Wann fing es eigentlich an? Das mit dem Allradantrieb? Welches Fahrzeug hatte als erstes alle Räder angetrieben? Und was für eine Art Fahrzeug war es? Wir haben uns auf die Suche gemacht und für euch die Nummer 1 gefunden.

Seit der Mensch sich maschinell und auf Rädern fortbewegt, mag es den Wunsch oder die Notwendigkeit gegeben haben, dass mit allen Rädern zu tun. Die Vorteile liegen auf der Hand und heutzutage nutzen sie immer mehr Fahrzeuge. Die frühen Jahre der Entwicklung des Autos und der Lastkraftwagen zu einem Massenprodukt wurden durch zwei Kriege beschleunigt, in denen zum ersten mal Mobilität in diesem hohen Maße mechanisiert wurde. Und gerade dort braucht es einen Allradantrieb. Nun könnte man erwarten, dass aus dem militärischen Bereich auch die ersten Impulse kamen. Dem ist aber nicht so. Diese kamen schon viel früher.

Was gilt überhaupt als erster Allradwagen?

Wo ziehen wir die Grenze? Was gilt als einmaligen Entwicklung, als skurrile Besonderheit und was die tatsächliche Geburt des Allradantriebs? Muss der erste Allradwagen auch ein Geländewagen sein? Was sind die richtigen Kriterien?

Merkmale eines Geländewagens waren eh in allen Fahrzeugen Anfang des 20. Jahrhunderts gefordert, denn es gab nur wenig befestigte Straßen. Insbesondere eine hohe Bodenfreiheit war von Nöten. Ein Allradantrieb war in PKWs und LKWs dennoch so gut wie nicht anzutreffen, die Fahrer mussten so klar kommen. Das es aber auch ohne ihn ging, wenn auch manchmal mit viel Mühe, bewies 1927 medienwirksam Clärenore Stinnes, die mit einem heckgetriebenen Adler Standard 6 die Welt umrundete.

Selbst der erste Weltkrieg hat dem Allrad keinen Durchbruch gebracht. Zwar wurden ab 1915 in Frankreich bereits erste LKW und Zugmaschinen mit Allrad von Renault und Latil gebaut, aber erst der zweite Weltkrieg sah die massenhafte Entwicklung eines allradgetriebenen PKWs, den Willys Jeep. Es wurde der Urahn der reinrassigen Geländewagen und Vorbild für die beiden dienstältesten Geländewagen die in Masse hergestellt wurden, den Land Rover (1948) und das Toyota Buschtaxi (1953), die selbst wieder Vorbilder wurden.

Mit dem Ausbau des asphaltierten Straßennetzes nach dem zweiten Weltkrieg verschwand der Allradantrieb zumindest in Europa langsam wieder in der Versenkung. Er blieb den spezialisierten Anwender vorbehalten. Otto Normalbürger hatte weder genug Geld noch Zeit, noch gab es ein echtes Angebot an Fahrzeugen. Gleichzeitig wurden die Straßen besser und weiter ausgebaut. Die PKWs wurden immer komfortabler und verloren so zunehmend ihre Geländefähigkeiten. Der Allradantrieb blieb weiter in seiner Nische.

Der Allradantrieb kommt

Erst mit Land Rover in Europa Mitte bis Ende der 1950er Jahre und später mit Ford und Jeep in den USA trat der Allradantrieb langsam aus seinem Schatten und den spezialisierten Anwendungen, vornehmlich bei den Sicherheitskräften und im Land-und Forstwirtschaftsbereich. In Europa bot Land Rover schon seit 1948 günstige Geländewagen an, beworben als und ausgestattet wie Nutzfahrzeuge um Steuern zu vermeiden. Es dauerte noch 6 Jahre, bis der erste Station Wagon auf den Markt kam, der sich auch zur Personenbeförderung eignete. Bis der Komfort auf ein erträgliches Maß anstieg dauerte es aber weitere Jahre. Der Allradantrieb für die Massen war da. Mit dem steigenden Wohlstand und mehr Freizeit entstand auch ein neues Freizeitverhalten. Es gab nun Vereine und Clubs die Veranstaltungen und Wettbewerbe mit Geländewagen organisierten. Der Wagen war nicht mehr nur ein Nutzfahrzeug.

