Es gibt Länder und Gebiete über die man immer wieder liest und von denen die Leute erzählen – Karelien zählt nicht dazu. Berichte und Reportagen über diese Region sind rar und umso mehr reizte es Ruth und Jürgen Haberhauer von Sojombo.de, genau dorthin aufzubrechen.

Da wir erst wenige Tage zuvor aus Rumänien zurückgekehrt sind, steht unser Land Rover so gut wie zur Abreise bereit. Die ersten rund 2000 Kilometer führen uns zunächst durch Polen und das Baltikum. Von Tallinn aus setzen wir mit einer Fähre nach Helsinki über und sind schon wenige Tage später, ein gutes Stück nordöstlich der finnischen Hauptstadt, auf den Straßen Finnisch-Kareliens unterwegs.

Karelien war viele Jahrhunderte lang Austragungsort zahlreicher Kriege und Konflikte, hauptsächlich zwischen dem schwedischen Königreich und dem russischen Zarenreich. Seine letzte und heute gültige Aufteilung erfuhr es nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem entfällt rund ein Zehntel seiner Fläche auf das finnische Staatsgebiet, der wesentlich größere Teil gehört heute zu Russland. Bei einer Reise durch Karelien trifft man auch heute noch immer wieder auf die Spuren dieser Zeiten, die nicht nur das Land sondern auch seine Bewohner geprägt haben und bis heute beschäftigen.

Karelien – Die finnische Seite

Da unser Visum für Russland erst ab dem 1. Juli gültig ist, haben wir genau einen Monat Zeit, uns auf Finnland einzulassen und uns seinem großen Nachbarn im Osten bedächtig zu nähern. Bei Ilomantsi, der östlichsten Gemeinde Finnlands, kommen wir Russland schon sehr nahe. Am Ende einer Schotterpiste, die flankiert wird von zahlreichen Warnschildern, die einen darauf hinweisen, dass man sich im Grenzgebiet befindet, bringen wir unseren Wagen vor einem dicken Holzpfahl zum Stehen. Er wurde am Ufer eines Sees aufgestellt und markiert den östlichsten Punkt der Europäischen Union. Die Wälder, die nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Seite des Gewässers zu sehen sind, stehen bereits auf russischem Staatsgebiet. Ein besonderes Gefühl beschleicht uns, angesichts der Nähe zu diesem polarisierenden Land. Im Vorfeld hatten wir von Freunden, Bekannten und völlig fremden Menschen viele Warnungen mit auf den Weg bekommen. Selbst in Deutschland lebende Russen rieten uns von einer Reise mit dem eigenen Fahrzeug in den Norden ihrer Heimat ab. Es schien als hätte jeder eine Geschichte und eine eindeutige Meinung zu dem größten Land unserer Erde parat, und selten fielen diese positiv aus. Aber all das bestärkte uns nur noch mehr, uns ein eigenes Bild zu machen. Aber bis es soweit ist, müssen wir uns noch ein wenig in Geduld üben.

Nordwärts – 12.000 Kilometer durch Karelien, Finnland und Russland. - Holzhäuser in Ilomantsi.

Holzhäuser in Ilomantsi.

Finnland macht es uns sehr leicht, jeden einzelnen Tag mit neuen Erlebnissen und Eindrücken zu füllen. Wir fühlen uns von Anfang an wohl und lernen es als das entspannteste Land kennen, durch das wir je gereist sind. Ausgedehnte Wanderungen durch menschenleere Natur, herzliche Begegnungen mit Menschen, beeindruckende Landschaften und einsame Orte, an denen wir unser Dachzelt aufschlagen können, lassen die folgenden Wochen wie im Fluge vergehen. Da es im Hohen Norden um diese Jahreszeit nachts nicht mehr wirklich dunkel wird, können wir die Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz oft auf den späten Abend verlegen. Meistens erinnern uns unsere knurrenden Mägen daran, dass es langsam Zeit ist, sich darum zu kümmern. Auch wenn es Juni ist, so wird es teilweise noch recht kühl, so dass wir uns nach dem Essen dicht ans knisternde Feuer setzen, zusätzlich eingehüllt in ein paar wärmende Decken, und die Ruhe um uns herum genießen.

