Es ist kühl geworden, als ich morgens die Nase aus dem Schlafsack stecke. Wir haben Mitte September und in Sibirien spüren wir die ersten Anzeichen des herannahenden Winters. Bei einem wärmenden Tee schauen wir in die Karte und überlegen, welche Gegenden dieses schönen Planeten wir als nächstes entdecken könnten. Der Finger wandert auf der Karte in Richtung Westen, nach Georgien.

Georgien – über dieses Land hatten wir schon von vielen anderen Reisenden auf unserem Weg durch Zentralasien und Russland gehört, alle erzählten uns von einer tollen, ursprünglichen Bergwelt, gastfreundlichen Menschen und den kulinarischen Höhepunkten dieses Landes zwischen Asien und Europa. Das ist genau nach unserem Geschmack und so heißt es von jetzt an „Kurs West“. Dank des sehr gut ausgebauten russischen Fernstraßennetzes sind die nun folgenden rund 6.000 Kilometer durch Russland schnell abgespult und mit Überschreiten des Urals werden wir schlagartig in den Sommer zurückkatapultiert.

Offroad in Georgien - Reiseplanung.

Reiseplanung.

Auf dem Weg in den Kaukasus

„Schau mal dort, schneebedeckte Berggipfel!“. Wir haben den Kaukasus erreicht. Kurz darauf sind wir auf der „Georgischen Heerstraße“ unterwegs, welche das russische Vladiwakas mit dem georgischen Tbilissi verbindet. Wir gewinnen schnell an Höhe und erreichen schließlich den Grenzübergang nach Georgien. Die Grenzformalitäten sind zügig erledigt und schon begrüßt uns der georgische Grenzbeamte mit einem freundlichen „Welcome to Georgia!“. Wieder einmal rollen wir mit unserem Landy in ein für uns noch unbekanntes Land und tauchen ein in die atemberaubende Bergwelt des Großen Kaukasus.

Den ersten Abend in Georgien genießen wir am prasselnden Lagerfeuer und bald bricht eine sternenklare Nacht über uns herein. Es ist jetzt Ende September und nachts fällt das Thermometer bereits auf Temperaturen unter den Gefrierpunkt, so dass es eine gute Idee war, beim letzten Tankstopp im noch hochsommerlich warmen Süden Russlands etwas Fließverbesserer beizugeben.

Offroad in Georgien - Kazbegi im Großen Kaukasus.

Kazbegi im Großen Kaukasus.

Welche Gegenden sind interessant in Georgien? Welche Ziele lohnenswert? Wo gibt es tolle Wege zu erkunden? Der Tee dampft und bei einem ausgiebigen Frühstück beschließen wir zunächst einmal in die Hauptstadt Tbilissi zu fahren, um uns ein wenig mit dem Land vertraut zu machen, eine Landkarte zu besorgen und Pläne für die kommenden Wochen zu schmieden.

Besuch der Hauptstadt Tbilissi

So folgen wir weiter der „Heerstraße“, welche sich durch die Berge schlängelt, überqueren den rund 2.400 Meter hohen Dschwaripass und genießen immer wieder herrliche Ausblicke über den Kaukasus. Später geht es über eine tolle Serpentinenstrecke wieder hinab ins Tal und am späten Nachmittag erreichen wir das quirlige Tbilissi.

Durch Tbilissi führte einst die berühmte Seidenstraße und wir erfahren später, dass die Stadt im 14. Jahrhundert zum zentralasiatischen Reich des Eroberers und Herrschers Timur Lengs gehörte, ein Name, welcher uns schon einige Monate zuvor in Usbekistan begegnete. Die Hauptstadt Georgiens lädt heute mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten zum Verweilen ein und es erscheint so, als wenn sich hinter jeder Ecke etwas Neues entdecken ließe. Wir suchen uns einen Stellplatz in fußläufiger Entfernung zur Innenstadt und machen uns in den nächsten Tagen immer wieder auf Entdeckungstour in diese lebendige Metropole.

Offroad in Georgien - Fabelhafte Architektur der "Friedensbrücke" in Tbilissi.

