Björn Eldracher berichtet von seiner Reise entlang der Seidenstraße. Dabei kam er auch durch Kirgistan, eine raue Schönheit in Zentralasien.

Wir befinden uns in Sary Tash, einem kleinen Ort am Fuße des Pamirs und lassen beim Blick über die grandiose Bergkulisse die Gedanken zurückschweifen zu einem tollen Reiseabschnitt, der uns entlang der Seidenstraße durch Usbekistan und über das „Dach der Welt“ in Tadjikistan führte. In Gedanken daran, welch fantastischen Dinge uns der wunderschöne Planet Erde zu bieten hat, stellt sich eine große Zufriedenheit ein.

Schon bald schmieden wir neue Pläne, welche Gegenden wir als nächsten erkunden könnten. Wir hatten gehört, dass es möglich sei in das Basislager des 7.134m hohen Pik Lenin in Kirgistan zu fahren. Und genau dahin machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg.

Zum Basislager am Pik Lenin

Auf dem Weg zum Einstieg der Piste sehen wir am Straßenrand einen Geländewagen, welcher ebenfalls nach einem Reisefahrzeug aussieht. Wir stoppen natürlich, denn es ist immer klasse unterwegs andere Fernreisende zu treffen, neue Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen und gegenseitig zu helfen.

Wir sind sofort ins Gespräch vertieft und da es eine längere nette Unterhaltung wird, klappen wir unsere Campingstühle aus und schlürfen erst einmal einen leckeren Kaffee, während auf der Straße die Autos und LKWs an uns vorüberbrettern. Genau dies ist einer der Gründe, warum ich gerne verreise: Menschen treffen, sich austauschen, neue interessante Dinge erfahren.

Irgendwann wird es dann mit dem einsetzenden Wind und Regen doch etwas ungemütlich, so dass wir wieder aufbrechen in Richtung Pik Lenin.

Kirgisien - Der Einstieg in die Piste zum Pik Lenin.

Der Einstieg in die Piste zum Pik Lenin.

Der Einstieg in die Piste ist schnell gefunden. Höher und höher windet sich der schmale Weg. Zunächst geht es durch weitläufige Wiesen, immer wieder stehen die Jurten der Nomaden am Wegesrand, Kinder winken und wir erfreuen uns an dem satten Grün der Wiesen.

Unwirtlich empfängt uns das Basislager. Wir befinden uns auf etwa 3.800m Höhe. Um diese Jahreszeit ist hier noch verlassen und es liegt eine Mischung aus Schnee, Regen und Nebel in der Luft. Doch das mit roter Farbe in großen Buchstaben auf eine der Baracken aufgemalte „WELCOME“ klingt irgendwie einladend! Wir schauen uns ein wenig um, machen ein paar Fotos und entschließen uns dann für den Rückweg ins Tal.

Kirgisien -

Im Basislager am Pik Lenin.

In der zweitgrößten Stadt von Kirgistan

Ein paar Tage später erreichen wir die Stadt Osch, welche am östlichen Rand des Ferghanatales im Süden von Kirgistan liegt. Osch ist nach der Hauptstadt Bischkek die zweitgrößte Stadt des Landes und hat etwa 300.000 Einwohner.

Die Zeit in Osch verbringen wir mit vielen anderen Reisenden, teilweise neue Begegnungen, teilweise haben wir uns schon öfter entlang der bisherigen Route getroffen. Wir genießen die Annehmlichkeiten der Stadt, lecker Essen, eine gute Zigarre bei einem Glas Whiskey und bald ist auch schon der Lieblingsbiergarten gefunden, wo wir uns fast jeden Abend mit anderen Reisenden treffen und spannende wie lustige Geschichten über das Erlebte austauschen.

Spuren der alten Seidenstraße

Auf zahlreichen Spaziergängen durch Osch entdecken wir eine interessante Stadt mit einer bewegten Geschichte und auch hier stoßen wir auf Überbleibsel der historischen Seidenstraße. Der große Markt der Stadt war schon in zu früherer Zeit einer der größten Märkte entlang der Seidenstraße und dieser Tage als „Großer Seidenstraßen Bazar“, bezeichnet, erinnert dieser Markt noch heute an seine bedeutsame historische Vergangenheit.

