Sabine und Michael leben seit Juni in einem Wohnmobil und arbeiten mit Hochtouren am Ausbau ihres Steyr 680. Wir sprachen mit ihnen darüber, wie sich das Leben ohne Wohnung und Job anfühlt, was sich dadurch verändert und wie ihre Reisepläne aussehen.

Wer oder was ist Herman?

Michael: Ursprünglich haben wir unser derzeitiges Wohnmobil, einen Citroen, Herman genannt. Das hat so eine dümmliche Front und erinnerte uns an Herman Munster aus der Serie „The Munsters“.

Sabine: Innen haben wir den Citroen komplett mit knallgrünem Langflorplüsch ausgekleitet. Also war er eben unser Herman Munster.

Michael: Als wir den Steyr bekamen, haben wir uns gefragt, wie der wohl heißen könnte. Dann war klar: Der guckt ja genauso mürrisch, aber auch liebenswert. Also ist es bei Herman geblieben.

Noch eine ziemliche Baustelle: Herman beim Willys Treffen

Noch eine ziemliche Baustelle: Herman beim Willys Treffen

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, in einen LKW zu ziehen und eine mehrjährige Reise zu planen?

Michael: Das hat sich ein bisschen hingezogen bei uns. Als wir uns kennenlernten, haben wir gleich unsere erste gemeinsame Reise gemacht, ein Roadtrip durch Europa. Das war vor fünf Jahren. Damals fuhren wir noch mit zwei Wagen los, weil wir unterschiedliche Interessen hatten und ab und zu getrennt fahren wollten. Ab dem zweiten Tag sind wir fast nur noch Kolonne gefahren, weil wir uns so vermisst haben. Zwei Autos waren es völlig unnötiger Weise immer noch.

Unterwegs haben wir ein Pärchen mit einem blauen Hanomag getroffen, die haben uns von dem Willys Treffen erzählt. Ein paar Monate später waren wir dort und sind fast hinten rüber gekippt. Seit dem waren wir jedes Jahr da. Wir haben auf dem Treffen einige Leute kennengelernt, die in einem LKW gelebt haben. Am Anfang dachten wir noch: „Die sind doch wahnsinnig.“

Dann haben wir immer mehr über eine mehrmonatige Reise und gleich den dauerhaften Einzug in unser Reisemobil nachgedacht. Der Wunsch wurde mit der Zeit immer stärker. Als erstes wollten wir dafür einen Reisebus ausbauen, am liebsten einen Doppeldecker. Da hätten wir viel unterbringen können. Am Anfang sind wir noch davon ausgegangen, wir müssen unsere komplette Wohnung auf die Straße bringen. Das ist natürlich völliger Quatsch.

Schließlich haben wir überlegt, wohin wir mit einem solchen Bus überhaupt fahren können und festgestellt, genau nicht dahin, wohin wir wollten. Also haben wir uns nach einem LKW umgesehen.

Warum habt ihr euch den Steyr 680 ausgesucht? War das Liebe auf den ersten Blick?

Michael: Das war eher Liebe auf den zweiten Blick. Wir hatten schon eine Weile recherchiert, was zu uns passt, was technisch sinnvoll ist und was von der Größe hinkommt. Der Steyr 680 gefiel uns, weil er diese ursprüngliche Technik hat und deshalb nicht so viel kaputt gehen kann. Anfangs dachten wir auch, dass ein zuschaltbarer Allrad-Antrieb, wie ihn der 680 hat, Diesel spart.

Viel zu schwer: Die alte-Rotzler 6T-Winde muss weichen

Viel zu schwer: Die alte-Rotzler 6T-Winde muss weichen

Sabine: Dann haben wir rausgefunden, dass die Spritersparnis durch den nicht-permanenten Allrad nicht so hoch ist und wir hatten Angst, dass die Ersatzteilbeschaffung schwierig sein könnte. Deshalb haben wir uns dann für einen Steyr 12M18 entschieden.

Michael: Auf dem Willys Treffen 2014 haben wir uns einige 12M18 angesehen. Aber auch mit Fahrern vom 680 gesprochen. Die haben uns erklärt, dass es keine Ersatzteilprobleme gäbe, weil der 680 Bosch-Standardtechnik verbaut hat und sogar die griechische Armee noch damit rumfährt.

Sabine: Als wir die 680er dort live erlebt haben, waren wir verliebt. Zwei Wochen später hatten wir einen, der ist uns quasi zugelaufen.

