1.200 Kilometer mit dem VW-Bus auf der Transpyrenaica – Der Gedanke, mit einem VW-Bus über 1.000 Kilometer offroad kleinste Feldwege, steinig felsige Bergserpentinen und tief ausgewaschene und zerfurchte Matschrinnen zu befahren, mag einigen völlig absurd erscheinen. Und zugegeben, auf Asphalt ginge es schneller und komfortabler, hätte aber dafür auch deutlich weniger Natur pur zu bieten. Die Idee kam von einem offroadaffinen Freund unseres Autors Till, der mit seinem Land Rover Defender schon viel Staub geatmet und Schotter unter die Räder genommen hat. Er meinte nur lapidar: „Komm, das schafft der Bulli schon.“

Unser Plan war, so viel wie möglich Natur zu tanken. Wir wollten überwiegend unbefestigte Wege befahren und hauptsächlich wild campen. Jetzt höre ich schon den Aufschrei der Naturschützer und sie haben Recht. Zur Beruhigung, alle Wege waren offiziell befahrbare Straßen. Wobei man hierzu anmerken muss, dass in Südeuropa etwas offiziell Straße heißt, was bei uns noch nicht einmal als schlechter Feldweg durchgehen würde. Und beim Wildcampen hatten wir stets nach dem Outdoormotto gehandelt: „Wenn Du wieder gehst, hinterlasse nichts als Deine Fußspuren!“ Es sollte einem auch kein Zacken aus der Krone fallen, wenn man Müll, den man bereits vorfindet, kurzerhand einpackt und mitnimmt. Dann danken es einem auch die Naturschützer.

Wir hatten uns zwei Wochen Zeit genommen, wobei stets der Weg das Ziel sein sollte und wir uns keinen Druck machen wollten. Vielleicht auch mal an einem schönen Platz zwei Tage bleiben und zwei Nächte schlafen, warum nicht? Zur Not fahren wir eben doch Asphalt, Hauptsache vom Mittelmeer zum Atlantik. 14 Tage abzüglich vier Tage Transfer, bleiben 10 Tage für knapp 1.200 Kilometer. Das ist mit 120 Kilometern pro Tag schon relativ sportlich, wie sich bald herausstellen sollte.

Gen Süden

Auf der „Route du soleil“, die einen über die Autobahn über Südfrankreich nach Spanien führt, sieht man nur einmal kurz das Meer. In der Carmarque. Und da schimmert es nur blau am Horizont, dann ist es wieder weg. Umso schöner ist der Anblick, wenn man dann tatsächlich ankommt. Jetzt beginnt Urlaub. Unser Start ins Abenteuer sollte in Banylus sur mer beginnen, an der Küste ein paar Kilometer vor der spanischen Grenze. Allerdings mit bereits circa fünf Stunden Autobahn im Nacken. Doch der Blick zurück aufs Meer, als wir uns immer weiter hoch in die Pyrenäen und somit ins Landesinnere schraubten, entschädigte für die Strapazen.

Unten in Banylus überlegten wir noch, ob wir als symbolischen Akt unsere Füße ins Mittelmeer tauchen sollten. Nur ganz kurz, denn immerhin dauert es ab jetzt ja eine ganze Weile bis wir wieder Meer sehen sollten. Wir verzichteten. Es war bereits spät, der Hintern tat schon weh und wir wollten noch Strecke machen bis zum ersten Nachtlager in den Pyrenäen.

Harreis Transpyrenaica - Gute Nacht!

Gute Nacht!

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Nach gefühlten 100 Stunden (auf dieser Mörderstrecke) kam die Grenze und wir betraten spanischen Boden. Unsere Strecke führte uns überwiegend auf der spanischen Seite der Pyrenäen zum Atlantik, da die Franzosen deutlich restriktiver in Sachen Umweltschutz und Streckensperrungen sind. Auf französischer Seite sind auch die meisten Naturschutzgebiete. Die Spanier sind diesbezüglich deutlich lockerer. Allerdings nicht an dieser Grenze. Ich habe noch nie so eine Grenze gesehen. Mitten im Nirgendwo zwischen Kakteen und Kuhweide steht plötzlich und völlig unvermittelt nach einer Kurve auf einem Feldweg eine Horde kleiner grüner Männchen mit großen grünen Gewehren im Anschlag, die durch ihre braunen Sonnenbrillen allesamt ziemlich böse dreinschauten. Wir lächelten recht freundlich und der Oberbefehlshaber winkte uns durch. Von wegen grenzenloses Europa, aber hier Mitten in der Pampa? Nun denn.. Kurz nach den Soldaten, die das Land bewachten, lotste uns unser Navi direkt auf die Kuhweide. Aber wir wollten es ja nicht anders. Abenteuerurlaub eben…