Fabelhafte Architektur der „Friedensbrücke“ in Tbilissi.

Wir folgen dem Ruf der Natur

Nach so viel städtischer Kultur, folgen wir mal wieder dem Ruf der Natur. Voller Eindrücke und Pläne machen wir uns nach ein paar Tagen auf in Richtung Osten des Landes. Wir begeben uns zunächst auf die Weinroute nach Kachetien, einer Region im Osten Georgiens, welche am Südhang des Großen Kaukasus liegt. Wein ist ein Teil der georgischen Geschichte und Kultur. Die Geschichte des Weinbaus in Georgien reicht etwa 8.000 Jahre zurück und ist untrennbar mit dem Land verbunden. Am Abend finden wir ein gemütliches kleines Gasthaus und erfahren mal wieder eine tolle Gastfreundschaft. Bei der Abreise bekommen wir von den Eigentümern noch eine große Tüte voller äußerst schmackhafter Weintrauben geschenkt. Diesen Proviant können wir gut gebrauchen, denn heute möchten wir den rund 2.900 Meter hohen Abano Pass in der Region Tusheti erklimmen und nach Omalo fahren. Die Strecke führt über die höchste befahrbare Pass-Straße im Kaukasus, welche nur mit Allradfahrzeugen befahrbar sein soll und wird verschiedentlich als „dangerous road“ gelistet. Das klingt spannend und wir müssen uns das unbedingt ansehen!

Auf zum „gefährlichen Pass“ und nach Tusheti

Die Straße, welche unbefestigt ist, steigt in immer steiler werdenden Serpentinen an und wir befinden uns bald wie in dicke Watte gepackt auf Höhe der tiefhängenden Wolken. Ab- und zu, kommen uns schwer beladene KAMAZ Allrad-LKW entgegen, hier und da mal ein Geländewagen, ansonsten bestimmen Kühe das Straßenbild, welche jetzt im Herbst aus den Bergen ins Tal getrieben werden. Wir benötigen etwa fünf Stunden für die rund 70 Kilometer und nachdem wir den Pass überschritten haben, geht es ebenso steil wieder ins Tal hinab.

Offroad in Georgien - Über die Abano-Pass-Straße nach Omalo...

Über die Abano-Pass-Straße nach Omalo…

Offroad in Georgien - …mit "Gegenverkehr" auf der Bergstrecke.

…mit „Gegenverkehr“ auf der Bergstrecke.

Volle Konzentration ist nötig

Die Strecke ist teilweise nass und rutschig und erfordert volle Konzentration beim Fahren, schließlich geht es knapp neben dem schmalen Weg oft mehrere hundert Meter in den Abgrund. Es ist Herbst geworden und die Laubfärbung zaubert fantastische Farben in die schroffe Bergwelt. Immer wieder halten wir an und erfreuen uns an diesem schönen Schauspiel der Natur.

Offroad in Georgien - Der Herbst ist eingekehrt in Tusheti.

Der Herbst ist eingekehrt in Tusheti.

Tusheti

Tusheti gilt als eine der ursprünglichsten Regionen Georgiens und das ist es auch. Jetzt im Herbst treffen wir keine anderen Reisenden und auch so scheint der Ort Omalo schon wie ausgestorben zu sein. Es ist schon spät als wir einen Stellplatz finden. Wir genießen noch eine Weile die Stille der Natur und krabbeln dann in unseren gemütlichen Landy. Doch die Stille währt nicht lange und in der Nacht erfahren wir einen massiven Wetterumschwung mit schweren Gewittern und starkem Regen. In welchem Zustand mag wohl der Weg über den Abano-Pass nun sein?

Dies wollen wir gleich am nächsten Morgen ausprobieren. Wir machen uns also auf den Weg zurück in die Zivilisation. Der Weg ist teilweise schlammig und der Fels rutschig, hier- und da sind ein paar Gesteinsbrocken heruntergepurzelt. Doch schon bald erreichen wir die Passhöhe, welche uns ungemütlich mit Kälte und Nebel empfängt und nicht zum Verweilen einlädt. Ein schnelles „Gipfel-Foto“ und weiter geht es.