Leben in einem Spannungsfeld

In dem kleinen Ort Taipalsaari lernen wir Heikki und seine Familie kennen. Bei Piroggen, einer karelischen Gebäckspezialität, die wahlweise süß oder herzhaft gefüllt aufgetischt wird, und einem starken Kaffee unterhalten wir uns lange mit den Finnen. Heikki erzählt uns, dass ihn erst vor kurzem ein hochoffizieller Brief erreicht habe, in dem er, so wie alle anderen Reservisten in Finnland, aufgefordert wurde, seine Daten zu aktualisieren und sich bereit zu halten. Hintergrund ist die angespannte Lage zwischen seinem Land und Russland. Lachend fügt er hinzu: „Darauf hat natürlich niemand Lust!“ Als wir auf die strahlend gelbe Holzkirche, die unweit seines Hauses steht, und den angrenzenden Soldatenfriedhof zu sprechen kommen, wird er nachdenklich. „Ein Krieg ist erst dann beendet, wenn der letzte Soldat begraben wurde“, sagt man in Russland. Heikki berichtet, dass man immer wieder Gebeine hier im Grenzgebiet finde, die von Gefallenen aus dem Winter- und Fortsetzungskrieg stammten. Man versuche, diese dann Namen ohne Gräber zuzuordnen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Man merkt, dass der Krieg, auch wenn er vor sieben Jahrzehnten beendet wurde, noch immer offene Fragen und Wunden hier hinterlassen hat. Heikki vollzieht einen abrupten Themenwechsel und lädt uns für den kommenden Tag zum Dorffest in Taipalsaari ein.

Highland Games in Karelien

Pünktlich finden wir uns am Ufer des Sees ein, gerade rechtzeitig zum Startschuss des alljährlichen Triathlons. Heikki erzählt, dass viele Finnen, trotz der unzähligen Seen in ihrem Land, nicht schwimmen könnten. Und so mache mancher Teilnehmer kurzerhand aus dem Triathlon einen „Duathlon“ und steige erst mit dem Radfahren in den Wettkampf ein. Neben dem klassischen Dreikampf finden etwas abseits auch Highland Games statt. Martialisches Geschrei gefolgt von einer Kraftdemonstration, und die Spiele sind eröffnet. Viele der umstehenden Teilnehmer treten, wie es sich gehört, in Rothaar-Perücke und Schottenrock an. Hier kann Mann noch zeigen, was in ihm steckt. Auch wenn bei so mancher Disziplin kräftige Frauen für ernstzunehmende Konkurrenz sorgen.

Eine Region mit reicher Kultur

Karelien ist eng verknüpft mit der Tradition der Runensänger und damit auch mit dem Namen Elias Lönnrot. Der finnische Arzt und Sprachwissenschaftler unternahm elf Reisen durch Karelien und machte es sich zur Aufgabe, die Runen, teils über 2500 Jahre alte Volksgesänge, die zu einfachen Melodien vorgetragen werden, aufzuzeichnen. Im frühen 19. Jahrhundert schuf er aus den 65.000 gesammelten Versen das finnische Nationalepos „Kalevala“ und gab damit dem gebeutelten Volk der Finnen eine lange gesuchte Identitätsgrundlage. Noch heute kennt jedes Kind die „Kalevala“ und vermehrt interessiert sich auch wieder die Jugend für die fast verloren geglaubten Runen.

Wir schlagen unser Dachzelt am Ufer des Valkealampi-Sees auf. Von hier aus wollen wir in den kommenden Tagen die nahe gelegenen Koli-Berge erwandern. Von den nackten Zahlen her sind die Koli-Berge nicht sehr beeindruckend, sie ragen gerade einmal 340 Meter in die Höhe. Und dennoch bietet sich von ihren Gipfeln aus ein atemberaubender Ausblick: zur einen Seite erstrecken sich die endlos erscheinenden Wälder Nordkareliens, während zur anderen der riesige Pielinen-See sich ausbreitet, an dessen Ufern schon in der Steinzeit die ersten Menschen jagten und lebten. Als wir auf dem Hauptgipfel stehen, dem Ukko-Koli, erinnern wir uns an die Worte von Nina, einer Finnin, die uns vor wenigen Tagen erzählt hatte, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Finnen diese Aussicht zur schönsten ihres Landes gewählt haben. Und wenn wir die ständig wechselnden Lichtstimmungen beobachten und die Wasseroberfläche, die wahlweise in einem tiefen Blau erscheint und im nächsten Augenblick fast quecksilbern den Wolkenhimmel spiegelt, können wir sehr gut verstehen, warum.