Der Keilriemen muss gespannt werden

Der Keilriemen muss gespannt werden

Was sind die Vorteile des Steyr 680?

Sabine: Vor allem ist der unkaputtbar. Aber er hat auch noch andere Gimmicks wie beispielsweise die Trilex-Felgen. Damit kann man die Reifen innerhalb einer Viertelstunde wechseln.

Michael: Gut ist auch, dass er kein synchronisiertes Getriebe hat und somit keine Synchronringe, die kaputt gehen können. Am Anfang dachten wir, das würde das Fahren schwierig machen. Aber nach einer sehr guten Einweisung des Vorbesitzers konnte Sabine den Steyr sofort auf der Straße fahren. Ich muss noch meinen LKW-Führerschein machen.

Stromleitungen bei frostigen Temperaturen erneuern

Stromleitungen bei frostigen Temperaturen erneuern

Sabine: Auch, dass er keine Servolenkung hat, empfinde ich als Vorteil. Denn auch die kann nicht kaputt gehen. Solange man den Steyr lenkt, während sich die Reifen drehen, ist die fehlende Servolenkung auch kein Problem. Wichtig ist eben, dass man sich vorher gut überlegt, wohin man fahren will, besonders beim Rangieren. Auf der Stelle lenken geht nicht.

Wie seid ihr bei eurem Ausbau an die Planung rangegangen?

Michael: Ganz am Anfang haben wir das Ebook von Ulrich Dolde gelesen und Foren durchstöbert. Zum Glück hatten wir ein paar Leute an der Hand, die sich schon auskannten. Kirsten und Jörg mit dem blauen Hanomag, mit denen wir uns die Halle teilen, in der unser Steyr steht, haben uns sehr geholfen. Jörg ist Schreiner und kennt sich mit der Materie aus. Ein guter Freund von uns studiert Maschinenbau und hat das Stahlgerüst des Aufbaus für uns geschweißt. Von ihm konnten wir auch die Statik des Stahlrahmens berechnen lassen.

Planung ist das halbe LebenPlanung ist das halbe Leben

Was hat der TÜV zu eurem Aufbau gesagt?

Michael: Im Vorfeld hatten wir mit anderen Fahrern des 680 gesprochen, die keinen Funkkoffer drauf hatten, sondern eigene Aufbauten. Den 680 kannst du nicht als Wohnmobil anmelden, denn dann verlierst du deine H-Zulassung. Deshalb wird der Aufbau nicht als Wohnmobilaufbau eingetragen, sondern ist Ladung, die wir abschrauben können.

Das hat auch den Vorteil, dass wir keine Gasprüfung brauchen. Da wir einen Holzofen in den Steyr bauen möchten, werden wir das aber von einem Schornsteinfeger abnehmen lassen. Wenn es um die Sicherheit geht, sollte man auf keinen Fall unbedarft an die Sache rangehen.

Aus 160m-Stahlrohr wird ein Koffer

Aus 160m-Stahlrohr wird ein Koffer

Aus 160m-Stahlrohr wird ein Koffer

Aus 160m-Stahlrohr wird ein Koffer

Eure Wohnung habt ihr aufgegeben und euch dem Minimalismus verschrieben. Was waren die fünf Dinge, von denen ihr euch nicht trennen konntet?

Sabine: Ich habe ein Fotoalbum mit persönlichen Grüßen von unseren Freunden behalten. Das wars auch schon.

Michael: Fünf Sachen zu finden, wird schwierig. Alles, was wir jetzt noch haben, ist Mittel zum Zweck. Ansonsten wären da noch ganz unromantisch unsere Festplatten mit Tausenden von Fotos und Erinnerungen drauf. Wir leben wirklich extrem minimalistisch.

Welche Dinge sollten Reisende auf einer Weltreise unbedingt dabei haben?

Michael: Wir sind noch totale Neulinge, was das anbelangt. Das erste, das mir einfallen würde, wäre der richtige Partner, der das auch mitmacht. Jemanden zu haben, mit dem ich das alles teilen kann, finde ich sehr wichtig. Das gibt auch Sicherheit und es ist einfach schöner, das zu zweit zu erleben. Und natürlich, weil man einfach jemanden braucht, der einen aufbaut, wenn man sich zum 10. Mal bis zur Achse eingebuddelt hat.

