Jeder von uns hat eine eigene Reisephilosophie und zwar egal ob er zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto, mit dem Flugzeug oder dem Zug unterwegs ist. Wojteks Philosophie ist so einfach wie möglich zu reisen. Am liebsten mit seinem Geländewagen Toyota Land Cruiser HDJ80, Baujahr 1991, mit einfachster Ausstattung. So kann er am besten Länder, Menschen und ihre Kultur auf sich wirken lassen. Mit minimaler Ausstattung hat er sich im Winter auf den Weg nach Murmansk gemacht. Da er nur wenige Tage Urlaub hatte, begann direkt nach dem Start ein Wettlauf mit der Zeit.

Murmansk – Faszination aus Kindheitstagen

Schon seit meiner Kindheit in Polen hat mich der Name „Murmansk“ fasziniert. Eine Stadt mit bewegender Geschichte, durch die Ausläufer des Golfstroms auch im Winter eisfrei, außerdem Hauptsitz der russischen Nordatlantikflotte sowie der russischen Atomeisbrecher, derzeit 6 Stück, sowie Fluss-Eisbrecher. Bis in die frühen 90er Jahre militärisches Sperrgebiet hinter dem Polarkreis. Murmansk, eine echte, alte russische Hafenstadt.

Dort leben ungefähr 300.000 Einwohner, es gibt alte Industriegebiete mit etwas Holzabbau, Rohstoffe und in der Vergangenheit viel Fischindustrie. Das Ganze im Winter und in Russland. Was könnte denn noch interessanter für einen Abenteurer sein als so eine Stadt fast am Ende der Welt?

Eine Ostseeumrundung im Winter?

Eine zweite Idee, die in mir schon seit längerer Zeit keimte und im letzten Dezember erst richtig an die Oberfläche kam, war eine Umrundung des Ostsee im Winter. Vereiste, menschenleere Straßen, Winterlandschaften, Lappland, Polarlichter … Das hat mich sehr neugierig gemacht.

Es war Januar. Eigentlich hatte ich noch gar nicht an eine Reise gedacht. Bis mein Arbeitgeber mir sagte, ich solle meinen Resturlaub bis Ende März nehmen. Ich deutete dies als Wink des Schicksals und als Startsignal.

Wer einfach reist, braucht nicht viel Vorbereitung

Ein Vorteil bei einfachen Reisen ist, dass man nicht so viel für die Vorbereitung braucht. Nach kurzer Überlegung brauchte ich nur ein russisches Visum und schon konnte ich loslegen. Zu Verfügung standen 2 Wochenenden und 5 Arbeitstage, das musste reichen.

Zu Hause habe ich mir die Strecke kurz angeschaut,was ja sehr übersichtlich ist. Ich wollte nur nach Murmansk und zurück und zwar um die Ostsee herum im Uhrzeigersinn. So würde ich acht Länder besuchen: Dänemark, Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen und Polen.

Also habe ich kurzerhand beschlossen im Auto zu schlafen und zu kochen, um noch flexibler zu sein und um die notwendige Vorbereitungen so klein wie möglich zu halten.

Ein bisschen Vorbereitung brauchte ich trotzdem

Wo kriegt man ein russisches Visum so kurzfristig hier? Ich empfehle in solch einem Fall, eine Agentur zu beauftragen. Da braucht man sich weder um eine Einladung noch um andere Formalitäten wie zum Beispiel Selbstabholung oder Vorsprechen zu kümmern.

Gegen einen geringen Aufpreis ist es möglich, das erhoffte Dokument in 5 bis 7 Tagen mittels Schnellverfahren in den Händen zu halten. Es gibt für Reisende nach Russland jetzt auch die enorme Erleichterung eines Online-Visumantrags.

Die restlichen Dokumente müssen aber immer noch an die Agentur geschickt werden. Hier braucht man außer einem Pass, Passbildern und einem Versicherungsnachweis auch eine „Garantie der Rückkehrwilligkeit“. Ich habe das zuerst nicht verstanden, worum es ging. Nach einer kurzen Erklärung, wusste ich Bescheid. Man braucht also einen Verdienstnachweis.

Der „Point of Return“

Am Auto habe ich außer meiner fast 20 Jahre alten Winterreifen keine weiteren Vorbereitungen getroffen, keine Standheizung, keine Seilwinde. Schnell meine Campingküche, einige warme Klamotten, meinen alten Daunenschlafsack eingepackt und warme Schuhe von Antje ausgeliehen. Einkaufen wollte ich sowieso unterwegs, so kommt man am schnellsten in Kontakt mit den anderen Leuten.

