zu dieser Zeit, es haben tatsächlich Menschen dieses Feuer überlebt und stemmten sich gegen die anstürmenden Deutschen. Das war der Auftakt für den Tod von schätzungsweise 350.000 Soldaten und weiteren hunderttausenden Vermissten, Verletzten und Verstümmelten und die totale Ausradierung von fünf Dörfern. Zahlen, die bis heute nicht genau geklärt werden konnten ergeben die Bilanz am Ende der Schlacht von Verdun, der Mutter aller Schlachten. Aber sogar diese Zahlen wurden auf anderen Schlachtfeldern in diesem Krieg noch übertroffen.

Orte die wirken

Wir stehen mit den anderen Teilnehmern und den 11 Fahrzeugen unserer Gruppe auf dem Parkplatz des Beinhauses. Man merkt, dass dieser Ort wirkt. Wir wechseln den Platz und fahren jetzt zum Fort Douaumont, das vor dem ausgelöschten gleichnamigen Ort liegt. Dort erwartet uns eine Führung durch das Werk. Es gibt uns einen Einblick in den Aufbau der und das Leben in diesen Bauwerken, von denen alleine fünf rund um Verdun positioniert sind. Auch wenn das ebenfalls kein Ort der Fröhlichkeit war und das all zu oft zu kurze Leben alles andere als angenehm oder gesund war, so holen uns die Fakten und Geschichten doch etwas zurück. Die interessante Führung durch die gut erhaltene Stätte gibt einen Eindruck von den einerseits sehr einfachen und schwierigen Verhältnissen zu dieser Zeit, aber andererseits auch von den technischen und logistischen Anstrengungen und Leistungen, die wie so oft, erst durch einen Krieg befördert werden.

Pause im Wald – stärken und reflektieren

Ich baue nach dem Besuch des Forts mit Elke von Quadrofaktum, unserem durchführenden Kooperationspartner der Verdun-Maginot-Tour, das Mittagessen im Wald auf. Das ist wichtig. Wir wollen den Teilnehmern einen Moment zum Durchatmen, Runterkommen, für Gespräche und natürlich zur Stärkung geben. Die Gruppe sieht sich derweil noch ein zweites Fort an. Dann trudeln sie ein und nehmen sich erst einmal einen heißen Kaffee oder Tee. Mittlerweile sind auch Würstchen und Salat gereicht. Die Stimmung hellt sich wieder auf.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Warmes Essen und Trinken, Zeit zu reflektieren.

Warmes Essen und Trinken, Zeit zu reflektieren.

Kein Ort mehr

Dann geht es weiter. Wir sehen uns Fleury an. Ein weiteres Dorf, welches zwar de-facto nicht mehr existiert, aber dennoch den Status eines Dorfes aus Dankbarkeit der französischen Nation behalten hat. Mit Postleitzahl, Ortsschild, Bürgermeister, den alten Straßen und einem Gedenkstein vor jedem Haus, welches einmal hier standen. Dann fahren wir noch zum letzten Punkt des Tages, ein kleineres Fort, dem Zwischenwerk Kalte Erde. Dort können wir erstmals in ein gut erhaltenes und nicht zum Museum umgebautes Fort einsteigen. Dunkel und feucht ist es hier. Teilweise hängen die 100 Jahre der Witterung ausgesetzten Stahlbetondecken bedrohlich durch. Es liegt ja auch eine tonnenschwere bis zu 4,5 Meter dicke Erdschicht auf dem Bauwerk. Das Wasser tut ein übriges.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Nur Erinnerungen blieben.

Nur Erinnerungen blieben.

Das Hotel ist einfach, die Küche klasse

Das Hotel in dem wir übernachten erwartet uns schon zurück. Schnell unter die Dusche, ein bisschen frisch gemacht und ab ins Restaurant. Bei einem mehrgängigen, hervorragenden Menü entspannen sich die Eindrücke des Tages, die immer noch Thema sind. Das Interesse an der Geschichte ist groß, dass ist deutlich zu merken. Aber mit der Zeit verlagern sich die Gespräche wieder auf freundlichere Themen. Wir genießen den Wein und die Unterhaltungen. Es wird ein schöner, lockerer Abend.

Der winterliche Morgen lädt dann zu einem Spaziergang um den kleinen See am Hotel ein. Das macht wach und Hunger auf das reichhaltige Frühstück.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Der Morgen am Hotel lädt zum Spazieren ein.

Der Morgen am Hotel lädt zum Spazieren ein.

Orts- und Zeitwechsel – Die Maginot Linie

Der Sonntag führt uns weiter nördlich an die Maginot-Linie, fast an die Grenze zu Luxemburg. Sie wurde nach dem ersten Weltkrieg aufgebaut, um den Deutschen ein erneutes Eindringen unmöglich zu machen oder zumindest stark abzubremsen. Mitten aus dem Feld ragt einer dieser Betonklötze. Er ist als solcher aber nur von der französischen Seite zu sehen. In Richtung des Feindes ist er gut unter Erdschichten getarnt.

Viel Anstrengung für nichts

Erstaunlich, wenn man sich diese aufwändigen, mit 50 Meter tiefen und 2 Kilometer langen Tunneln, unterirdischen Kraftwerken, Lazaretten, Wohnbereichen, Küchen usw. ausgestatteten Bauwerke sieht, dass damit lediglich Maschinengewehrstellungen und kleinere Geschützkaliber versorgt werden sollten. Immerhin sollte sich die Maginot-Linie einmal von Belgien bis nach Italien runter ziehen. Aber wen wollten sie denn damals damit aufhalten?