Die Stadt gehörte nach ihrer Eroberung zum Russischen Zarenreich bzw. später zur Sowjetunion. Seit dem Ende der Sowjetunion 1991 liegt die Stadt in Kirgisistan (Anm. d. Red: Kirgistan, weitere gültige Bezeichnungen Kirgisistan und Kirgisien). Seit Ende der 1930er Jahre ist Osch Verwaltungssitz und wird auch als „zweite Hauptstadt“ Kirgisistans bezeichnet. 1990 kam es hier während der Auflösung der Sowjetunion zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen.

Modern, aber nicht frei von Konflikten

Heute ist Osch eine friedliche, lebendige und moderne Stadt, doch dabei sollten wir nicht vergessen, was nur vor wenigen Jahren hier passierte. Spannungen zwischen Usbeken und Kirgisen führten im Juni 2010 erneut zu Zusammenstößen, bei denen mehr als einhundert Menschen getötet und hunderte verletzt wurden. Viele Einwohner flohen damals ins benachbarte Usbekistan.

Trotz der anhaltenden Hitze in der Stadt entschließe ich mich zum Suleiman-Berg zu laufen und diesen zu erklimmen. Die steilen Treppen und schmalen Pfade erscheinen schier endlos, während die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt. Der Suleiman-Berg ist ein wichtiger Ort für muslimische Pilger und zugleich ein beliebtes Ausflugsziel.

Er wurde 2009 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Hier auf dem Berg befindet sich auch ein Museums-Komplex, in dem eine Sammlung historischer, geologischer und archäologischer Fundstücke sowie Informationen zur lokalen Flora und Fauna zu finden sind.

Endlich oben angekommen, entschädigt die Aussicht über die Stadt und das anliegende Umland für die Anstrengungen des Aufstiegs.

Im Nordwesten warten die Berge

Nach einer guten Woche füllen wir die Vorräte noch einmal auf und verlassen Osch in Richtung Nordwesten. Uns zieht es in die Berge Kirgisiens, dort wo die Nomaden in wunderschöner Natur leben.

Kirgisien - Auf dem Weg in das Ferghanagebirge.

Auf dem Weg in das Ferghanagebirge.

Es dauert nicht lang, dann tauchen wir wieder ein in wunderschöne Berglandschaften. Die schmalen Straßen schlängeln sich hier über das Ferghanagebirge, ein Gebirgszug des riesigen Tien Shan Gebirges, welches sich über die zentralasiatischen Staaten, Kirgisistan, Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan sowie das Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas erstreckt. Die höchsten Gipfel des Ferghanagebirgszuges ist fast 5.000m hoch und auch die herrlichen Passtrassen bringen uns hier wieder auf über 3.000m Höhe. Hier und da säumen noch jetzt im Hochsommer hohe Schneewände die Straßen und Wege. Das Klima Kirgistans ist von kurzen heißen Sommern und von langen kalten Wintern geprägt.

Kirgisien - Hohe Schneewände auch im Sommer.

Hohe Schneewände auch im Sommer.

Am Moldo Pass

Unser Ziel heißt Songköl. Der Songköl, ein alpiner Süßwassersee ist Kirgistans zweitgrößter See und liegt auf etwas über 3.000m Höhe oberhalb der Baumgrenze.
Um den See zu erreichen wählen wir die Strecke über den Ort Ak-Tal und folgen von dort der Schotterstraße über den 3.346m hohen Moldo-Pass nach Norden bis zum See. Die Serpentinenstrecke führt durch eine atemberaubende Landschaft und oben angekommen werden wir belohnt mit einem spektakulären Ausblick in das Naryn-Tal.

Kirgisien - Herrlicher Ausblick am Moldo-Pass.

Herrlicher Ausblick am Moldo-Pass.

Die den See umgebende Hochebene, wird in den Sommermonaten beweidet, und die Nomadenfamilien stellen hier für die Weidesaison ihre Jurten auf. Auch wir schlagen unser Camp direkt am See auf und genießen die Ruhe, die diese Landschaft ausstrahlt. Mit hereinbrechender Dämmerung wird es hier schon deutlich kühler als noch im Süden des Landes und so verkriechen wir uns schnell in die Schlafsäcke.

Kirgisien - Der Songköl-See.

Der Songköl-See.


