Es ist September. Genau die richtige Zeit für einen Abstecher in die italienischen Ostalpen. Der östliche Teil der Alpen zieht sich von Chiavenne im Westen bis Friaul im Osten und ist von Deutschlands Mitte in einem halben Tag gut zu erreichen. Im September sind die Wege frei von Schnee und Eis, die Tourimus-Lage hat sich etwas beruhigt und es ist noch nicht zu kalt.

Wir fahren zu dritt in einem 90er Defender Station Wagon und einem 130er Defender. Unser Plan ist es, in der Provinz Trentino zu starten und Richtung Osten zu fahren. Ideengeber für unsere Route war Theo Gerstls Buch „Geländewagen Touren, Band 1 – Italiens Ostalpen„.

Parkplätze – nicht immer die besten Wahl für eine Übernachtung

Auf der ersten Tagestour bewältigen wir gut 900 km von Köln bis nach Strigno, östlich von Trento. Statt der Autobahn A13/A22 über den Brenner nehmen wir die alte Brenner Passstraße, die landschaftlich wesentlich reizvoller ist. In der Nähe von Strigno, an der SP31, sind wir dann zu müde, um weiterzufahren und halten an einem Wanderparkplatz (46°09.985’N 11°26.163’E) an. Wir klappen das Dachzelt aus und bereiten die Kabine des 130ers für die Übernachtung vor. Dann begrüßen wir mit einer Flasche Rotwein die italienischen Ostalpen und fallen anschließend tiefen Schlaf.

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Am nächsten Morgen erwachen wir durch Jäger und Wanderer, die sich schon zu Unzeiten auf dem Parkplatz tummeln. Die Luft ist klar und kalt. Nur ein schnelles Frühstück, da wir endlich auf die Schotterpisten in die Berge wollen.

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Auf zum Passo di Brocòn

Unser Tagesziel heute ist die Südrampe des 1.616 Meter hohen Passo di Brocòn. Als 1866 Österreich-Ungarn in Folge des Krieges Venetien an Italien verloren hatte, mussten alle Reisenden, die vom Rollepass ins Valsugana wollten, über italienisches Gebiet. Ein untragbarer Zustand für die Österreicher, die aus diesem Grund von 1907 bis 1909 die heutige, komplett asphaltierte SS50 von San Martino di Castrozza nach Fiera di Primiero bauten. Doch bereits neun Jahre nach ihrer Fertigstellung versank die Straße in Bedeutungslosigkeit, da sich der Grenzverlauf erneut geändert hatte.

Die alte Südrampe wird heute nur noch selten genutzt und schlängelt sich von Lamon bis zum Pass. Die Schotterpiste ist leicht zu bewältigen und bietet eine landschaftlich schöne Tour mit vielen engen Kurven und Schluchten. Immer wieder geben die Bäume den Blick auf schöne Täler und die bewachsenen Felshänge der gegenüberliegenden Berge frei. Wir fahren durch viele kleine Dörfer, in denen reizvolle Häuser stehen.

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Am Pass (46°07.119’N 11°41.312’E) angekommen, suchen wir einen Übernachtungsplatz. Ein abgelegenes, kleines Plateau, durch Bäume vor Einsicht geschützt, lädt geradezu ein. Unser „Chefkoch“ Scholle macht sich auch sofort an die Zubereitung eines kräftigen Gulaschs in einem schönen alten Blechkessel. Gegen Abend wird es dort oben kühl, so dass der warme Eintopf genau das Richtige ist.

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Das Fort auf dem Monte Lisser

Der nächste Punkt, zu dem wir wollen, ist das alte Artilleriefort Lisser auf dem Monte Lisser. Diese 1912 fertiggestellte Stellung gehörte zu einer Kette von Festungen entlang des Flusses Brenta (Sperrlinie Brenta – Cismon), die das Land im Ersten Weltkrieg gegen die Österreicher nach Norden abriegeln sollte. Die Geschütze reichten bis ca. 1 km vor Ospedaletto. Je nach Quelle soll diese Festung in schwere Kämpfe verwickelt worden sein, oder auch nicht. Sicher ist, dass mit ihrer Hilfe versucht wurde, die italienischen Truppen auf dem Moletto zu unterstützen, aber meistens nur die eigenen Linien getroffen wurden. Nach dem Rückzug der Italiener übernahmen die Österreicher bis Kriegsende die Festung.

