Muss das sein? Braucht man das? Ja. Manchmal muss das sein und man braucht das, sagt Doreen Kühr.

Es ist Samstagabend. Es regnet in Strömen und ich bin schlecht gelaunt, weil ich schon seit zwei Stunden zu Hause sein wollte. Außerdem ist mir kalt. Im Augenwinkel sehe ich, wie an der Säule rechts von mir jemand einschert. Audi R irgendwas. So ein platte Flunder, in weiß halt. Der Typ steigt telefonierend aus und glotzt mich an. Als er das Telefon wegsteckt und sein Auto betankt, quatscht er mich an: „Ey! Biste ’n Förster?“

Ich bin verwirrt. „Ähh…was??“ Er: „Na wegen deinem Auto. Biste Jäger oder so?“. Ich hab ihn ja verstanden, aber ich wundere mich über die Frage. „Nein …!? Bin ich nicht …“, antworte ich. Er wieder: „Naja, wozu BRAUCHT man denn sonst so ein Auto?“. Jetzt bin ich es, der glotzt und frage wieviel PS sein Auto hat. Er antwortet mit stolz geschwellter Brust „420!!“. „Ok“, sage ich. „Und, BRAUCHT man das??“ Ich lasse ihn stehen und gehe bezahlen.

Endlich bin ich auf den letzten Metern nach Hause und hänge meinen Gedanken um diesen Tankstellen-Talk nach. Ich bin das so ähnlich schon mal gefragt worden. Also wozu ich meinen Defender „brauche“. Ich frage mich, warum man das wissen muss, denn schließlich frage ich mich auch nicht ob mein Nachbar seinen Porsche „braucht“. Braucht man überhaupt ein Auto? Nö. Wir könnten Fahrrad fahren, zu Fuß gehen oder mit der Bahn fahren. Anstatt Defender könnte ich natürlich auch VW Golf fahren. Das hätte Vorteile. An erster Stelle wäre es günstiger. Und umweltfreundlicher! Ich würde in Parkhäusern einen Stellplatz bekommen und ich müsste vermutlich nur 1 bis 2 mal im Jahr eine Werkstatt aufsuchen.

Aber weißte was? Ich find mein Auto einfach toll. Ich liebe diesen kantigen Blechkasten, in dem es mir bei Regen auf die Füße tropft und ich im Winter die Scheiben von innen kratzen muss. Vermutlich würde ich verrückt, wenn ich jeden Tag auf ein butterweiches Kupplungspedal treten müsste, das sich nicht bei jedem Betätigen mit einem freundlichen Quietschen zurück meldet. Ich bin leidenschaftlich verknallt in dieses Teil.

Zugegeben, man muss leidensfähig sein: Mein Konto hat ein dezentes Defender-Loch, das sich von Jahr zu Jahr ausbreitet wie der Rost am Unterboden. Versiegelung hin oder her. Wenn das Gespräch mit Freunden am bierschweren Tresen auf „Emissionsrichtlinien, Sicherheit und Kraftstoffverbrauch“ zusteuert schalte ich die Drosselklappen in meinen Ohren auf Durchzug. Klimapolitik … jaja …, Euro-6 … mhmm …

Ich geh mal eine rauchen. Ach so, Klimabilanz. Ja, Fleisch esse ich auch.

© Foto: Doreen Kühr