Nordwärts – 12.000 Kilometer durch Karelien, Finnland und Russland. - Ausblick vom Ukko-Koli auf den riesigen Pielinen-See.

Ausblick vom Ukko-Koli auf den riesigen Pielinen-See.

Ein Paradies für Tierfotografen

Ein Stück nördlich folgen wir einem Pfad tief in die finnischen Wälder, bis wir schließlich ein paar Holzhütten erreichen. Ari, ein ehemaliger Wildhüter, hat hier, dicht an der Grenze zu Russland, ein kleines Paradies für Tierfotografen erschaffen. Tag für Tag legt Ari in dem Gebiet Futter aus, um die Bären anzulocken. Das macht er das ganze Jahr über, egal ob Fotografen bei ihm sind oder nicht, denn sonst könnte es passieren, dass die Bären das Interesse verlieren. Dem Anfüttern der Tiere kann man durchaus kritisch gegenüber stehen, wird doch in das natürliche Gefüge eingegriffen. Ari versichert uns aber, dass er niemals so viel auslegt, dass die Bären davon satt würden und mit der Zeit ihre Instinkte verlieren könnten.

Am Abend gibt uns Ari noch ein paar Hinweise im Umgang mit den wilden Tieren mit auf den Weg, und dann wandern wir eine ganze Weile durch die Wälder, bis wir zu einem kleinen See kommen. Dort, im Sumpf, beziehen wir einen Bretterverschlag, von dem aus wir in den kommenden Nächten die Bären beobachten wollen. Wir bereiten zunächst unseren Proviant und die Kameraausrüstung vor, so dass wir später so wenig Geräusche wie möglich machen werden. In Kopfhöhe befindet sich ein zehn Zentimeter breiter Spalt, durch den wir unaufhörlich die Umgebung absuchen; darunter gibt es ein großes Stück Stoff mit Löchern, durch die die Objektive geschoben werden. Die nächsten vierzehn Stunden dürfen wir den Unterstand nicht verlassen. In den letzten Nächten waren die ersten Bären so gegen 19 Uhr aufgetaucht und so warten wir geduldig. Die Zeit verstreicht, die Dämmerung setzt ein, aber kein Bär lässt sich blicken. Vor uns ändern sich die Lichtverhältnisse unaufhörlich, Nebel zieht über den kleinen See und verfängt sich in den Bäumen, aber keiner der Pelzträger lässt sich blicken.

Auf Du und Du mit Meister Petz

Die Sonne sinkt tiefer Richtung Horizont, die Uhr zeigt fast Mitternacht und so langsam haben wir ernsthafte Bedenken, dass sich in dieser Nacht vielleicht kein Bär blicken lässt. Doch dann steht er plötzlich vor uns, nahezu lautlos bewegt sich das etwa 300 Kilogramm schwere Braunbärmännchen durch den Sumpf. Waren wir zuvor stellenweise fast bis zur Hüfte darin versunken, so scheint das Tier hier mühelos voranzukommen. Ari wird uns später sagen, dass es sich bei dem Tier um Brutus handele, eines der größten bekannten freilebenden Braunbär Männchen in Europa. Eine ganze Weile steht er vor uns, stellt sich teilweise auf die Hinterbeine und wittert, nähert sich uns bis auf wenige Meter. Die Bären werden häufig von einem Schwarm Möwen begleitet, teilweise hört und sieht man die Vögel zuerst, bevor man die großen Säugetiere selbst ausmacht. Die Möwen haben es auch auf das Futter abgesehen, und so entbrennt ein interessant zu beobachtender Zweikampf zwischen den Tieren. Die Bären sind sichtlich genervt von den fliegenden Plagegeistern und weichen immer wieder ein Stück zurück, um das Ganze aus der Entfernung anzuschauen, um dann im nächsten Moment auf die Vögel zuzustürmen und sie zu vertreiben. Im Laufe der Nacht schaut auch ein wesentlich zierlicheres Braunbärweibchen vorbei. Die Bären in diesem Gebiet sind wahre Grenzgänger. Schmunzelnd berichtet Ari, dass es Ende September vorbei sei mit der Bärenbeobachtung, denn dann beginne die Jagdsaison in Finnland und die Bären würden geschlossen das Gebiet Richtung Russland verlassen.