Immer schön langsam

Die nächste Etappe sollte uns lehren, dass im Gelände andere Maßstäbe gelten als auf Asphalt. Wir fuhren langsam! Wir fuhren sehr langsam! Wir fuhren zum Teil so langsam, dass ich im ersten Gang auskuppeln musste. Und das, obwohl ich eine kurze Geländeuntersetzung habe. Wir fuhren zum Teil weniger als 4 oder 5 Stundenkilometer. Ab 4 km/h muss ich kuppeln. Bergab ist das ja kein Problem, da hätte ich den Grauen einfach rollen lassen können. Aber bergauf rollt der nicht freiwillig. Ich hatte immer gedacht, dass es im Gelände ganz wichtig ist, eine Differentialsperre zu haben. Ich hatte sie während unserer gesamten Reise aber nur einmal gebraucht. Ich hätte aber nie gedacht, dass mein kurzes Getriebe auf der gesamten Strecke so wichtig ist. Ohne die Untersetzung wäre die komplette Tour für mich und den Grauen nicht fahrbar gewesen. Da hätte ich mindestens 2 Kupplungen verschlissen.

Harreis Transpyrenaica - Rauhe schöne Landschaft der Pyrenäen.

Rauhe schöne Landschaft der Pyrenäen.

Doch mein Grauer schlug sich tapfer. Immer wieder erstaunlich, was mit einem ollen VW-Bus doch so alles geht im Gelände. Mein Kumpel war hin und weg. Und er fährt Landy! Die belächeln einen normalerweise nur müde und geben kluge Ratschläge, wo ich besser nicht fahren sollte. Pustekuchen! Wir fuhren tief zerfurchte, vom letzten Regen völlig aufgeweichte, inzwischen aber betonhart abgetrocknete Rinnen. Hier war die richtige Spurwahl erste Priorität, denn meine Bodenfreiheit hätte oft nicht ausgereicht. Wir fuhren steile Bergserpentinen, in deren engen 180 Grad Kehren zum Teil handballgroßer Schotter lag. Die Kehren waren oft so eng, dass wir nicht ohne zurücksetzten um die Kurve kamen.

Und wir fuhren recht steile Waldwege, die manchmal dermaßen zugewachsen waren, dass man nicht nur auf den Weg gucken musste, sondern auch nach oben. Und nach rechts und links, denn dort waren oft nur eine Hand breit Platz zwischen Fels oder Baum auf der einen, und Abgrund auf der anderen Seite. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir circa 40 Kilometer geschafft. Aber wir wollten es ja nicht anders. Abenteuerurlaub eben…

Korrekturen

Zeit für eine Mittagspause auf einer kleinen, sonnigen Lichtung mitten im Wald. Der Nachmittag verging genauso langsam. Ist doch seltsam wie unterschiedlich lang man drei oder vier Stunden empfinden kann. Dieser Nachmittag kam mir vor wie eine Woche. Am Ende des ganzen Tages standen stolze 80 Kilometer auf dem Tacho. Wenn das so weitergeht, sind wir Weihnachten noch nicht am Atlantik. Wir mussten unsere Zeitplanung überarbeiten. Ein Tagespensum von 120 Kilometern im Schnitt war völlig unrealistisch. Nicht auf diesen Strecken und wir wollten auch nicht jeden Tag acht Stunden hinterm Steuer sitzen, schließlich hatten wir ja Urlaub. O.k. es sollte Abenteuerurlaub werden, aber Stress wollten wir keinen.

Harreis Transpyrenaica- Mittagspause.

Mittagspause.

Wir entschieden uns, das Roadbook nicht so streng zu handhaben und zwischendrin auch mal Asphalt unter die Stollen zu nehmen. Dies erwies sich als weise und so sahen wir zwischendurch auch wunderschöne Dörfer und nicht nur grüne Blätter und grauen Stein. Die kommende Tagesetappe führte mit immerhin 138 Kilometern unsere bisherige Statistik deutlich an. Wir hatten unseren Rhythmus gefunden. Unser Ziel, der Atlantik war zwar noch in weiter Ferne, doch unser Tagesziel für heute Abend sollte auch am Wasser liegen. Es ist erstaunlich, wie grün die Pyrenäen sind. Das war nicht immer so und ist dem Menschen zu verdanken. Der zähmt die vielen wilden Gebirgsbäche und Flüsse und so können Natur und Landwirtschaft sich aus zig Stauseen nähren. Fürs wilde Übernachten der optimale Ort auch für erschöpfte aber glückliche Camper.