In diesem Falle war meine Reisephilosophie tatsächlich „der Weg ist das Ziel“. Ich wollte am Freitag losfahren und habe mir für den nächsten Mittwoch um 12 Uhr den Wecker als „the point of return“ gestellt, damit ich wieder rechtzeitig zurückkomme und habe mir versprochen, egal wo ich zu dem Zeitpunkt sein würde, sofort umzudrehen.

Landschaften wollte ich bestaunen, Kontakte mit fremden Leuten wollte ich knüpfen, um über ihr Leben und ihre Kultur viel zu erfahren. Ich wollte auch endlich Polarlichter sehen und Lappland im Winter fotografieren, da die Lichtverhältnisse dort im Winter einmalig sind.

Ohne Spikes und ohne Standheizung und ohne gültige Dokumente

Außerdem wollte ich testen, wie der Land Cruiser bei Minus 20 Grad und uralten Batterien mit unbekanntem Kaufdatum startet. Und ob man die ganze Reise auch ohne Spikes und ohne Standheizung schafft. Alles sollte doch eine kleine Herausforderung für die Maschine und den Menschen sein.

Am Freitag dem 03.03.17 fuhr ich schon komplett vorbereitet zur Arbeit und wollte von dort direkt aufbrechen. Beim Parken viel mir noch ein, dass ich irgendwo im Handschuhfach die benötigte grüne Karte und meinen internationalen Führerschein haben musste. Der erste Check ergab: beides ist da und gültig!

Allerdings ergab der zweite Check mit Brille: beides ist da, aber abgelaufen. Großer Mist. Daher meine Empfehlung: wichtige Dokumente ab einem gewissen Alter immer mit einer Lesebrille checken!

Es wird schon gehen!

Ich hatte noch ein paar Stunden Zeit und bereits jetzt schon das Gefühl, das Abenteuer hat begonnen. Nach einigen Telefonaten wusste ich, ich habe keine Chance mehr, diese Dokumente noch vor meiner geplanten Abreise zu besorgen. Das aber sollte mir meine Laune und Reise nicht verderben. Ich beschloss, auch ohne die Papiere zu fahren und auf meine Verhandlungs- und Überredungskünste zu hoffen. Meine Frau sagte: „Es wird schon gehen!“

Am Freitag startete ich also vollgetankt gegen 15 Uhr vom Parkplatz meiner Arbeitsstelle in Aurich nach Murmansk, alleine. Eine nicht vorhandene Standheizung und die Reiseidee mit Schlafen und Kochen im Auto im Winter waren wohl die Gründe, warum mich niemand begleiten wollte.

Von Dänemark nach Schweden

Zuerst fuhr ich zu meinem Erstaunen ohne jeglichen Stau um Hamburg herum in die Richtung Fehmarn. Von dort setzte ich mit einer Fähre für teures Geld nach Puttgarden in Dänemark über. Nach einem kurzen Gespräch mit der Ticketverkäuferin über Preise und schlechtes Wetter habe ich bereut, die Tickets nicht vorher z.B. im Internet gekauft zu haben. Auf diese Weise hätte ich locker 50 Euro sparen können.

Nach einem kurzen Stück Autobahn in Dänemark befand ich mich auf der Öresundbrücke, die mich immer wieder mit ihrer Dimension und Schönheit beeindruckt. Dieser Eindruck wurde noch durch die Nacht und den Nebel verstärkt. Schade, dass man auf der Brücke nicht halten und fotografieren kann, dachte ich mir.

Der weitere Weg führte über die E4 bis knapp nördlich von Stockholm, wo ich auf einem abgelegenen Rastplatz nach meinen ersten 1.000 km übernachtete. Beim zwischenzeitlichen Tanken habe ich zwei Lkw-Fahrer aus Deutschland getroffen, die mir erzählt haben, dass die Schneegrenze etwa 200 km nördlich von Stockholm liege. Ich konnte es kaum erwarten.

Eine entspannte Fahrt durch Schweden

Das Reisen in Schweden auf Autobahnen und Landstraßen ist sehr entspannt. Es gibt sehr viele kleine und abgelegene Parkplätze mit zum Teil parzellierten Plätzen mit kleiner Überdachung und Feuerstelle wie auch saubere Toiletten.