In den Jahren nach den Kriegen wurde versucht, diese Stätte „verschwinden“ zu lassen, bis man sich auf den historischen Wert besann und die zugeschütteten Gräben und Festungsteile wieder freilegte. Die Spuren der Verwüstung sind heute noch deutlich zu sehen.

Um zum Fort zu kommen, fuhren wir über reguläre Straßen südlich nach Lazzaretti. Der Ort selber ist auf Karten fast nicht zu finden, in dem Falle hält man sich auf der SP76 Richtung Furlani.

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Dort biegt man auf die Contrada Lazzaretti ab (45°54.324’N 11°38.731’E), die zunächst asphaltiert weiterläuft. Nach der Malga di Ronchetti kommt eine Gabelung der wir rechts folgen. An der nächsten Gabelung biegen wir erneut rechts ab. Hier wird die Strecke zur Schotterpiste und führt über einige Serpentinen zuerst zur ehemaligen Unterkunft der Truppen und dann bis zum Fort Lisser (45°56.723’N 11°39.802’E) hinauf.

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Unterwegs muss man einige Weidetore durchfahren, die wir nach dem Durchfahren natürlich wieder geschlossen haben. Das Hochland, durch das wir fahren, war schwer umkämpftes Frontgebiet bei der Maioffensive der österreichischen Truppen im Jahre 1916.

Der vergleichsweise gut erhaltene Festungsbau erscheint zuerst mit seiner Rückseite. Leider wurde auf den Gipfel ein Sendemast gebaut, der den ansonsten herrlichen Rundumblick stört. Nachdem einige Wolken durch unser Lager gezogen sind und ihre Feuchtigkeit hinterlassen haben, genießen wir den Sonnenuntergang am Fort.

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Am nächsten Morgen, die Täler sind noch im Nebel versunken, stehen wir bereits mit einer Tasse Kaffee Spalier und warten auf den Sonnenaufgang. Langsam klettert die Sonne die Berge empor. Ein unvergesslicher Augenblick. Alleine für diesen Moment hat es sich gelohnt, hierher zu fahren.

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Longarone – Der Ort einer Tragödie

Heute wollen wir nach Nordosten fahren. Longarone heißt unser Ziel. Dort steht der Vajont-Staudamm, dessen Bau im Jahr 1956 zu einer Katastrophe führte, die den gesamten Ort Longarone auslöschte. In der Nacht des 9. Oktober 1963 stürzten, verursacht durch die Bauarbeiten am Damm, 270 Millionen Kubikmeter Gestein des Monte Toc in den Stausee, fast das Doppelte des Seevolumens. Durch die Verdrängung stürzten 25 Millionen Kubikmeter Wasser in einer Flutwelle über die Dammkrone. Die am Hang liegenden Orte Erto und Casso wurden nur knapp verfehlt, aber einige kleine Orte auf dem Weg ins Tal und Longarone am Ende des Tals wurden vollständig zerstört. In dieser Nacht starben über 2.000 Menschen.

Wir nehmen die SS50bis in Richtung Arsié, dann weiter zur SS50 Richtung Campo, Belluno bis Ponte Nelle. Von dort geht es auf der SS51 weiter nördlich. Bei Fortogna finden wir einen kleinen Weg (46°13.613’N 12°17.299’E) runter zum Fluss Piave, der schon ein paar Kilometer parallel zur Straße verlief. Wir erkennen nur einen kleinen Trampelpfad und arbeiteten uns mit den Fahrzeugen durch dichtes Dickicht und querten ein paar Bäche, bis wir endlich am Ufer stehen. Nach einem kurzen Bad, fahren wir einige Kiesinseln im Fluss an, der zu dieser Zeit nicht besonders viel Wasser führt. Nach diesem willkommenen Zwischenstopp geht es weiter zum Staudamm.

