Overlanding als Familie, geht das gut? Trotz allem ja! Persönliche Erfahrungen einer Reise in den Iran und den Kaukasus, zwischen Legosteinen und Lagerfeuer, im kinderkompatiblen Tempo, mit dem wunderbaren Blick der Kinder immer im Gepäck.

Rushhour in Teheran. Das Thermometer tendiert gegen 40 Grad, Abgase hängen in der Luft. Auf drei Spuren verkeilt sich die Blechlawine. Obwohl die Durchschnittsgeschwindigkeit viel-leicht bei fünf Stundenkilometern liegt, sind die Spurwechsel um uns herum eher gewagt. Mit einem Auge auf dem Navi und dem anderen auf der Straße angele ich neben der Handbremse nach einem Schnuller. Im Kindersitz quengelt unser anderthalbjähriger Sohn, berechtigter Maßen, vor sich hin. Von der Rückbank erreichen mich derweil die Beschwerden unseres Fünfjährigen. Bei dem Geschrei versteht ja kein Mensch die Kinderlieder, außerdem ist die Lego-Box gerade umgekippt und hat ihren Inhalt in die Weiten des Fußraums entlassen.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Isfahan. Iran.

Isfahan. Iran.

Meine Frau und ich tauschen einen vielsagenden Blick aus. Warum genau fahren wir in unserer Elternzeit noch gleich bis in den Iran? Hätte es nicht der als familientauglich angepriesene Campingplatz am Gardasee getan?

Zwei Wochen später. Wir haben unser Lager in einem Nationalpark im Süden Armeniens aufgeschlagen. Satt grüne Bergwiesen dominieren das Bild, neben uns plätschert der Gebirgsbach. Dieser Ort ist vollkommen unberührt. Viele Bergdörfer und einige der schönsten orthodoxen Klöster in der Umgebung sind nur über rumplige Schotterpisten erreichbar.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Schotterpisten im Elburs-Gebirge, Iran.

Schotterpisten im Elburs-Gebirge, Iran.

Der Anderthalbjährige türmt auf der Picknickdecke tiefenentspannt Duplosteine aufeinander und der Fünfjährige rast mit seinem Spielzeugschwert umher auf der Jagd nach imaginären Feinden. Gleich gehen wir Holz fürs Lagerfeuer sammeln, der Stockbrotteig ist schon fertig. Aber erstmal noch einen Schluck Kaffee. Meine Frau und ich tauschen einen vielsagenden Blick aus. In der Elternzeit eine Reise abseits unseren Sommerurlaubsradius – was war das für eine geile Idee!

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Wildcamping im hohen Kaukasus, Georgien.

Wildcamping im hohen Kaukasus, Georgien.

Leuchtende Augen und die eigene Unsicherheit

Vor der Abreise zu unserem rund fünfmonatigen Trip blicken wir meist in sehr erstaunte Augen. Freunde, Familie, Chefs und Kollegen haben uns zwar nie mit Ablehnung oder Vorwürfen konfrontiert und bei der geplanten Route durchaus auch mal selbst leuchtende Augen bekommen. Trotzdem gehörte zur Standardreaktion: „Könnte ich mir mit Kindern nicht vorstellen.“

Auch wir mussten unserer Vorstellungskraft vor der Abreise hin und wieder autosuggestiv auf die Sprünge helfen. Schließlich hatten wir zu Hause schon alle Hände voll zu tun, unser Alltagsleben mit kleinen Kindern zu meistern. Und nun warteten auf der geplanten Route durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei, den Iran und die Kaukasus-Länder diverse unvorhersehbare Situationen in einem so gänzlich anderen Umfeld. Zudem würden unsere Kinder möglicherweise noch mehr als wir Erwachsenen vermissen, was wir vorhatten, zurückzulassen: Unsere Wohnung, Freunde und Familie, Spielzeug, das nicht mit auf die Reise gehen konnte.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - In the middle of nowhere zwischen Kappadokien und Dogubeyazit.

In the middle of nowhere zwischen Kappadokien und Dogubeyazit.

Natürlich hielt der Trip in der Tat so einiges bereit, was im normalen Sommerurlaub nicht stattfindet: Im Iran machte uns die Hitze schwer zu schaffen. In Georgien saßen wir drei Wochen mit einem Federbruch fest. An den verschiedensten Grenzübergängen warteten bürokratische Hindernisläufe. In Bulgarien vertrieb uns ein bewaffneter Besucher vom Übernachtungsplatz. In den türkischen Kurdengebieten säumten verschanzte Militärposten die Straße, auch in Armenien erwarteten uns Soldaten immer mal wieder zur Passkontrolle.

Kinder bekommen den Stress und die Unwägbarkeiten solcher Situationen sehr wohl mit und müssen das Erlebte verarbeiten. Demgegenüber stehen aber unzählige interkulturelle Erfahrungen und herzliche Begegnungen, die in einem gewöhnlichen Urlaub in dieser Form nicht stattfinden und für uns die negativen Erlebnisse um ein Vielfaches überwiegen. Insbesondere in der Türkei und im Iran, zwei Ländern die politisch und zunehmend auch wirtschaftlich bekanntlich problembehaftet sind, ist den Kindern und uns beispielsweise eine fast schon beschämende Gastfreundschaft zu Teil geworden.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Shoppingtour auf dem Bazaar von Täbris, Iran.