Um diese Jahreszeit war ich in Schweden auf allen Parkplätzen und einem Übernachtungsplatz alleine, konnte problemlos im Auto schlafen und draußen kochen. Bei Regen war die Überdachung mit einer kleinen Bank eine große Erleichterung für mich, da ich nicht im Auto kochen konnte. Morgens wurde ich durch die freundliche Müllabfuhr geweckt, somit war die Müllentsorgung auch gleich erledigt.

Von Stockholm bis nach Haparanda an der finnischen Grenze waren es noch ungefähr 1.000 km. Kurz davor, in der Nähe von Lulea, gibt es eine Inselgruppe in der Ostsee, die man im Winter bei guten Bedingungen über eine Eisstraße mit dem Auto erreichen kann. Ich fuhr bereits seit 300 Kilometer auf verschneiten oder vereisten Straßen, hatte also ausreichend Training für dieses Abenteuer.

Auf der Suche nach dem Hafen mit der Straße aus Eis

Bei dem nächsten Tankstopp habe ich außer heißen Kaffee und wieder 100 Liter Sprit versucht, Informationen zu erhalten, wo sich die Zufahrt zum Hafen mit einer Eisstraße befindet. Ich war sehr überrascht, dass sowohl mehrere junge als auch ältere Schweden mir das nicht sagen konnten. Aber jeder versuchte etwas rauszukriegen und weitere Bekannte oder Verwandte anzurufen.

Somit wanderte mein Finger auf meinem Navigationsgerät direkt zu Küstenlinie. Wird schon passen und ich finde das Eis, dachte ich mir. Und tatsächlich: ich fuhr die Lövskärsvägen bei Lulea bis zum Ende, wo sich ein kleiner Hafen befindet und die Eisstraße zu den unzähligen kleinen Inseln beginnt.

Auf dickem Eis

Ich fuhr mit meinen 2,7 Tonnen mit gemischten Gefühlen auf das dicke Eis. Links und rechts der vorbereiteten Straße war buntes Treiben. Viele Leute waren mit Kindern, Hunden sowohl zu Fuß als auch mit Skiern unterwegs. In der Ferne konnte man auch unzählige Angler beim Eisfischen beobachten.

Ich lernte ein junges Pärchen kennen, die sich für einen Ausflug mit ihren zwei Huskys vorbereiteten. Die Hunde waren sichtlich glücklich über diese winterlichen Verhältnisse. Nach Aussage dieses Pärchens sei das Eis dick genug und zu den einzelnen Inseln freigeräumt. Welche der Inseln damit wirklich zu erreichen sind, wussten sie nicht, aber es war eigentlich auch egal.

Ich sprang zurück ins Auto, der Motor brüllte und ich konnte fast zwei Stunden die Eisstraße genießen. Ein ausgiebiges Training im Driften und anderen Kunststücken auf dem Eis durften nicht fehlen. Es hat höllisch Spaß gemacht und ich staunte was, ich mit dem großen und schweren Auto so alles auf dem Eis machen konnte. Ich musste an die Blues Brothers denken. Das Training hat sich gelohnt, da ich dadurch die Angst vorm Fahren auf vereisten Straßen völlig verloren hatte und für den weiteren Weg gut vorbereitet war. Auch ohne Spikes!

Ein Besuch bei Santa Claus

Langsam wurde es spät und ich musste mir einen Plan überlegen. Circa 200 Kilometer wollte ich heute noch fahren. Ich suchte im 200 Kilometer Umkreis auf meinem Navigationsgerät. Die Linie kreuzte knapp nördlich des Polarkreises eine Stadt, wo Santa Claus wohnt, nämlich Rovaniemi. Damit war meine nächste Übernachtung bereits im Visier.

Ab jetzt hatte ich nur Straßen mit Schnee und, oder Eis. Ich hatte mich inzwischen aber gut an das Tanzen des Autos auf solchen Straßenverhätnissen gewöhnt, so dass ich nicht mehr nervös wurde, wenn es ein bisschen ausbrach.

Die Temperatur lag bei konstanten Minus 15 Grad. Die winterliche Landschaft zog an der großen Windschutzscheibe mit einem unbeschreiblichen Sonnenuntergang vorüber und endlich hatte ich alles, was ich wollte.