Nordwärts – 12.000 Kilometer durch Karelien, Finnland und Russland. - Männlicher Braunbär im Grenzgebiet zu Russland.

Männlicher Braunbär im Grenzgebiet zu Russland.

Auf nach Russland

Als wir uns der russischen Grenze nähern, gibt jeder von uns seine Einschätzung ab, wie lange wir wohl für die Formalitäten brauchen werden. Nach all den Schauergeschichten gepaart mit angeblichen Schikanen bei der Kontrolle während der Einreise liegen unsere Schätzungen zwischen eineinhalb bis drei Stunden. Und das halten wir für optimistisch. Doch wie so häufig kommt es anders. Das Interesse bei der Kontrolle gilt mehr unserem Auto und der Innenausstattung als dem Inhalt der Kisten. Ein Hund darf kurz auf dem Fahrersitz Platz nehmen und seine Nase in den Innenraum halten. Zum Ausfüllen der Papiere für das Auto, die nur auf Kyrillisch vorliegen, wird uns eine Grenzbeamtin zur Seite gestellt, die jeden Punkt mit uns durchgeht. Nach einer dreiviertel Stunde öffnet sich vor uns der Schlagbaum und wir nehmen beinahe ungläubig russischen Asphalt unter die Räder. Die ersten Kilometer rechnen wir eigentlich nahezu hinter jeder Kurve mit der eigentlichen Kontrolle, das kann unmöglich alles gewesen sein. Aber es kommt nichts. Wir sind in Russland!

Zunächst fahren wir wieder ein Stück nach Süden, zu den beiden großen Seen Ladoga und Onega. Auf einer Insel im Ladogasee liegt die Klosteranlage Walaam, eine der heiligsten Stätten im orthodoxen Russland. Dementsprechend groß ist auch der Andrang. Scharen von Pilgern und Interessierten werden die rund 70 Kilometer mit Tragflügelbooten von Sortawala aus zu der Inselgruppe gebracht.

An den größten Seen Europas

An den Ufern des Ladogasees finden wir immer wieder wunderbare Übernachtungsplätze. Über sandige Wege und durch Wälder hindurch arbeiten wir uns bis zum Wasser vor. Und wenn man dann schließlich am Ufer des größten Sees Europas steht, begreift man schnell, warum die Bewohner Kareliens ihn einfach „Meer“ nennen. Dreißigmal würde der Bodensee in den Ladogasee passen. Wenn wir am Abend am Lagerfeuer sitzen, sich die Bäume nur noch als Schemen gegen den Himmel abheben und der Wind, der über den See weht, das Dachzelt flattern lässt, fühlen wir uns fast wie die einzigen Menschen weit und breit. Erst wenn die Sonne tiefer sinkt und es etwas dunkler wird, kann man in der Ferne weitere Feuer am Ufer ausmachen.

Durch die riesigen und alten Wälder Kareliens fahren wir nach Osten, zu dem zweiten großen See in diesem Gebiet. Im Onegasee findet man eine nicht minder bedeutende Anlage: das Holzkirchenensemble auf Kischi. Ursprünglich wurden die Kirchen von den Gemeinden der umliegenden Dörfer als einfache Bauerkirchen ohne unter Zuhilfenahme eines einzigen Nagels errichtet. Das raue Klima des Hohen Nordens hat den Gebäuden stark zu schaffen gemacht, und so wird die Hauptkirche seit einigen Jahren aufwendig von Grund auf restauriert.