Klare Entscheidung für die Trockentoilette

Klare Entscheidung für die Trockentoilette

Sabine: Auf jeden Fall der richtige Partner und dazu gutes Werkzeug. Als wir mit dem Bauen angefangen haben, hatten wir überhaupt kein Werkzeug. Wir mussten alles neu kaufen. Das war ein Haufen Geld und da dachten wir uns, wir könnten einfach No-Name-Werkzeug zu nehmen. Mittlerweile wissen wir, bei Werkzeug ist No-Name ist ein No-Go. Sonst nehmen wir gerne die namenlosen Produkte.

Michael: Die Einstellung muss bei so einer Reise auch stimmen. Wenn man offen auf die Leute zugeht, öffnet das einige Türen. Wer nur in seinem Reisegefährt sitzt und von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit fährt, der wird am Ende nicht viel von seiner Reise haben.

Fenja hilft beim Polstern

Fenja hilft beim Polstern

Wie sehen eure Reisepläne jetzt aus?

Sabine: Wir wollen als erstes eine Marokko-Rundreise als Testfahrt machen. Um zu sehen, was wir fahren können und was unser Steyr fahren kann. Klasse ist, dass sich schon erfahrene Marokko-Fahrer bei uns gemeldet haben, die uns bei der Tour ein bisschen unter die Fittiche nehmen werden. Wir haben schließlich noch keine Offroad-Erfahrung.

Da wir zudem keine Profis sind, was den Bau von Wohnmobilen betrifft, wird auch sicher das ein oder andere zu Bruch gehen. Das wollen wir reparieren, wenn wir den Sommer nächstes Jahr wieder in Deutschland verbringen. Außerdem werden wir, nach den Erfahrungen der ersten Tour, vermutlich noch ein paar Verbesserungen vornehmen.

Dann planen wir in Richtung Mongolei und China zu fahren. Da für China, vom Staat aus, ein Führer vorgeschrieben ist, der ziemlich teuer ist, möchten wir uns für diesen Teil der Reise gerne mit anderen zusammentun. Thailand wäre dann das nächste Ziel. Das wird auf jeden Fall eine mehrjährige Tour.

Unsere Fenster sind vom Schreiner aus Holz gefertigt

Unsere Fenster sind vom Schreiner aus Holz gefertigt

Wollt ihr von unterwegs auch arbeiten?

Michael: Unser Erspartes sollte für einige Zeit reichen. Wir wollen auf jeden Fall sehr langsam reisen und längere Zeit, da bleiben, wo es uns gefällt. Über die Organisation WWOOF wollen wir auf Bio-Höfen mitarbeiten. Auf keinen Fall möchten wir in Betrieben aushelfen, in denen konventionelle Tierzucht oder Tiermast betrieben wird. Das ist uns ein absolutes Gräuel.

Sabine: Ich bin so ein Ackerbau- und Viehzucht-Mensch. Ich freu mich da riesig drauf.

Michael: Zusätzlich möchte ich als freier Grafiker von unterwegs arbeiten.

Inwieweit plant ihr eure Reise im Voraus?

Michael: Bisher hatten wir kein bisschen Zeit, überhaupt irgendwas zu planen. Ich hätte dafür schon gerne Zeit gehabt, aber allzu konkret sollte die Planung nicht werden.

Sabine: Wir sind froh, einfach da zu bleiben, wo es uns im Moment gefällt. Wir wollen uns da nicht von Anfang an festlegen.

Michael: Auf touristische Attraktionen sind wir ohnehin nicht aus. Auch Städte sind nicht unser Ding. Wir stehen lieber einsam in einer schönen Landschaft.

Was war das Schönste, was ihr bisher erlebt hat, seit ihr nicht mehr in einer Wohnung wohnt?

Sabine: Wir erleben einfach jetzt viel mehr. Da wir fast die ganze Zeit draußen sind, bekommen wir alles mit, was um uns herum passiert. Eine Zeitlang haben wir auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt übernachtet, dann wurde der Markt nachts ausgeraubt. Sowas erlebst du natürlich nicht, wenn du in deiner Wohnung hockst. Wir finden das klasse.