Rovaniemi ist eine typische Stadt mit Massentourismus. Um diese Zeit war sage und schreibe kein einziges Touristenauto auf dem großen Parkplatz im Santa Claus Village. Unglaublich.

Kochen bei Minus 20 Grad

Ein leichter Schneefall, klirrende Kälte und bunte Beleuchtung sämtlicher Gebäude sowie ein leerer Magen haben mich dazu veranlasst, schnell einen Parkplatz im Wald zu suchen. Nach gut 2 Kilometern auf einer ungeräumten Straße hatte ich den Wald und viel Schnee nur für mich. Ich packte die Campingküche aus und bereitete eine Nudelsuppe für eine kalte Nacht vor. Der Tag ging zu Ende und ich war in meinem Element.

Draußen kochen bei Minus 20 Grad ist nicht einfach. Durch den Windchill wird das Kältegefühl deutlich verstärkt. Bei dieser Kälte kann man mit bloßen Händen nichts anfassen, sonst bleibt man kleben oder nach zwei Minuten spürt man die Finger nicht mehr.

Nicht alles lässt sich aber mit Handschuhen kochen und anfassen. Auch einen Windschutz musste ich noch bauen. In solcher Kälte sollte man sich direkt nachdem man was Warmes gegessen hat sofort aufgewärmt in den Schlafsack legen. Für das Frühstück soll man auch gleich einen heißen Kaffee in einer Thermoskanne vorbereiten, da am nächsten Morgen durch die Kälte erstmal gar nichts geht.

An solchen Abenden ist es so still, dass man sein eigenes Herz und die Gedanken buchstäblich hören kann. Ich holte einen Campingstuhl raus und setzte mich in einem Schlafsack für eine Stunde nach draußen. Der Mond spendete ein zauberhaftes Licht und der Abend war perfekt.

Ich beschloss zuerst ein paar nächtliche Fotos von dieser Landschaft zu machen. Das Ergebnis war in schwarz weiß jedoch zweidimensional, kalt und enttäuschend, somit beschloss ich diese Szene nur fürs Herz zu behalten.

Wird der Toyota anspringen?

Am nächsten Morgen wachte ich auf. 3 Zentimeter Neuschnee lagen auf dem Land Cruiser. Ich überlegt bei einem heißen Kaffee und einem Vollkornbrötchen mit halb gefrorenem Käse, ob man im März hier knapp oberhalb des Polarkreises schon den Sonnenaufgang beobachten kann. Die Sonne war um 9 Uhr nicht da, aber es war hell und wolkenlos. Das Thermometer zeigte Minus 23 Grad und es war höchste Zeit, den Land Cruiser zu wecken.

Falls die Batterien versagt hätten, hätte ich 2 Kilometer durch den Wald zur nächsten Straße laufen müssen. Etwas Vorglühen und eine ganze Kurbelwellenumdrehung reichten, um den Motor zum Leben zu erwecken. Ich musste kurz lachen. Man braucht dann ca. 10 bis 15 km Fahrt, damit sich alles im Auto, Motor und im Getriebe erwärmt und wieder geschmeidig läuft. Das einzige, was sich dann noch bewegt, ist die Tankanzeige.

Bis zur russischen Grenze nähe Kelloselkä (6 Häuser) waren es noch 400 Kilometer. Ich habe die Landschaft und das Fahren hier sehr genossen. Schnee, Eis sowie dichte Wälder waren jetzt meine stetigen Begleiter.

Chance für Nordlichter bei 70 Prozent

Die Straßen waren hier zum Teil geräumt und zum Teil mit bis zu 20 Zentimeter Neuschnee bedeckt, was für den Land Cruiser aber kein Problem war. Die Temperatur sank auf Minus 25 Grad. Ich fühlte mich in der trockenen und angenehmen Kälte sehr wohl. Durch die Trockenheit gab es im Auto beim Schlafen und Fahren keine Kondensfeuchtigkeit. Ich nutzte noch zwei kleine Seen als Straße, um den Weg abzukürzen. Die Landschaft wurde nur ab und zu durch einen hohen Antennenmast gestört. Finnland ist eben hervorragend vernetzt.

Bei meiner zweiten Übernachtung in der finnischen Wildnis standen die Chancen einer Aurora Borealis (Polarlichter) zu sehen laut Prognose im Internet bei 70 Prozent. Ich habe mich mit heißem Tee und Keksen für die Nacht eingedeckt und meine Fotoausrüstung vorbereitet.