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Am Ortseingang von Longarone gabelt sich der Weg und wir folgen rechts der Via Campelli um über die Piave zu kommen. Nach Codissage folgen einige Serpentinen und ein Tunnel, der immer nur in einer Richtung befahren werden kann. Anscheinend ein Spaß für Motorradfahrer, denn einige von ihnen fuhren den Tunnel gleich mehrfach. Am Ende des Tunnels befindet sich die Staumauer und dahinter der Besucherparkplatz (46°16.153’N 12°19.919’E).

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Nachdem wir uns das Ganze angesehen haben, wird es Zeit einen Ort für die Übernachtung zu finden. Wir bleiben auf der Straße und fahren weiter Richtung Erto im Osten. Auf gut Glück biegen wir am Ortseingang links ab und kommen so auf die Via Val Zemole, die uns bald aus dem Ort heraus und an einem Hang entlang weiter in die Berge führt. Die staubige und teilweise sehr enge Piste gefällt uns. Ein paar Kilometer weiter endet sie an einem Wanderpfad. Dort ist ein Parkplatz (46°17.721’N 12°22.111’E), auf dem wir zunächst nur die Fahrzeuge abstellen, um abzuwarten bis alle Wanderer mit ihren Autos abgefahren sind. Nun sind wir hier alleine und errichten unser Camp. Bis zum nächsten Morgen stört uns keiner.

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Der Lago di Ca’Selva und die verschwundene Stadt

Für den nächsten Tag haben wir eine Besichtigung des Stausees Ca’Selva geplant. Dort soll es einige schöne Pisten geben und für Abenteurer finden sich im Stausee alte Gebäude, die teilweise aus dem Wasser herausragen.

Von Erto geht es weiter Richtung Osten über Cimolais, Barcis und bei Prapiero zuerst auf die SP20, dann auf die serpentinenreiche SP63 bis Navarons, wo wir Richtung Norden auf die SR552 abbiegen. Nach wenigen Kilometern müssen wir links auf die SP54 fahren, wobei wir den Fluss Meduna überqueren. Wir bleiben auf der SP54 bis wir in Chievolis links in die Via Superiore einbiegen, die direkt zur Staumauer (46°15.522’N 12°42.043’E) führt.

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Wir überqueren die Staumauer und befinden uns gleich wieder auf einer Piste nach unserem Geschmack. Der Weg ist eine Sackgasse, das wussten wir, aber wir wollen das wegen des Bau des Staudamms aufgegebene Gebiet erkunden. Nicht nur neben der Piste stehen Ruinen der ehemals bewohnten Häuser, auch aus dem See ragen die alten Mauern der verlassenen Orte heraus. Zwischen den Ruinen sehen wir einige Menschen baden und angeln. Wie erwartet endet unser Weg irgendwo im Dickicht (46°15.505’N 12°40.559’E), trotzdem hat es sich gelohnt.

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Wir überlegen auf dieser Seite des Damms zu campen, finden aber keine Stelle, die uns zusagt. Im Nachhinein wundert es mich, dass wir dort nichts gefunden haben. Also fahren wir zurück über den Damm und machen es uns ein paar hundert Meter weiter bequem. Am nächsten Morgen sehen wir, dass der 130er einen platten Reifen hat. Wir montieren das Rad ab und fahren damit in den 10 km entfernten Ort Pitagora. Dort finden wir eine Reifenwerkstatt, die sich noch auf das Flicken von Schläuchen versteht. Sehr erfreulich, die Reparatur kostet nur 10 Euro.