Shoppingtour auf dem Bazaar von Täbris, Iran.

Overlanding durch Kinderaugen

Eine Fernreise über Land führt einen nicht nur an schöne Orte. Schon bald fällt uns unterwegs allerdings auf, dass Kinder an Plätzen, die wir als Erwachsene hässlich finden, etwas ganz anderes erkennen können. In Bulgarien übernachten wir mangels Alternativen an einem völlig zugemüllten Strand. Zumindest kurz schießt es mir durch den Kopf: Andere Familien fahren weitaus kürzer zu weitaus schöneren Stränden. Warum tun wir den Kindern also sowas an? Ein wenig trotzig schlägt meine Frau vor, dass man diesen Ort ja wenigstens ein bisschen schöner verlassen könne, als man ihn vorgefunden hat. Mit Gummihandschuhen bewaffnet zieht sie zusammen mit unserem Fünfjährigen los uns sammelt säckeweise Müll auf, den wir bis zur nächsten Mülltonne mitnehmen. Diverse Tage später wird unser Sohn gefragt, was ihm denn auf der bisherigen Reise am besten gefallen habe. Antwort: Dieser eine Strand in Bulgarien, das Müllsammeln hat solchen Spaß gemacht. Mein schlechtes Gewissen hätte ich mir sparen können.

Wer behauptet, Kinder hätten nichts von einer Reise ins Unbekannte, hat es selbst wahrscheinlich noch nicht versucht. Sehr wohl haben Kinder Antennen für fremde Kulturen und andere politische und wirtschaftliche Umstände. Ein Beispiel unter vielen: Dass im Iran Youtube gesperrt ist, stößt bei unserem Nachwuchs auf höchste Frustration. Zur Erklärung entspannt sich ein langes Gespräch über den Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie, über die Eigenheiten einer Diktatur sowie über das Weltbild der Ayatollahs.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Kashan am Rande der Dasht-e-Kevir, Iran.

Kashan am Rande der Dasht-e-Kevir, Iran.

Als wir später in der Türkei Geflüchtete aus Syrien kennenlernen und mit ihnen über die Situation in ihrem Heimatland sprechen, vertiefen wir das Thema noch einmal. Einige Tage lang erreichen uns diverse Nachfragen, dann scheint die Sache weitgehend gegessen. Wochen später, wir sind längst auf der Heimreise, sagt unser Sohn plötzlich wie aus dem Nichts: „Also, Demokratie ist wirklich das Beste für ein Land. Da fängt keiner so schnell einen Krieg an.“ Die Begründung liefert er gleich nach: „Die Merkel wird doch einfach weggewählt, wenn die einen Krieg anfängt!“ Eine Einsicht, die im Pauschalhotel mit 200 Kilometern Anreise (so schön und entspannend es dort sicherlich ist) so schnell nicht entsteht.

Es sind aber nicht nur die Lebensumstände anderer, sondern auch der eigene Wechsel im Lebensstil, der auf einer selbstorganisierten Fernreise Kindern Denkanstöße bietet. Auch ein Fünfjähriger kann unterwegs verstehen, mit wie wenig man auskommen kann. In einer Zeit, in der das eigene Haus trotz explodierender Immobilienpreise als Krönung des persönlichen Erfolgs gesehen wird, in der ganze Landstriche in Vorgärten, Carports und Doppelhäuser zersiedelt sind, zeigt ein Overlandtrip auch Kindern mögliche Alternativen. Monatelang im Campingtruck heißt in unserem Fall, 117 Quadratmeter Wohnung gegen sechs Quadratmeter Wohnkabine plus Aufstelldach einzutauschen. Spülmaschine und Warmwasser? Fehlanzeige. Gleichzeitig ist der Verzicht aber auch der Preis für Mama und Papa rund um die Uhr, für neue Spielkameraden in entfernten Winkeln der Welt und für Strände, Gebirgsbäche und Lagerfeuerromantik. Die Botschaft, auch an die Kleinen: Es kann sich ungeheuer lohnen, mit weniger auszukommen, denn schnell bekommt man auf diese Weise mehr zurück.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Wenn die Kids schlafen, können Mama und Papa das Lagerfeuer zu zweit genießen.

Wenn die Kids schlafen, können Mama und Papa das Lagerfeuer zu zweit genießen.