Der Himmel war sternenklar und der Mond wartete auch auf das Lichtspiel. Jedes kleinste Geräusch war laut wie eine Explosion und ich stellte mir gleich eine ganze Horde von Wölfen oder Bären vor. Gegen 3 Uhr nachts habe ich aber aufgegeben, da ich vor Kälte und Müdigkeit ich die Augen nicht mehr offen halten konnte.

Ich parkte auf einer Wiese im Wald 4 Kilometer von der nächsten Straße entfernt. Schon wieder fragte ich mich, ob der Wagen wohl problemlos anspringen würde. Das nächste Gebäude lag gut 10 Kilometer zurück in die Richtung Rovaniemi. Aber auch diesmal gab es keine Probleme, der alte Dieselmotor zündete sofort und nagelte die nächsten 15 km wie eine Nähmaschine.

Auf nach Russland.

Die Bundesstraße 82 führte mich direkt zur nahen russischen Grenze. Entlang der Straße gab es nur vereinzelt Häuser im Wald. Der Grenzübergang war klein und ich war der einzige Tourist und damit dort ein Exot. Nach einem interessanten Gespräch mit Finnen und Russen an der Grenze stellte sich heraus, dass die Finnen zum Tanken nach Russland wollten und die Russen zum Arbeiten nach Finnland. Ich dachte an meinen leeren Tank und wieviel ich dadurch sparen würde.

Für solche Grenzen habe ich über die Jahre meine eigene Taktik entwickelt. Bloß nicht zugeben, dass man etwas russisch spricht. Denn ohne Sprachkenntnisse wird man für die Beamten zu einem Problem. Die Abfertigung und Kontrollen werden dadurch erheblich beschleunigt und vereinfacht. Sie möchten das Problem bloß schnell los werden.

Die zwei wichtigsten Dokumente, also Emigrationserklärung und Zoll, wurden von den netten Beamtinnen schnell ausgefüllt, so dass ich nur unterschreiben musste. Danach wurde ich an dieser Grenze insgesamt 5-mal kontrolliert.

Die Kontrolleure staunten über die Autoausrüstung und Ziel meiner Reise. Es waren viele Beamte und Soldaten um mich herum. Alles wurde kontrolliert, Motor- und Chassisnummer, aber keiner hat nach dem internationalen Führerschein oder der grünen Karte gefragt. Nach einem Spruch des letzten Kontrolleurs „crazy people“ ging nach drei Stunden auch die letzte Schranke hoch und ich war in Russland.

In Russland ist viel los

Im Gegensatz zur finnischen Seite war hier wirklich viel los. Ich hatte sofort viele Freunde um mich herum. Ich tauschte schnell etwas Geld um, tankte Diesel für umgerechnet 40 Cent pro Liter, konnte einer Bortsch-Suppe mit russischem Schwarzbrot nicht widerstehen. Dabei quatschte ich mit russischen LKW-Fahrern, die in einer langen Kolonne auf ihre Abfertigung warteten. Einkäufe erledigte ich in einem kleinen Tante-Emma-Laden, was schon an sich ein Erlebnis ist. Hier waren meine Russischkenntnisse nun wieder sehr von Vorteil.

Die kleine Bundesstraße sollte mich nach ungefähr 200 Kilometer zur nächsten Kreuzung nach Norden bringen. Es war schon spät und ich fand einen kleinen und schönen Übernachtungsplatz direkt am See. Ab jetzt gab es kein Internet sondern nur eine Navigation mit GPS. Die Nacht war kalt und klar. Polarlichter hatten sich immer noch nicht gezeigt.

Am nächsten Tag wollte ich gut 450 Kilometer bis nach Murmansk fahren. Es war Mittwoch und ich musste an diesem Tag mein Ziel definitiv erreichen. Die nächsten 180 Kilometer waren sowohl eine Prüfung für den Menschen als auch für den Geländewagen.

Der „Point of Return“ ist gekommen

Die winterliche Straße erlaubte ein maximales Tempo von 20 bis 30 km/h und das war für die Straßenverhältnisse wirklich schnell. Die gesamte Federung und Stoßdämpfer arbeiten bis zum Anschlag. Mehrere Fahrer standen schon am Rande der Piste und reparierten ihre Fahrzeuge.