Auf der Schinkenstraße entdecken wir die Langsamkeit

Da wir nun schon einmal in einer der berühmtesten Schinkenregionen der Welt sind, wollen wir diese Spezialität natürlich auch an einem der Ursprungsorte genießen, in San Daniele. Denn von dort kommt der berühmte luftgetrocknete San-Daniele-Schinken.

Eine weitere Besonderheit an San Daniele ist, dass die Stadt der Cittaslow-Vereinigung angehört. Es handelt sich dabei um eine 1999 gegründete Bewegung zur Entschleuningung des Lebens in Städten. Und ja, das mit der Entschleunigung nehmen die in San Daniele sehr ernst.

Über die SR55 geht es weiter Richtung Meduno im Südosten. Dort wechseln wir auf die SP32 nach Usago, von dort auf die SP22 bis Lestans und dann über die SP34 und die SP1 zum Tagliamento, den wir in Pinzano Al Tagliamento überqueren. Dort führte uns die SP5 bis San Daniele del Friuli.

Wir suchen uns einen Parkplatz im Zentrum, gleich neben Dom San Michele Arcangelo, der gerade wunderschön von der Nachmittagssonne beleuchtet wird. Wir schlendern durch die kühlen Gassen bis wir ein gemütliches Lokal finden. Dort gönnen wir uns ein Prosciutto-Salat mit Rotwein und anschließend deckten wir uns noch mit einem kleinen Vorrat an Schinken ein. Jetzt geht es auf die letzte Etappe unserer Tour: zum Monte Crostis.

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Am Monte Crostis auf den Spuren der Giro d’Italia

Von San Daniele aus liegt der Monte Crostis im Norden, nahe der österreichichen Grenze. Wir müssen wieder auf die andere Seite des Tagliamento, also fahren wir zurück nach Pinzano Al Tagliamento. Die SP1 bringt uns von dort bis kurz vor Tolmezzo. Dort geht es auf der SP72 Richtung Villa Santina und weiter auf der SR355 bis Comeglians. Ab da folgen wir den Schildern nach Noiaretto und Tualis. In Tualis nehmen wir die Panoramica delle Vette, die sich in zahllosen Serpentinen über die Baumgrenze hin zum Monte Crostis zieht.

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Direkt am Fuße des Crostis finden wir eine flach geschotterte Stelle, an der wir dann zwei Tage bleiben. Wir unternehmen Erkundungen in der Umgebung und wanderten zum 2.251 Meter hohen Gipfel. Die Straße, die wir dort hinauf gefahren sind, sollte eine Etappe des Giro d’Italia werden, dem zweitwichtigsten Rad-Etappenrennen der Welt.

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Nach dem tödlichen Unfall des Rennfahrers Wouter Weylandt auf einer der vorherigen Etappen, wurde dieser Abschnitt gestrichen. Dennoch finden wir dort oben eine Tafel, die den Weg als Etappe deklariert. Wir folgen der Straße von unserem Camp weiter bergab Richtung Ravascletto (46°31.444’N 12°55.862’E), wo für uns die Alpenbefahrung endete. Schon wenige Kilometer nach unserem Lager hörte der Asphalt plötzlich auf und die Straße wurde wieder zu einer groben Schotterpiste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass über diese Piste ein schnelles Radrennen gefahren werden sollte. In den Kurven fanden sich immer noch die Fangnetze, die für das Radrennen aufgestellt worden waren, damit die Fahrer nicht den Abhang herunterrutschen.

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Die Heimreise

Für die Heimreise wählten wir wieder den Brennerpass, diesmal jedoch die Autobahn, da wir zügig nach Hause wollten. Von Ravascletto aus fuhren wir per Navigationsgerät über die zahlreichen Serpentinenstraßen bis wir letztendlich auf der SS49 die Brennerautobahn erreichten. Unterwegs reißt die hintere linke Steckachse des 130er. Mit gesperrtem Mitteldifferential und nur noch mit Vorderradantrieb geht es für ihn zurück nach Paderborn. Für uns Richtung Köln.

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