Die Chinesen sind auch in Kirgistan present

Auf der Weiterfahrt folgen wir der Straße entlang des Sees und erreichen schon bald darauf den Kalmak-Ashu-Pass über den uns die Strecke wieder ins Tal führen wird. Die Strecke ist in der Regel nur in den Monaten Juni bis Oktober befahrbar und den Rest des Jahres durch Schnee blockiert. Die Natur hier ist wunderschön, Steinwüsten werden durch endlos erscheinende Hochgebirgswiesen abgelöst und hier und da grasen Yaks friedlich am Wegesrand. Nachdem das letzte steile Stück überwunden ist und wir in die Hauptstraße einbiegen, werden wir förmlich in eine andere Welt katapultiert. Die Straße ist gut ausgebaut und neu asphaltiert. Am Straßenrand noch ein riesiger Hof mit Baumaschinen zu sehen. Wir stoppen an einem kleinen Restaurant, kommen beim Essen mit der Bedienung ins Gespräch und erfahren, dass die Strecke hier von Chinesen komplett neu ausgebaut wird – wohl ein Teil der „Neuen Seidenstraße“.

Der größte See Zentralasiens wartet

Kurz darauf machen wir uns gut gestärkt wieder auf den Weg, denn wir möchten bald den Issyk-Kul-See erreichen. Dieser ist nicht nur der größte See in Zentralasien, nein nach dem südamerikanischen Titicacasee ist er mit über 6.000 Quadratkilometern Fläche auch der zweitgrößte Gebirgssee der Erde. Damit ist er natürlich bei weitem nicht so groß wie etwa der Baikalsee, doch immerhin ein See mit gigantischen Ausmaßen. Um die Mittagszeit stoppen wir am Seeufer um bei der anhaltenden Sommerhitze ein abkühlendes Bad zu nehmen.

Kirgisien - Der Issyk-Kul-See lädt zum Verweilen ein.

Der Issyk-Kul-See lädt zum Verweilen ein.

Am frühen Abend – wir folgen immer noch dem Südufer des Sees – steht ein Motorradreisender am Straßenrand. Wir stoppen und kommen ins Gespräch. Nach einer Weile erzählt er, dass er in einem der nächsten Orte schon eine Pension zur Übernachtung gebucht habe und wir beschließen einfach gemeinsam dorthin zu fahren und die nette Unterhaltung fortzuführen. Auch wenn wir nicht angemeldet sind, sind wir doch herzlich willkommen, dürfen im Garten campen und die Gastwirtin zaubert für uns alle ein leckeres Abendessen auf den Tisch. Es wird noch ein lustiger Abend mit vielen tollen Reisegeschichten.

Märchenhafter Canyon

Der Südküste des Issyk-Kul-Sees in Richtung Karakol folgend biegen wir bei dem kleinen Dorf Tosor von der Hauptstraße ab und folgen einem schmalen Weg bis zu Ende. Schlagartig tauchen wir ein in eine Canyon-Landschaft. Wir befinden uns im Skazka-Canyon. Im Russischen bedeutet das Wort Skazka „Märchen“ und genau das ist es, was uns hier erwartet, eine märchenhafte Landschaft in der man mit ein bisschen Phantasie viele Figuren und Formen entdecken, die durch die Einwirkung von Wind und Wetter aus diesen Felsen hier geschaffen wurden. Wir laufen stundenlang durch den Canyon und entdecken immer wieder neue faszinierende Formationen in den Steinen, die teilweise gelb, orange und rot im Sonnenlicht erscheinen. Mit jedem Meter, den wir durch die Canyon-Landschaft laufen, ändert sich das Formen- und Farbenspiel.


Kirgisien - Im Skazka-Canyon.

Im Skazka-Canyon.

In Karakol

Die kommenden Tage verbringen wir in der Stadt Karakol. Karakol hat aufgrund seiner strategisch wichtigen Lage an der Seidenstraße, eine lange Geschichte als Handelsplatz. Hier quartieren wir uns in einem kleinen Hostel am Stadtrand ein, welches sich als ebenfalls als strategisch günstig, nämlich als idealer Ausgangspunkt für Exkursionen in die Stadt und die nähere Umgebung entpuppt.