Michael: Ich muss wirklich gestehen, anfangs hatte ich Angst in das Wohnmobil zu ziehen, weil es so klein ist. Aber wir sind dadurch viel enger zusammengewachsen, gerade durch die Enge hier. Wir quatschen viel miteinander. Das haben wir vorher auch immer mal wieder gemacht, aber meistens saßen wir bis spät abends vor dem Rechner und haben gearbeitet. Jetzt lösen wir viel mehr Probleme gemeinsam.

Sabine: Ja, zum Beispiel, wenn einer zur Toilette muss, muss der andere gucken, dass er Platz macht, weil kein Durchkommen ist. ;)

Der Anlasser muss getauscht werden

Der Anlasser muss getauscht werden

Der Anlasser muss getauscht werden

Der Anlasser muss getauscht werden

Das klingt nach einem sorgenfreien Leben, seit ihr keine Wohnung mehr habt und nicht mehr arbeitet. Ist das so?

Michael: Natürlich haben wir auch Sorgen und Ängste. Wir haben zwar eine finanzielle Rücklage, mit der wir erstmal entspannt sein können. Aber noch entspannter ist es, wenn irgendwann auch wieder Geld reinkommt.

Wenn man in einem LKW lebt, oder eine mehrjährige Reise macht, muss man sich vorher ganz schön abhärten. Bei mir musste auf der Arbeit immer alles perfekt laufen und fertig war es am besten schon gestern. Das wird noch eine richtige Herausforderung für mich, wenn wir das erste Mal drei Wochen auf ein Ersatzteil warten müssen.

Sabine: Ich bin da zwar schon etwas mehr abgehärtet, aber für mich war es früher nicht selbstverständlich, in einen LKW zu ziehen und rumzureisen. Ich hatte schon immer ein hohes Sicherheitsbedürfnis und war eine richtige Schissbuchse. Was machen wir, wenn der Wagen kaputt geht? Was machen wir, wenn wir unterwegs kein Geld mehr verdienen? Was machen wir, wenn dies und das passiert? Aber je weiter die Sache voranschreitet, desto gelassener werde ich. Mich lässt dieses Projekt viel selbstsicherer mit solchen Situationen umgehen.

Herman am Lagerfeuer

Herman am Lagerfeuer

Was verändert sich, wenn man seinen Job kündigt und in einen LKW zieht?

Sabine: Es ist ein total komisches Gefühl, wenn man 20 Jahre gearbeitet hat, einfach aufzuhören. Mir war Arbeit und gut Geld verdienen immer sehr wichtig. Dann hatte ich meinen letzten Arbeitstag, keinen neuen Job in Sicht und will auch keinen. Das ist schon seltsam. Trotzdem ist es sehr befreiend.

Wir haben so viel mehr Zeit für uns. Früher haben wir beide bis abends um zehn gearbeitet und sind erschöpft auf die Couch gefallen. Am nächsten Tag das Gleiche, in der nächsten Woche und im nächsten Monat auch. Mit der Vorstellung könnte ich heute nicht mehr leben. Man muss nicht in Geld schwimmen, um glücklich zu sein. Hauptsache es macht Spaß, was man tut.

Michael: Meine Wertvorstellung hat sich komplett verändert. Ich habe studiert, einen guten Job gehabt und hätte weiter Karriere machen können. Aber das was wir jetzt machen, ist eigentlich das Beste, was man machen kann. Wir haben so viele Leute getroffen, die uns erzählt haben, dass sie früher auch reisen wollten, dass es nun aber zu spät sei. Auch wenn ich später mal im Altersheim ohne Rücklagen sitze, ohne groß Karriere gemacht zu haben. Aber ich kann später wenigstens was erzählen.

Herman in voller Größe

Herman in voller Größe

Welchen Tipp würdet ihr Leuten geben, die sich nicht trauen, den Schritt zu machen, den ihr gerade getan habt?

Sabine: Ich würde sagen, dass sie alles daran setzen sollten, ihre Träume zu leben, bevor es zu spät ist. Sie sollten jede Möglichkeit ergreifen, die sich bietet. Sonst passiert nichts. Das Wichtigste ist: einfach anfangen, einfach machen.

Michael (34) ist studierter Mediengestalter und arbeitete zuletzt als Art Director in einer Werbeagentur. Sabine (37) ist gelernte Tierarzthelferin. Als Vorbereitung für die große Tour hat sie zwei Jahre lang eine Ausbildung als KFZ-Mechatronikerin gemacht. Sie bloggen auf herman-unterwegs.de

Fotos: © Michael und Sabine, herman-unterwegs.de