In den USA schob in den Sechziger Jahren der Ford Bronco und der Jeep Wagoneer diese Entwicklung weiter an. Er inspirierte Land Rover zum Range Rover, der voll auf diesen aufsteigenden Markt zielte. Im Segment der kleinen und günstigeren Wagen tauchten in den 1970er Jahren die Suzukis und Ladas in Europa auf, spätestens jetzt konnte sich jeder einen Wagen mit Allrad leisten, wenn er denn wollte.

Unsere Kriterien

Was sind also geeignete Kriterien? Beim Blick zurück in die Zeit sahen wir, dass der Allradantrieb in der Zeit um 1900 auftauchte. Daher haben wir uns entschieden, dass es ein Auto entsprechend seiner Zeit sein muss, der tatsächlich gefahren wurde und über Merkmale heutiger Geländewagen verfügte: Starrachsen und zwei oder drei Differenziale. Dazu zählen wir einen Antrieb mit Verbrennungsmotor und natürlich ein Antriebsstrang, der alle Räder antreibt. Mehr kann man aus dieser Zeit nicht verlangen.

Vorläufer des ersten Allrad-Fahrzeugs

Ohne diese Kriterien würde wahrscheinlich der dampfgetriebene Tasker Traktor von 1898 oder 1899 als erstes Allradfahrzeug gelten. Zu dieser Zeit fuhren Dampfmaschinen durch die Lande um Arbeiten zu verrichten. Der britische Tüftler und Ingenieur Bramah Joseph Diplock entwickelte 1898 einen Allradantrieb für eine solche mobile Dampfmaschine, die 1899 von Tasker of Andover gebaut wurde. Später wurde diese Dampfmaschine mit Diplock Pedrail-Rädern versehen. Diese Räder sollten die Traktion erhöhen und noch besser durch unwegsames Gelände kommen. Vereinfacht gesagt, wurden um ein Rad herum viele bewegliche Füße angebracht. Diese Befestigung war allerdings zu kompliziert und es kamen bessere Traktionsprinzipien, so dass sich dieses System nicht durchsetzte.

Dann gab es noch eine Besonderheit: den Lohner-Porsche, entwickelt vom berühmten Ferdinand Porsche. Eine Besonderheit, weil er einen Antrieb hatte, der in ähnlicher Form gerade eine Renaissance erlebt: der Hybridantrieb. Dieser klobige und schwere Wagen besaß in jedem Rad einen 1,5 kW Radnaben-Elektromotor, die von Batterien versorgt wurden. Die Batterien, die immerhin 1,8 Tonnen wogen, wurden von einem Gasmotor aufgeladen. Heute wird das Prinzip als Range-Extender für Elektrofahrzeuge bezeichnet. Schon damals erkannten die Entwickler das größte Problem der Elektromobilität: zu schwer und zu geringe Reichweite, was letztendlich zu der Hybridbauweise mit Verbrennungsmotor führte.

Die beiden sind aber nicht unsere Kandidaten. Das eine war kein Auto im eigentlichen Sinne, sondern eine mobile Dampfmaschine. Der andere wurde nicht direkt mit einem Verbrennungsmotor angetrieben und hatte keine Starrachsen mit Differenzialen. Daher müssen wir noch ein paar Jahre weiter vor gehen, bis ins Jahr 1903. In diesem Jahr wurde in den Niederlanden ein Auto gebaut, was in vielerlei Hinsicht automobile Geschichte schrieb. Interessanterweise ist es kaum bekannt: der Spyker 60 H.P.

Der erste Allradwagen der Welt: Spyker 60 H.P.

Damit hätten wir unsere Nummer 1 gefunden. Ein Auto seiner Zeit, genauer ein Rennwagen und zudem der erste mit einem Sechszylinder-Benzinmotor. Jacobus Spijker baute diesen Rennwagen mit 8,7 Litern Hubraum, für das Rennen Paris – Madrid. Erst kurz zuvor hat er den belgischen Ingenieur Joseph Valentin Laviolette engagiert, der bereits Pläne für einen Motor mit sechs separaten Zylindern hatte. Nun konnte er ihn bauen und pflanzte ihn in den Spyker 60 H.P ein.

Spyker 60 H.P. - Der erste motorisierte 4x4-Wagen der Welt.

Der erste motorisierte 4×4-Wagen der Welt: Spyker 60 H.P.