Offroad in Georgien - Der Abano-Pass ist erreicht!

Der Abano-Pass ist erreicht!

Nach so viel Anstrengung, haben wir eine Belohnung verdient! Also lassen wir uns die Gelegenheit einer ausgiebigen Weinprobe nicht entgehen und freuen uns, dass wir anschließend gleich auf dem Weingut übernachten dürfen. So schlummern wir bald im Klappdach des Landys und träumen von neuen Abenteuern.

Von Stalagmiten und Stalaktiten

Die Bergwelt des Großen Kaukasus hat es uns angetan. Daher entscheiden wir uns, auch den Nordwesten des Landes zu besuchen. Mit einem kurzen Zwischenstopp in Tbilissi gelangen wir zunächst in den Ort Kutaissi, der drittgrößten Stadt Georgiens. Hier finden wir einen schönen Stellplatz hoch über der Stadt und genießen am Abend eine tolle Aussicht über den Ort mit seinen zahlreichen Kirchen, Kathedralen und Synagogen.

Kutaissi ist auch ein idealer Ausgangspunkt, um eine der Höhlen in der Region zu besichtigen. Dieses Gebiet ist bekannt für zahlreichen Höhlen- und Tunnelsysteme, welche teilweise bis heute nicht vollständig erforscht sind. Wir lassen uns das natürlich nicht entgehen und besichtigen die Prometheus Höhle, welche etwa 25 Kilometer nördlich von Kutaissi liegt. Hier tauchen wir ein in ein etwa 1,5 Kilometer langes Höhlensystem mit zahlreichen Hallen. Der Weg führt vorbei an wunderschön illuminierten Stalagmiten und Stalaktiten, ganzen Tropfsteinwänden und versteinerten Wasserfällen. Mancherorts lassen sich regelrecht Figuren entdecken, die der Tropfstein geformt hat.

Offroad in Georgien - Fantastische Gesteinsformationen gibt es in der Prometheus Höhle zu bestaunen.

Fantastische Gesteinsformationen gibt es in der Prometheus Höhle zu bestaunen.

Es geht wieder in die Berge

Nun soll es endlich wieder in die Berge gehen. Wir wählen wieder einmal nicht den einfachen und direkten Weg, nein, wir hatten von einer tollen, unbefestigten Bergstrecke gehört. Die Angaben zur Beschaffenheit dieser Straße, welche wir recherchiert hatten, reichen von „anspruchsvoll für PKW“ bis hin zu „unfahrbar, auch mit Allradfahrzeugen“. Das müssen wir uns einmal genauer ansehen! Noch einmal volltanken und schon geht es los in Richtung Berge. Am Mittag erreichen wir den kleinen Ort Lentechi. Ein kleines Restaurant am Straßenrand lädt zur Rast ein. Die Besitzerin, eine freundliche ältere Frau, serviert uns leckere, frisch gebackene Kubdari. Kubdari, mit Fleisch gefüllte Brote, sind ein Nationalgericht in der georgischen Region Svanetien, in der wir uns jetzt befinden. Dazu gibt es hausgemachten Saft. So gestärkt kann es weitergehen. Nach etwa 20 Kilometern hört endlich der Asphalt auf und wir befinden uns auf der besagten Bergstrecke. Immer tiefer geht es hinein in die Natur, immer schmaler und steiler wird der Weg. Eine tolle Strecke, die uns viel Spaß macht zu befahren.

Offroad in Georgien - Auf der wunderschönen Bergstrecke nach Ushguli.

Auf der wunderschönen Bergstrecke nach Ushguli.

Svanetische Wehrtürme – UNESCO Welterbe

Nach den, mit dem Landy wirklich gut zu fahrenden, rund 80 Kilometern erreichen wir die Dorfgemeinschaft Ushguli. Die hier liegenden Dörfer sind bekannt für die typischen svanetischen Wehrtürme, welche aus dem Mittelalter stammen und heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sind. Wir verbringen einige Tage in und um Mestia, einer Kleinstadt in der Region Svanetien, welche ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Der Ort ist malerisch eingebettet in ein Tal des Großen Kaukasus und es gibt einiges zu entdecken. Eine fast mystische Gegend aus Zeiten lange vor unserer Zeit.

