Exotisches Autoinserat trifft auf unbändige Abenteuerlust: Wie eine senfgelbe Allrad-Dose zwei gestandene Backpacker kurzentschlossen zur 3-monatigen Erkundungsreise quer durch Zentralasien verführt. Vom Zauber wüstenartiger Mondlandschaften, unvergesslichen Bekanntschaften am staubigen Wegesrand sowie ölverschmierter Hände inklusive Ersatzteil-Engpass. Per Roadtrip-Lektüre durch eine der weniger befahrenen Ecken des Globetrotter-Reviers.

Jeder kennt es, das Stöbern in den Weiten des world wide web. Ob auf der Suche nach einem passenden Fortbewegungsmittel oder einer Inspiration für zukünftige Reisen: Die Anzahl der vorgeschlagenen Seiten für beides ist überwältigend. Für Vanessa Scharsching und Christian Biemann hat sich durch die Suche nach ersterem praktischerweise auch gleich die zu erkundende Region ergeben, nämlich die ehemaligen Sowjet-Satellitenstaaten Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan.

Mit Stinki durch die 3 Stan-Staaten

Es ist wohl Liebe auf den ersten Blick, die das kosmopolitische Pärchen dazu veranlasst, sich für den gut eingefahrenen Subaru Libero ( a.k.a Domingo) einer zufällig entdeckten Internet-Annonce zu entscheiden. Dass dieser in Bischkek, Kirgistan, „abzuholen“ ist, weckt bei der leidenschaftlichen Agrarbiologin und dem nebenberuflichen Fotografen erst recht das exploratorische Interesse für die bis dahin eher unter ferner liefen laufenden zentralasiatischen Steppenstaaten. Mit 3 Monaten Zeitbudget im Gepäck, tritt man schließlich auf den Spuren der legendären Seidenstraße eine spannende Abenteuerfahrt von Kirgisistan über Tadschikistan nach Usbekistan, bis in die weit entfernte österreichische Heimat an.

Wobei man Abenteuer hier ruhig sprichwörtlich nehmen kann: Der aufgrund seiner Abgasausdünstungen kurzerhand auf „Stinki“ getaufte Subaru wird nämlich nicht nur Opfer einheimischer Langfinger, sondern entpuppt sich die ganze Reise über als technisch arg kränkelndes Basislager auf vier Rädern. Die immer wieder auftauchenden, uniformierten Wegelagerer fallen da noch weniger ins Gewicht und im Laufe der Erzählung müssen sich die zwei Weltenbummler zu der ein oder anderen schwerwiegende, vor allem aber so nicht geplanten Entscheidung durchringen. Aber wie so viele von uns wissen, Pläne sind dazu da, um über den Haufen geworfen zu werden.

Mit viel Humor durch Absurdistan

Ohne jedoch zu viel zu verraten: Allen kleinen und großen Katastrophen zum Trotz, schaffen es die bereisten Länder spielend die frisch gebackenen Overlander in ihren Bann zu schlagen. Ob eisige Jurten-Übernachtung, schwindelerregende Bezwingung des Pamir-Highways oder die unwirkliche Schönheit des Wakhan Valley. Zusammen mit der zumeist selbstlosen Gastfreundschaft sowie der oftmals faszinierend fremdartigen Kultur, tauchen beide tief in die Authentizität dieser zentralasiatischen Lebenswelt ein.

Als Leser nimmt man dabei direkt am Beifahrersitz Platz, während man mit zusammengebissenen Zähnen scheinbar jedes Schlagloch spürt, über stark alkoholisierte kirgisische Cowboys schmunzelt und sich generell an dem mit viel österreichischen Lokalkolorit versetzten Schreibstil erfreut. Weit entfernt vom trockenen, weil gewohnt verfassten, Reiseberichts-Einheitsbrei ist es eine wahre Freude den zwei Protagonisten durch jedes noch so skurriles Erlebnis von Seite zu Seite zu folgen.

Fazit über „Wer geradeaus fährt muss betrunken sein“

Wenn „eine starrköpfige Idealistin und ein widerspenstiger Pragmatiker“ (Originalzitat) auf Reisen gehen, dann können sie was erzählen. Auf 237 Seiten nimmt sich Verena Scharsching in ihrem starken Erstlingswerk „Wer geradeaus fährt muss betrunken sein“ kein Blatt vor den Mund und das ist auch gut so. Unterstützt wird sie dabei von den aussagekräftigen und behutsam eingestreuten Fotografien von Christian Biemann, die ihr übriges tun, um den gelungenen Gesamtauftritt des Buches abzurunden. Schon lange nicht mehr hat eine Reiselektüre auf so frisch-unterhaltsame Weise die Fremde so nah gebracht und Lust auf eigene Ausflüge in die Ferne geschürt.

Titel: „Wer geradeaus fährt muss betrunken sein (kirgisisches Sprichwort)“
ISBN-13: 978-3-200-05924-5
Erschienen im Eigenverlag: 1. Auflage, zu beziehen unter https://www.biemann-photography.at/buch/