An genau dieser Stelle klingelt plötzlich mein Wecker, um mir zu zeigen dass ich gerade den „point of return“ grade erreicht habe. Mist. Es war 12 Uhr, ein kurzes Blick auf das Navi zeigte mir, dass ich mich sehr beeilen musste, was aber nicht möglich war. Ich beschloss trotzdem weiterzufahren, direkt in Murmansk umzudrehen, um dann sofort nach Hause drei Nächte durchzufahren.

Weitere sieben Stunden gab es nur extremes Offroadfahren. Eis und Schnee, Riesenlöcher in der Fahrbahn sowie Wasserpfützen, die zum Teil seitlich im Wald umfahren werden mussten. 250 Kilometer vor Murmansk musste ich mich geschlagen geben. Ich war weit über mein Zeitlimit hinaus. Die Zeit hätte einfach nicht gereicht, um rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Es gab keine technischen Probleme und die Fahrt hatte bis hier hin enormen Spaß gemacht. Nach kurzer Überlegung gab ich als nächstes Ziel im Navi St. Petersburg ein, blickte kurz nach Norden und versprach, hier auf jeden Fall wieder zu kommen.

In St. Petersburg

Bis nach St. Petersburg führte eine gut aufgeräumte, aber auch zum Teil sehr schlechte Schotterstraße. In St. Petersburg gab es keinen Schnee mehr. Nachdem ich die Autobahnmaut bezahlt hatte, waren die nächsten Kreuzungen so verwirrend, dass ich mich insgesamt vier Mal verfahren und jeweils unabsichtlich die Autobahn verlassen habe. Durch meine russischen Sprachkenntnisse, konnte ich aber immer die Mautkontrolleure in ihren Büdchen davon zu überzeugen, mich wieder kostenlos auf die Autobahn zu lassen.

Von St. Petersburg hatte ich gut 2.200 km bis nach Hause. Ich habe noch Tallin in Estland, Riga in Lettland und Kaunas in Litauen kurz besucht. In Estland wollte ich von Rohuküla auf eine der längsten Eisstraßen Europas (fast 20km) die Insel Hiiumaa, Saaremaa und Muhu besuchen. Am Strand habe ich den kleinen Alexander und Sergeij mit ihrem Hund getroffen. Sie erzählten mir, seitdem die Rederei vor zwei Jahren sich einen Eisbrecher angeschafft hatte, gäbe es diese Eisstraße nicht mehr.

An der polnisch-litauischen Grenze zu den Masuren wurde ich überraschenderweise ordentlich kontrolliert. Polizei und Zoll haben hier eine gemeinsame Kontrolle durchgeführt. Danach lenkte ich den HDJ80 direkt in einen dichten Wald zu den noch schlafenden Bibern und suchte mir einen Übernachtungsplatz.

Es war angenehm warm, neblig, das Eis taute auf und auf den Bäumen gab es Maschendrahtzaun als Schutz vor Bibern. Ich habe kurz über meine fast 20 Jahre alten Winterreifen nachgedacht, ob sie wohl auch diese Nacht mit eventuellen Biberangriffen überstehen würden!

Das war meine letzte Nacht auf dieser Reise. Zum Abschluss habe ich mir eine heiße Nudelsuppe mit russischem Schwarzbrot sowie einen Wein gegönnt. Am nächsten Morgen erwartete mich eine eintönige Heimfahrt auf der Autobahn.

7.500 Kilometer später und das magische Ziel Murmansk bleibt

An diesen Abend dachte ich über meine gesamte Reise nach. Das waren fast 7.500 km und 740 Liter Diesel. Nicht einmal hatte ich einen anderen Touristen getroffen. Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Winterliche Straßenverhältnisse, Eisstraßen auf zugefrorenen Seen und zugefrorenem Baltikum, wunderschöne Landschaften im Lappland und Russland, Kälte, Bekanntschaften mit vielen Leuten, ein Rennen gegen die Zeit und kurz vorm Ziel gezwungen umzudrehen, das musste ich erstmal alles verarbeiten.

Was ich aber schon jetzt wusste, Murmansk bleibt für mich immer noch ein magisches Ziel und dazu brauche ich keine Reifen mit Spikes.

Über den Autor: Wojtek und seine Frau Antje sind Chirurgen. Ihre Leidenschaft ist ihr Beruf und das Reisen. Ihre Abenteuerlust führt sie immer zu interessanten Menschen und Orten, die sie begeistern. Mehr von ihren Reisen gibt es auf ihrem Blog: Explorer-docs.de