Offroad in Georgien - Svanetische Wehrtürme aus Zeiten lang vor unserer Zeit.

Svanetische Wehrtürme aus Zeiten lang vor unserer Zeit.

„Oh schau mal, Neuschnee auf den Bergen!“ – als wir morgens aufwachen zeigt das Thermometer minus 5 Grad und es hat doch tatsächlich in den Bergen geschneit. Wir entscheiden uns für ein Frühstück in einem der zahlreichen örtlichen Cafés und langsam erwärmt die Sonne das Tal. Wir verbringen noch einen Tag in Mestia, erkunden weiter den Ort und nutzen am Abend die Gelegenheit der kühlen Temperaturen, eine weitere Spezialität Georgiens, den Glintwein – eine Abwandlung des in Deutschland bekannten Glühweins – zu probieren.

Offroad in Georgien - Die äußerst schmackhafte georgische Küche lädt zum Schlemmen ein.

Die äußerst schmackhafte georgische Küche lädt zum Schlemmen ein.

Wir bedanken uns für die georgische Gastfreundschaft

Nach dem Großen Kaukasus, möchten wir auch die Berge im Süden Georgiens besuchen. Dazu haben wir uns ein paar Bergstrecken im Südwesten des Landes auf der Karte ausgesucht, die wir in den nächsten Tagen unter die Stollen nehmen wollen. Auf guter Asphaltstraße verlassen wir Mestia und machen uns wieder auf den Weg in Richtung Kutaissi. Von dort geht es weiter in südlicher Richtung auf einer nicht minder spannenden Strecke über den Zekari-Pass.

Als wir um eine Ecke biegen, ist doch tatsächlich ein kleiner Stau auf der wenig befahrenen Straße entstanden. Über die Fahrzeuge vor uns hinweg sehe ich, dass ein PKW im Schlamm feststeckt und so die Weiterfahrt blockiert. Dies gibt uns eine gute Gelegenheit uns für die georgische Gastfreundschaft zu bedanken. Nachdem der Havarist geborgen und die Strecke wieder frei ist, geht es weiter entlang der georgisch-türkischen Grenze durch die Berge bis hinab zum Schwarzen Meer.

Offroad in Georgien - Unterwegs in den Bergen.

Unterwegs in den Bergen.

Es war eine tolle Reise durch Georgien

Die letzten Tage in Georgien entspannen wir auf einem kleinen Hof, dessen schöner Garten zum Campen einlädt. Da die Besitzerin gut Deutsch spricht, erfahren wir nochmal viel über das Land und seine Bewohner, erfreuen uns abermals der großartigen georgischen Gastfreundschaft und der guten georgischen Küche. Diese letzten Tage in Georgien sind Synonym für die gesamte Reise durch dieses tolle Land: atemberaubende Natur, in der es viele Wege für Geländewagenreisende zu entdecken gibt, tolle, gastfreundliche Menschen und ja, eine fantastische Küche. Niemand hatte uns zu viel versprochen. Wir kommen sicher einmal wieder und während diese Zeilen entstehen, sitze ich unter Palmen am Mittelmeer und träume mich bei einer frischen Meeresbrise in die spannende Bergwelt Georgiens zurück.

Über den Autor:
Seit frühester Kindheit ist Björn Eldracher unheilbar mit dem Reisevirus infiziert, wurden Wege und Reisedauer immer länger und ausgedehnter. Ich reise um Neues zu entdecken und Bekanntes im Lauf der Zeit wiederzusehen, dabei interessante Menschen kennenzulernen und die sagenhaft schöne Natur, die der Planet Erde zu bieten hat, zu genießen. Das eigene Fahrzeug, derzeit unterwegs mit einem Landy – welcher seit Jahrzenten ein Symbol für das Fernweh ist – bietet mir dabei Unabhängigkeit und die Möglichkeit auch entlegene Orte zu entdecken. Unterwegs tausche ich das Steuer gern mal für ein paar Tage gegen Wanderschuhe oder Paddel.