Auf Tuchfühlung mit den Menschen

Entlang der Küste des Weißen Meeres arbeiten wir uns stetig Richtung Norden vor. Meistens nutzen wir Nebenstrecken durch die typischen kleinen Dörfer, deren bunte Holzhäuser im Sonnenlicht in satten Farben erstrahlen. Wenn es mal zügiger voran gehen soll nehmen wir die M18, die sich wie eine Lebensader von Süden nach Norden bis nach Murmansk zieht. In Belomorsk, wo der Fluss Wyg ins Weiße Meer mündet, nehmen wir uns ein Zimmer in einer Gostiniza. Diese „Gasthäuser“ sind eine übliche Art und Weise in Russland zu übernachten. Häufig benutzt man Bad und Küche zusammen mit den Besitzern und kommt so schnell in Kontakt, außerdem erhält man oft nützliche Tipps und erfährt Dinge, die einem sonst entgangen wären.

Belomorsk selbst hat nicht viel Ansehnliches vorzuweisen. Neben leerstehenden Wohnblocks aus der Sowjetzeit verfallen kleine Holzhäuser. Das anhaltend schlechte Wetter der letzten Tage tut sein Übriges und verwandelt diese Stadt in etwas Trostloses. Aber wie so oft in Russland, hat dieser Ort mehr zu bieten, als der erste Eindruck einen vermuten lassen würde. Der eigentliche Grund, warum wir hierher gekommen sind, liegt ein paar Kilometer außerhalb von Belomorsk. Wie es der Zufall will, lernen wir hier Nadeschda kennen, eine Freundin der Besitzerin der Gostiniza.

Ein Leben für die Archäologie

Sie ist Archäologin und arbeitet bei den nahegelegenen Petroglyphen. Ihr halbes Leben widmet sie schon der Erforschung dieser Jahrtausende alten Steinritzungen, und als sie erfährt, dass wir wegen eben dieser hier nach Belomorsk gekommen sind, erklärt sie sich spontan bereit, uns einen ganzen Tag lang über das weitläufige Areal zu führen. Teilweise sind die Ritzungen nur noch schlecht zu erkennen, und so verbringt Nadeschda viele Stunden auf den Knien und zeichnet die verwitterten Stellen mit Kreide für uns nach, damit wir die Darstellungen aus dem Leben der damaligen Menschen besser sehen können.

Man findet sehr viele Tierdarstellungen, Rentiere, Belugawale, Bären. Jagdszenen, mit Pfeil und Bogen oder von Booten aus mit Harpunen. Schamanen mit Masken, die Darstellung einer Geburt und die vielleicht ersten Skifahrer der Menschheitsgeschichte sind hier im Stein verewigt. Abseits des Felsplateaus im Wald haben Schulkinder aus Moskau ihr Lager errichtet. In ihrer Mitte fühlt man sich beinahe in die alte Zeit zurück versetzt. Sie tragen selbst gemachte Kostüme aus Fellen, die an die steinernen Bilder erinnern. Sie helfen bei der Freilegung weiterer Petroglyphen, die teilweise immer noch von Erdschichten überdeckt sind. Und sie haben ein kleines Theaterstück einstudiert, das sie uns vorführen wollen. Wir sind begeistert angesichts der Euphorie, die sie dabei an den Tag legen.

Nordwärts – 12.000 Kilometer durch Karelien, Finnland und Russland. - Typisch Karelien: bunte Holzhäuser, leere Straßen und ein stimmungsvolles Licht.

Typisch Karelien: bunte Holzhäuser, leere Straßen und ein stimmungsvolles Licht.

Vom Kloster zum Gulag und wieder zum Kloster

Unser nächstes Ziel liegt noch ein Stück weiter nördlich. Von dem kleinen Fischerdorf Rabotscheostrowsk aus legen die Schiffe Richtung Solowezki ab. Die Solowezki-Inseln haben traurige Berühmtheit erlangt, entstand doch hinter den dicken Klostermauern in den 1920er Jahren das berüchtigte erste Arbeitslager des Gulag-Systems. Heute leben dort wieder etwa zehn Mönche. Das Weiße Meer ist nur gut vier Monate im Jahr mit dem Schiff befahrbar. Bis in den Mai hinein können große Eisschollen im Wasser treiben und im Herbst kommt es zu gefürchteten Stürmen.