Wir schauen uns die hölzerne Moschee an, welche Anfang des 20. Jahrhunderts vollständig ohne metallene Nägel errichtet wurde – ein faszinierendes Bauwerk. Nicht weniger interessant ist die hölzerne orthodoxe Kirche. Auch besuchen wir den „Victory Park“ mit seinen imposanten, typisch sowjetischen Denkmälern, u.a. zum Gedenken an den „Großen Vaterländischen Krieg“.

Kirgisien - Hölzerne orthodoxe Kirche in Karakol.

Hölzerne orthodoxe Kirche in Karakol.

Am Abend genießen wir die Gastfreundschaft in der Herberge und das leckere Abendessen. Als typisch auch für die kirgisische Küche dürfen hier die Laghmann-Nudeln nicht unerwähnt bleiben. Diese von Hand gezogenen Nudeln werden entweder als Suppe oder gebraten mit Fleisch und Gemüse serviert. Sehr lecker!

Mit dem Pferd zum Berg

Karakol wird auch von vielen Trekkingreisenden und Bergsteigern als Ausgangspunkt genutzt. Auch wir wollen in die nahegelegenen Berge und organisieren für den nächsten Tag eine Tour mit Pferden. Es macht großen Spaß zu Pferd die kleinen Naturpfade zu erkunden, doch angesichts dessen, dass das mir zugeteilte Pferd anscheinend immer etwas Unsinn im Kopf hat – es erinnert ein wenig an das Pferd von Lucky Luke – bin ich dann doch irgendwann ganz froh den Sattel wieder gegen die bequemen Sitze im Landy einzutauschen.

Kirgisien - Björn hoch zu Ross.

Björn hoch zu Ross.

Auf diesem Reiseabschnitt haben wir wieder viele freundliche Menschen getroffen und haben dabei ein Land mit einer unvergesslichen Natur, majestätischen Berglandschaften und wunderschönen Seen durchquert. Auch hier haben wir entgegen aller negativen Erfahrungsberichte nicht ein einziges Mal Korruption erlebt.
Wir kommen gerne wieder in dieses tolle Land mit seiner rauen landschaftlichen Schönheit, gelegen an der Seidenstraße, der alten Handelsroute zwischen China und Europa, welche an Faszination in hunderten von Jahren nichts verloren hat.

Wissenswertes zu Kirgistan

Diese Informationen basieren auf eigene Erfahrungen und Recherchen einer Reise im Jahr 2018.

Anreise

Die Einreise nach Kirgistan erfolgte mit dem eigenen Fahrzeug aus Tadjikistan über den Kyzyl-Art-Pass.

Klima, Wetter und Reisezeit

Das Klima in Kirgistan ist geprägt von kurzen heißen Sommern und kalten Wintern. Viele Passstraßen sind nur in den Sommermonaten bis in den frühen Herbst geöffnet.
Aufgrund der starken Höhenunterschiede kann es auch über den Tag hinweg zu großen Wetterschwankungen kommen.

Dokumente für Kirgistan

Die Einreise nach Kirgistan ist mit dem Reisepass möglich. Für eine Aufenthaltsdauer bis 60 Tage für deutsche Staatsbürger war kein Visum erforderlich. Zusätzlich war eine Zolldeklaration auszufüllen. Das Fahrzeug wurde temporär eingeführt, Kirgistan ist seit 2015 Mitglied der Eurasischen Zollunion, daher musste diese Prozedur an den folgenden Grenzübertritten nach Kasachstan und Russland nicht wiederholt werden. Daher ist es jedoch auch wichtig auf die vermerkte Einfuhrdauer zu achten, denn sie gilt für die Aufenthaltsdauer in der Zollunion. Weitere Informationen finden sich auf der Seite des Auswärtigen Amtes.

Unterkünfte

In den größeren Städten und touristischen Gegenden finden sich Unterkünfte in verschiedenen Qualitäten und Preiskategorien. Auf dem Land bieten sich einfache private Unterkünfte zur Übernachtung an. Ebenso wie die zahlreichen Jurten-Camps. Plätze zum freien Campen haben wir ebenfalls gefunden.

Landesspezifische Besonderheiten

Sofern auch die Pamir-Region bereist werden soll, erscheint es sinnvoll von West nach Ost zu reisen, da der Aufstieg in anderer Richtung recht rasch ist und wenig Möglichkeiten zur Akklimatisierung an die Höhe bietet.
Im Straßenverkehr besteht Licht-Pflicht.

© Fotos: Björn Eldracher