Dazu entwickelte er einen Antriebsstrang, der Vorder- und Hinterachse antrieb. Der Allrad im PKW so wie wir ihn heute kennen war geboren. Er besaß zwei Starrachsen mit Differenzialen und ein Mitteldifferenzial, welches direkt im manuellen Dreigang-Getriebe eingebaut war. Die Kupplung war vom damaligen üblichen Typ Lederkonus, die eher für geringe Leistungen geeignet war. Opel nutzte sie für Fahrzeuge bis 25 PS, darüber andere Varianten.

Gebremst wurde über die Kardanwelle auf alle vier Räder. In den Hinterrädern waren noch zusätzlich Trommelbremsen untergebracht.

Der Spyker soll bis zu 75 km/h erreicht haben, 110 km/h waren jedoch ursprünglich gewünscht. Das Paris-Madrid-Rennen ist er wohl nie gefahren, da er anscheinend nicht rechtzeitig fertig wurde. Erst im Dezember 1903 wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt. Zwei Monate später wurde er im Crystal Palace in London ausgestellt, dem Gebäude für die erste Weltausstellung von 1851. Er gewann mit Testfahrer Emile Hautekeet 1907 ein Bergrennen.

Der erste Allradwagen der Welt: Spyker 60 H.P.

Der erste Allradwagen der Welt: Spyker 60 H.P.

Das Fahrzeug heute

Bereits 1920 wurde das Fahrzeug restauriert, leider jedoch handwerklich sehr schlecht durchgeführt. Nach dem Bankrott von Spyker im Jahre 1925 kaufte es ein ehemaliger Spyker Direktor. Von 1953 bis 1993 wurde das Fahrzeug dann in verschiedenen niederländischen Museen ausgestellt und wechselte 1964 und 1990 erneut die Besitzer. Heute kann der über eine Zeitraum von 5 Jahren restaurierte Wagen im Museum seines derzeitigen Besitzers Evert Louwman im gleichnamigen Museum in Den Haag bewundert werden.

Spyker 60 H.P. - Der erste motorisierte 4x4-Wagen der Welt.

Automobile Technik von vor über 100 Jahren.

Spyker

Das von den niederländischen Brüdern Hendrik Jan und Jacubus Spijker 1880 gegründete Unternehmen stellte schon früh Fahrzeuge her. Zuerst setzten sie Kutschen instand und 1898 bauten sie ihr erstes motorisiertes Fahrzeug, angetrieben von einem Benz-Motor. Aber Kutschen spielten noch immer eine Rolle in der Firmengeschichte, insbesondere die königliche Kutsche, die die Spijkers für Königin Wilhelmina der Niederlande anfertigten und die bis heute für Zeremonien genutzt wird.

Ein weiteres Highlight nach dem 60 H.P. war der 14/18 PK. Der Franzose M. Goddard fuhr mit dem Wagen auf den zweiten Platz des 15.000 Kilometer langen Rennens von Peking nach Paris. Eine große Leistung für diese Zeit, die aber auch 6 Monate brauchte. Im Firmenlogo prangt sehr prominent ein Flugzeugpropeller. Dieser dürfte 1914 Eingang gefunden haben, als Spyker mit der Dutch Aircraft Factory N.V. zusammen ging. Von nun an wurden 100 Kampfflieger und 200 Flugzeugmotoren gebaut.

1920, fünf Jahre vor dem Aus, brachen sie mit dem Spyker Tanax C14 den Langzeitrekord von Rolly Royce um 6.000 Kilometer. Er fuhr in nur einem Wintermonat 30.360 Kilometer. Zwei Jahre später holten sie dann im C4 den Geschwindigkeitsrekord von 1907 mit 120 km/h im Durchschnitt über eine Dauer von 12 Stunden.

1925 kam dann das Aus. Spyker stellte den Geschäftsbetrieb ein. 75 Jahrer später, 2000, wurde die Marke, die so viele Erfolge gesehen hatte, als Spyker Cars N.V. wieder aus der Taufe gehoben. Seit dem produzieren sie rassige Sportwagen und fahren bei verschiedenen Rennserien, wie beispielsweise Le Mans, mit.

Webseite Louwmann Museum, Den Haag: Der Spyker 60 H.P. im Louwman Museum.
Webseite: Spykercars

Spyker 60 H.P. - Der erste motorisierte 4x4-Wagen der Welt.

Reizvoll und spannend, eine Ausfahrt mit dem Spyker.

© Bilder: Louwman Museum, Den Haag, Niederlande und Spyker Limited