„The Grenadier“ ist ein Pub in Belgravia, einer der besten Gegenden Londons. Diesen Ort wählte Jim Ratcliffe und sein Team aus, um den nächsten Schritt seines Vorhabens, einen kompromisslosen Offroader zu bauen, bekannt zu geben. Ein geschichtsträchtiger Ort, nicht nur weil hier die Idee vom Projekt Grenadier geboren wurde.

Mit dem gestrigen Tag startete die digitale Flankierung des Projekts Grenadier. Für die Ankündigung und eine kleine Fragestunde suchte sich Jim Ratcliffe den Pub in London aus, der dem Projekt seinen Namen gab: The Grenadier.

Der Pub ist geschichtsträchtig, in jedem Fall. War es doch die Offiziersmesse des ersten britischen Regiments, welches nach dem Sieg über Napoleons Truppen den Namen „Grenadiers“ tragen durfte. Könige und Prinzen besuchten den Pub, zumindest Prinzen tun das heute noch ab und an. Und einen Geist gibt es dort, Cedric, der den Pub zu einem Teil der London Ghost Tour macht. Um die Schulden zu bezahlen, die ihm das Leben kosteten, kleben noch heute Besucher eine Geldnote an die Decke.

Auch in der Geschichte der Geländewagen spielt der Pub eine Rolle. So startet 1955 von hier die bekannte und abenteuerliche Oxford and Cambridge Far Eastern Expedition. Vier Studenten, ausgestattet mit zwei Land Rover Serien I, starteten die erste Overland-Reise dieser Art, daher ihr bekannterer Name „First Overland“.

Im Pub "The Grenadier" wurde die Idee zum Projekt Grenadier geboren.

Im Pub „The Grenadier“ wurde die Idee zum Projekt Grenadier geboren.

Und in diesem Pub wurde die Idee geboren, die Lücke, die das Verschwinden des Land Rover Defender vom Markt in den Augen Ratcliffes hinterlassen hat, zu füllen. Er möchte nur ungern, dass das Mutterland des 4×4-Abenteuers anderen das Feld überlässt, nachdem Land Rover sich aus dem Bereich der ernstzunehmenden und ursprünglichen Allradfahrzeuge bis auf Weiteres verabschiedet hat.

Aber sein Patriotismus hat wirtschaftliche Grenzen. So gerne er auch das Fahrzeug in den U.K. fertigen möchte, so sehr muss er auch auf die Wirtschaftlichkeit achten: „Wir wollen die Regierung involvieren und wir haben eine emotionale Beziehung zu Großbritannien, aber wir können die Wirtschaftlichkeit auch nicht außer Acht lassen“. Deshalb laufen die Gespräche zwischen Tom Crotty, Ineos Group Director, und der britischen Regierung bereits.

Das Projekt verspricht Tausende von Arbeitsplätzen

Ratcliffe, der erfolgreichste Nachkriegsunternehmer Großbritanniens und Gründer der Ineos, einem der größten petrochemischen Unternehmen, erwartet ein Entgegenkommen für ein „Made in Great Britain“. Aber auch andere europäische Standorte stehen noch zur Auswahl. Überkapazitäten in Werken auf dem europäischen Festland können den Start vereinfachen.

Ohne, dass er seine Erwartung genauer spezifiziert hat, könnte er sich aber Unterstützung beim Bau des Werks und der Ausbildung von Fachkräften vorstellen. Immerhin liegt das geschätzte Investitionsvolumen bei 500 bis 600 Millionen Britische Pfund und es geht um gut 1.000 direkte und gut 5.000 bis 10.000 indirekte Arbeitsplätze. Derzeit werden über 200 Ingenieure gesucht, die sich um die technischen Details und das Design kümmern sollen.

Der Grenadier – Made in Great Britain?

Ineos-Automotive CEO Dirk Heilmann und Jim Ratcliffe sehen durchaus Probleme in den U.K. zeitnah die Fachkräfte zu finden, die dem gesetzten Qualitätsanspruch genügen. Denn Qualität ist dem Team wichtig und gut ausgebildete Fachkräfte reduzieren Risiko und Kosten.

Auch wenn Ratcliffe ein langjähriger Bewunderer des Defender ist und selbst mehrere besitzt, ist ihm natürlich nicht verborgen geblieben, dass man mit dem Auto zwar überall hinkommt, aber nicht immer auch wieder weg. Denn an einer kontinuierlichen Fertigungsqualität und Zuverlässigkeit mangelte es beim Land Rover Defender bis zuletzt. Daher legen Heilmann und sein Team großen Wert darauf, ein verlässliches Fahrzeug zu bauen.