Es wird deutlich, das man in Frankreich eine Wiederholung der Kriegsführung des ersten Weltkriegs erwartete. Vornehmlich Infanterie, die auch von 1914 bis 1918 durch solche Bollwerke behindert und gestoppt wurden. Verdun war hier sicherlich ein Vorbild. Scheinbar hatte keiner die Panzerdoktrin auf der Rechnung. Am Ende erwies sich die Maginot-Linie als gigantischer Flop. Die deutsche Kriegsführung setzte auf schnelle Vorstöße, Mobilität und Panzer, denen mit der Bewaffnung der Linie nicht beizukommen war. Und letztendlich umging die Wehrmacht die Linie einfach.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Auf einem der Maginot-Bunker.

Auf einem der Maginot-Bunker.

Ab in den Wald

Von dieser Ouvrage, wie die Festungsteile genannt werden, fahren wir offroad zu einem im rückwärtigen Raum liegenden Versorgungseingang. Jetzt wird es spannend. Wer mutig genug ist, schnappt sich eine Taschenlampe oder zwei und steigt durch eine kleine Öffnung in diese Welt ein und über Treppen gut 50 Meter in die dunkle, muffige Tiefe. Immer am Rand des desolaten Fahrstuhlschachts entlang, nehmen wir eine matschig-glitschige Stufe nach der anderen, bis wir im Tunnelsystem ankommen.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Am zweiten Tag führen die Wege durch den Wald.

Am zweiten Tag führen die Wege durch den Wald.

In der Unterwelt

Wir stehen neben dem total zerstörten Fahrstuhl. Beklemmend. Ich habe Diesel- und Ölgeruch in der Nase. So als wäre hier erst vor kurzem der Betrieb eingestellt worden. Die Generatoren scheinen nicht weit zu sein. Mit dem bisschen Licht und vorsichtigen Schrittes entern wir den ersten Tunnel. Überall liegt Material herum oder hängt von der Decke herab. Scharfe, zur Unkenntlichkeit verbogene Blechstreifen, Rohre, Schrauben, verrostetes Metall. Wir kommen an großen Öltanks vorbei. Dann zweigt ein kuppelartiger Raum vom Gang ab. Zuerst sehen wir große Fundamente auf denen noch die Lagerböcke der Generatoren stehen. Ein Stück weiter ein Generatorenrad mit seiner dicken Stahlachse. Im nächsten Kuppelraum erblicken wir dann zwei Dieselgeneratoren. Über die schmalen, öligen Fundamentstreifen nähern wir uns diesen 6-Zylinder-Stationärmotoren. Kein Rost ist zu sehen, nach wie ist alles gut geölt. Kurbel- und Nockenwelle liegen frei und geben einen Einblick in die Motorentechnik. Sogar eine Pressluftflasche steht hier noch angeschlossen rum. Mit diesen wurden wohl die Motoren gestartet.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Versteckt im Wald liegen die Zugänge.

Versteckt im Wald liegen die Zugänge.

Weiter den Gang entlang sehen wie die ersten Verteidigungseinrichtungen. Man hat aus den Erfahrungen in Verdun zumindest hier gelernt. Das Werk muss auch gegen den eindringenden Feind von hinten verteidigt werden. Deshalb machen die Gänge immer wieder einen Knick vor dem ein Raum mit Schießscharten steht. So können Gegner im Gang bekämpft werden. Im Falle des Falles muss das einen unglaublichen Lärm verursachen. Schwer vorzustellen, wie das jemand aushalten soll.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Manchmal ist es gespenstisch.

Manchmal ist es gespenstisch.

So erkunden wir gut 500 bis 600 Meter des unterirdischen Werks. Weiter hinein geht es heute nicht, dazu fehlt uns die Zeit. Wir kommen bis kurz vor den Abzweig, wo die beiden Versorgungsgänge sich vereinen und dann 2 Kilomter zu dem überirdischen Werk laufen, von dem wir gerade kommen. Wir kehren um und machen uns an den mühsamen Treppenaufstieg. Als wir alle wohlbehalten wieder das Licht der Sonne erblicken, wartet Elke bereits mit einem leckeren Snack auf uns. Heißer Kaffee, süßes Selbstgebackenes, Obst und mehr. Was für eine Wohltat.

Auf zum letzten Teil der Tour

Gestärkt geht es über Waldwege weiter bis zu dem Werk, welches von dem ersten bei besserem Wetter zu sehen gewesen wäre. So erschließt sich uns die Dimension und der Zweck. Stefan von Quadrofaktum, der diese Tour ausgearbeitet hat und uns führt, hat wieder alle Erklärungen parat. Er hat sich in diese Materie eingearbeitet und bleibt keine Antwort schuldig.

Verdun-Maginot-Tour 2018 - Am vorletzten Besuchspunkt.

Am vorletzten Besuchspunkt.

Es ist mittlwerweile Nachmittag und Zeit für die Heimfahrt. Die Tour ist an ihrem Ende angekommen und alle sind voller verschiedener Eindrücke. Auch wenn diese Verdun-Maginot-Tour ihren Schwerpunkt sicherlich nicht im Offroad-Fahren hat, so war dies doch ein schönes, interessantes und vor allem sinnvolles Wochenende. Zeigt es einem doch eindringlich die Folgen, wenn der Frieden leichtfertig aufs Spiel gesetzt und der Wahnsinn entfesselt wird, bei dem es nur Verlierer gibt.

Wenn du auch an dieser Tour telnehmen möchtest, alleine oder mit der Familie, kannst du hier den nächsten Termin finden und buchen: Verdun-Maginot-Tour