Zwei Stunden Fahren, dann die Legopause

Mit Kindern muss man anders reisen. Natürlich ist eine Familie, zumal mit kleinen Kindern, langsamer unterwegs als ein reisendes Pärchen oder Singles. Am Ende von Fahrtagen standen bei uns häufig nur 100 oder 150 Kilometer auf der Uhr. Unser Rekord betrug rund 500 Kilometer, die wir aber an einem der letzten Reisetage schon wieder auf österreichischen und deutschen Autobahnen abspulten. Schnell pendeln wir uns unterwegs auf einen Kompromiss ein: Anderthalb, vielleicht zwei Stunden fahren, dann kommt die nächste Spielpause, je nach Wetterlage kombiniert mit Grießbrei oder Eis. Wenn es sein muss, bauen wir auch mal am Truckerstop einen halben Nachmittag Lego, um die allgemeine Stimmungslage anzuheben. Als Erwachsener hilft da nur zen-gleiche Gelassenheit (die einem freilich nicht immer gelingt).

Schließlich will man eigentlich weiter, häufig ein bestimmtes Tagesziel erreichen. Kinder erziehen nun mal zur Langsamkeit beim Reisen und garantieren dafür auch intensive Erlebnisse vor Ort. Den Reiz dieser Reiseperspektive haben übrigens längst nicht nur Familien erkannt, immerhin ist das Netz voll von Artikeln und Posts zum Thema „Slow Travel“.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Orthodoxes Kloster, Nordarmenien.

Orthodoxes Kloster, Nordarmenien.

Schnell merken wir unterwegs, dass der Schlüsselfaktor auf der Genervtheitsskala das Platzmanagement in unserer alten Bundeswehrkabine ist. Mit Erwachsenen galt in unseren Campern immer eine einfache Regel: Einer steht und arbeitet (kocht, spült ab, etc.), der Rest räumt sich auf die Sitzbänke auf. Dass dieser Plan mit Kindern nicht funktioniert, ist wenig überraschend. Während Papa kocht und Mama brav sitzt, baut der eine die Holzeisenbahn auf und blockiert damit die Kühlschranktür, während der andere sämtliche Bilderbücher prompt vorm Besteckfach türmt. Trotz cleverer Verstaulösungen, maßangepassten Spielzeugboxen und viel guten Zuredens werden wir dieses Problems 16.000 Kilometer lang nicht Herr. Manchmal hilft halt nur Aushalten.

Als Familie unterwegs zu sein hat aber auch ganz praktische Vorteile: Zusammen mit unseren Kindern können wir viel mehr Kontakte knüpfen. Unsere Söhne wirken unterwegs als Türöffner und schaffen es auf unnachahmliche Weise, das Eis zu brechen. Viel häufiger als noch in Pärchen-Zeiten werden wir unterwegs von Einheimischen angesprochen oder eingeladen. Der Aufhänger sind dabei häufig unsere Kinder.

Wer mit kleinen Kindern unterwegs ist, hat zumindest in den von uns bereisten Ländern gute Chancen, dass einem mit Wohlwollen begegnet wird. Schließlich ist bei einer Familie auf den ersten Blick klar: Die kommen in friedlicher Mission. Und was man aussendet, bekommt man bekanntlich meist auch wieder zurückgespiegelt. Sehr hilfreich erweist sich dieser Effekt bei diversen reiselogistischen Herausforderungen, sei es in der Werkstatt, auf deren Hilfe man angewiesen ist oder in den Fängen der postsowjetischen Bürokratie an den kaukasischen Grenzübergängen.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Schon wieder fast zu Hause: Familienfrühstück an der Ägäis in Griechenland

Schon wieder fast zu Hause: Familienfrühstück an der Ägäis in Griechenland.

Fazit

Unser Fazit mit dem Abstand einiger Wochen zurück im Alltag mag ein wenig lapidar ausfallen, kommt für uns aber unerwartet: Für den elterlichen Überforderungsgrad macht es gar keinen wirklichen Unterschied, ob man nun daheim oder auf Reisen ist. Auch zu Hause muss man häufig genug Situationen meistern, die überhaupt nicht kinderkompatibel sind. Eine unerwartete Dienstreise in den Familienalltag zu montieren, kann mindestens genau frustrierend sein wie eine ewige Stellplatzsuche mitten in Anatolien zu vorgerückter Stunde. Mit dem Unterschied, dass man die Stellplatzsuche wenigstens gemeinsam erlebt. Unterwegs und zuhause ist das Leben mit Kindern wie es nun mal ist: Bereichernd, anstrengend, erfüllend.

Offroad-Overlanding-Weltreise mit Kindern - Schotterpisten im Elburs-Gebirge, Iran.

Schotterpisten im Elburs-Gebirge, Iran.

Über die Autoren Petra Foith-Förster und Christian Förster sind mit ihren Söhnen Jost (1) und Vinzent (4) in Europa und, wenn sich die Chance bietet, darüber hinaus unterwegs. Ob auf den Schotterpisten der isländischen West-fjorde, beim Backpacking in China oder Beachhopping an der Ägäis ist das Ziel die richtige Mischung aus Flow und Abenteuer. Manchmal gelingt die Balance, manchmal nicht, der Trip lohnt sich trotzdem immer. Seit 2016 bei den vier Stuttgartern mit dabei: Ein Mercedes-Benz Sprinter mit 4×4 von Iglhaut und 40 Jahre altem Armeekoffer huckepack. Diesen Artikel schrieb schreibt Christian Förster.

© Fotos: Familie Förster