Dirk Heilmann, Chris Tane, Tom Crotty und Jim Ratcliffe.

Dirk Heilmann, Chris Tane, Tom Crotty und Jim Ratcliffe.

In jedem Fall würde es ein Standort an der Ostküste werden, nah am europäischen Festland, nah an bereits gut ausgebildeten Fachkräften, eventuellen Zulieferern und Vorlieferanten. Ineos-Automotive CEO Dirk Heilmann ist seit geraumer Zeit auf dem Festland unterwegs, geeignete Partner und OEMs zu finden. Der industrielle Hintergrund der Ineos und ein langjähriges Netzwerk sind dabei sehr hilfreich. In Alexander Quint, Leiter der Entwicklung, fand Heilmann einen Mann mit 30 Jahren Erfahrung im Automobilbau, davon lange Jahre im Bereich von Allradfahrzeugen.

Automotive CEO Dirk Heilmann und Chefingenieur Alexander Quint. © Foto: Ineos

Automotive CEO Dirk Heilmann und Chefingenieur Alexander Quint. © Foto: Ineos

Vom Erfolg überzeugt

Ratcliffe zweifelt nicht daran, dass Ineos Automotive erfolgreich sein wird. Ineos kann auf viel Erfahrung bei industrieller Fertigung und Planung zurückgreifen. „Wir glauben, wir kennen uns gut mit industriellen Produktionsprozessen aus dem Chemiebereich aus. Die Investition von 600 Millionen Pfund ist viel Geld und am Ende müssen die Bücher ausgeglichen sein“, erklärte Ratcliffe.

Beim Thema Umweltschutz kommt die Frage nach der Motorisierung auf. Die derzeitige Planung sieht einen 3-Liter-Diesel- und einen 4-Liter-Benzinmotor vor, wobei sich der Benziner hauptsächlich an den amerikanischen Markt richtet. Die Gespräche mit potenziellen Lieferanten laufen noch.

Auch über das Thema eines Hybrid-Antriebs denkt das Grenadier-Projektteam nach. Doch bisher ist die bestehende Batterietechnik noch zu schwer für einen kompromisslosen Offroader. Dennoch betrachtet Dirk Heilmann die Entwicklung genau: „Sobald es in die DNA des Fahrzeugs passt, wird ein Hybrid-Antrieb integriert“. Wenn, wird es vermutlich ein Plugin-Hybrid mit einer Reichweite von ca. 50 Meilen werden.

Zwischen diesen beiden Land Rover Modellen liegengute 60 Jahre Jahre.

Zwischen diesen beiden Land Rover Modellen liegen gute 60 Jahre Jahre.

Projekt Grenadier – der kompromisslose Offroader

Einer der Eckpfeiler des Projekt Grenadier ist die uneingeschränkte Offroad-Fähigkeit des Fahrzeuges. Beim Antriebsstrang und den Achsen wird noch viel diskutiert und ausgelotet. Ebenso steht die anvisierte Typenpalette noch nicht fest. Sicher ist wohl, dass es einen Utility-Pick-up mit Doppelkabine, ähnlich dem Defender 130, sowie ein kurze und lange Station-Wagon-Version geben wird. Gerade im Heimatmarkt U.K. sind die Versionen mit kurzem Radstand sehr beliebt.

2020, spätestens Anfang 2021, sollen die ersten Modelle vom Band laufen. Der Kunde soll auf Wunsch die Gelegenheit haben, sein Fahrzeug bereits während der Produktion begleiten zu können, um beispielsweise der „Hochzeit“ von Leiterrahmen und Motor beizuwohnen.

Die Karosserie soll aus Aluminium sein und Kunden sowie weiteren Anbietern das Aus- und Umbauen erleichtern. Aber auch vom Werk soll es zahlreiche Optionen wie Schnorchel oder Unterfahrschutz geben.

Projektwebseite online

Mit dem Pressetermin wurde die neue Webseite Projektgrenadier.com online geschaltet. Dort wird die Idee des Projekts und sein Kernteam vorgestellt. Zusätzlich dient sie auch der Rekrutierung von Fachkräften.

Da das Fahrzeug noch keinen Namen hat, können Fans hier zudem Ideen für einen Namen einreichen. Alle wichtigen und interessanten Entwicklungen rund um das Projekt Grenadier können dort nachgelesen werden.

Projektgrenadier.com ist jetzt online. © Foto: Ineos

Projektgrenadier.com ist jetzt online.
© Foto: Ineos

Zum Interview des Projektstarts mit Dirk Heilmann: Ineos konkretisiert Pläne für die Entwicklung eines robusten Geländewagens

Fotos: Andreas Woithon