Als wir mit einem verbeulten Kahn unterwegs zu dem Archipel sind, ist es beinahe windstill und die Oberfläche des Meeres breitet sich wie ein blaues Tuch rund um das Schiff aus. In der Ferne tauchen ab und zu die weißen Rücken der Belugawale auf und verschwinden sogleich wieder. Bei schönstem Abendlicht erreichen wir die Hauptinsel. Am nächsten Morgen leihen wir uns zwei Fahrräder und beginnen sogleich, die Insel zu erkunden. Zunächst fahren wir durch Kiefernwälder ans Ufer des Weißen Meeres. Hier liegen zum Teil riesige Felsbrocken im seichten Wasser. Immer wieder stößt man auf alte Steinkreise, über deren Bedeutung nur gemutmaßt werden kann.

Der Kreml von Solowezki

Eindeutiger Mittelpunkt der Insel ist aber der beeindruckende Kreml mit seinen mächtigen Türmen und den dicken Mauern. Im Innenhof sind unter einem provisorischen Baldachin aus Holz die großen Glocken aus einer Kathedrale aufgehängt, deren Innenraum gerade restauriert wird. An vielen Ecken wird renoviert, und so verstecken sich zahlreiche Gebäude und Kirchen hinter Holzgerüsten. Es gibt dennoch viel zu entdecken und zahlreiche Orte, die einfach zum Verweilen einladen. Um die Atmosphäre und Stimmung wirklich aufzunehmen, sollte man ein paar Tage hier einplanen.

Als wir erneut den in die Jahre gekommenen Kahn besteigen, steht die Abendsonnen bereits tief über dem Meer. Das Oberdeck ist zunächst gut gefüllt, leert sich aber alsbald recht schnell, als ein eisiger Wind aufkommt. Als wir in Fahrtrichtung schauen, sehen wir eine gewaltige Sturmwolke sich zusammenzubrauen. Dunkelblau und schwer hängt sie über dem schwarzen, fast metallisch wirkenden Wasser. Der Wind raut die See auf und Möwen fliegen halsbrecherische Manöver, um gegen den Sturm anzukommen. Wir ziehen unsere Jacken etwas fester zu und die Mützen tiefer ins Gesicht und bleiben an Deck, zu faszinierend ist dieses Naturschauspiel. Nach einiger Zeit legt sich der Sturm wieder und erste Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke. Ein kleiner Vorgeschmack vielleicht auf die richtigen Stürme, die hier schon in wenigen Wochen toben werden.

Weiter Richtung Norden zur Insel Kola

Voller Vorfreude und gespannter Erwartung fahren wir weiter Richtung nördlicher Polarkreis. Auf uns warten die Tundra der Halbinsel Kola, das beinahe kreisrunde Gebirge der Chibinen, die Überreste der tiefsten Bohrung der Menschheitsgeschichte und Murmansk. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Nordwärts – 12.000 Kilometer durch Karelien, Finnland und Russland. - Ein Vorgeschmack auf die gefürchteten Herbststürme über dem Weißen Meer.

Ein Vorgeschmack auf die gefürchteten Herbststürme über dem Weißen Meer.

Die ganze Reisegeschichte

Ruth und Jürgen Haberhauer haben ihre eindrucksvolle Reise durch Karelien in einem Buch niedergeschrieben und mit vielen stimmungsvollen Bildern versehen. Wir haben es bereits bei Matsch&Piste vorgestellt. Möchtest du die ganze Reisegeschichte lesen, dann bestelle dir „Nordwärts – 12.000 Kilometer durch Karelien, Finnland und Russland“ in unserem Matsch&Piste-Shop.

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Ruth und Jürgen Haberhauer kamen schon in frühester Kindheit mit dem Fernweh in Berührung und sind nun seit über zwei Jahrzehnten gemeinsam in der Welt unterwegs. Die zahlreichen Reisen haben sie zu einem eingespielten Team wachsen lassen, das sich wunderbar ergänzt.

Unabhängig vom Reiseziel steht für beide stets die Neugierde und das Interesse an fremden Kulturen und der Respekt vor anderen Lebensvorstellungen im Vordergrund.

Mit ihrem Land Rover sind sie unabhängig bei der Wahl ihrer Routen und frei bei der Suche nach geeigneten Übernachtungsplätzen und würden jederzeit das mittlerweile vierzigjährige Dachzelt den Bequemlichkeiten eines Hotels vorziehen.

© Fotos: Sojombo.de