Harreis Transpyrenaica - Entspannung pur.

Entspannung pur.

Die folgende Nacht verbrachten wir zum zweiten Mal an einem wunderschönen Stausee. Wir suchten uns ein Plätzchen direkt in der ersten Reihe, obwohl es eigentlich gar keine Reihen gab, denn wir waren fast die einzigen. Unser Lagerplatz lag direkt am kiesigen Ufer, umgeben von schattenspendenden Bäumen und Sträuchern. Das Esszimmer war 3 Meter vom Wasser entfernt und die Schlafgemächer mit schönstem Seeblick. Kein Fünfsternehotel der Welt kann einem diese Stimmung bieten. Nachdem das Dachzelt vom Landy stand gings ab ins Nass. Auf der Speisekarte der Boardküche stand diesmal Pasta zum Abendessen.

Harreis Transpyrenaica- Ein gemütliches Plätzchen für die Nacht ist schnell gefunden.

Ein gemütliches Plätzchen für die Nacht ist schnell gefunden.

Dem Ruf gerecht werden

Das mit dem Ziel vor Augen ist allerdings so eine Sache. Erstens kommt es anders und zweitens… Wir hatten eine Panne. Die erste und einzige, Gott lob. Die Batterie vom Landy machte schlapp. Eigentlich kein Problem, denn in meinem „Grauen“ sind drei Stück verbaut. Da sollte eine davon doch reichen, um Starthilfe zu geben. Von wegen! Die Landybatterie war so tiefenentladen wie wir tiefenentspannt. Das heißt, Starthilfe brachte gar nichts. Die Batterie war hinüber. Da mein Freund aber auch im Landy zwei Batterien hatte, musste jetzt eben umgebaut werden. Auf die Camperbatterie musste er erst einmal verzichten. Gesagt getan. Wir besorgten uns im nächsten Örtchen eine neue und weiter gings.

Das hört sich jetzt so einfach an, aber ich denke wir hatten hier viel Glück gehabt. Die Batterie war eine ziemlich spezielle, doch der nette Senior in der Hinterhofwertstatt hatte tatsächlich die passende parat. Den Einbau wollten wir irgendwo erledigen, wo es nicht ganz so heiß war. Verständlich bei 40 Grad im Schatten. Allerdings führte uns unser Track ausgerechnet jetzt über Felder und Wiesen, ohne auch nur ein Sträuchlein, das uns die Sonne etwas vom Leib hätte halten können. Aber der Landy fuhr ja fleißig, nur der Kühlschrank und die darin verstauten Lebensmittel machten langsam schlapp. Bis wir ein schattiges Plätzchen für die Montagearbeiten gefunden hatten, dauerte es ein wenig. Und genau hier, weitab von jeglicher Zivilisation, mitten in den Pyrenäen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, dort wo die wilden Bären wohnen… Genau! Hier kommt der gemeine Pyrenäenbär ins Spiel. Was bisher immer so lustig klang: „Achtung, ein Bär!“ sollte plötzlich gar nicht mehr so witzig sein.

Harreis Transpyrenaica - Freiheit auf 4 Rädern.

Freiheit auf 4 Rädern.

Spuren von Meister Petz

Wir standen an einem schattigen Plätzchen mitten im Wald, mein Kumpel schraubte und ich hatte ein Sandwich in der Hand und passte auf, dass er auch alles richtig machte. So war die Arbeitsteilung, schließlich hatte ich Urlaub! Mit der Zeit wurde mir langweilig und zu helfen gab es wirklich nichts. Also machte ich einen kleinen Rundgang. Gelände erkunden. Keine 20 Meter entfernt stach mir ein Detail an einem Baum ins Auge, womit ich zuerst überhaupt nichts anfangen konnte. Da waren Haare in der Rinde, etwa auf Augenhöhe. Blonde, borstige Haare! Mir war klar, dass das nur Tierhaare sein konnten, doch wie kommt ein Tier so weit nach oben? „Das muss aber ein großer Hirsch gewesen sein“, dachte ich. Und dann plötzlich war er wieder da, der Satz, der seit 4 Tagen die Runde machte: „Achtung, ein Bär!“ Ich lief zurück und erzählte von meiner Entdeckung. Etwas ungläubig und genervt kam nur ein: „Ja, ja“ zurück. Als der Landy verarztet war, mein Magen gesättigt und wir weiterfuhren, dauerte es nur ein oder zwei Kurven auf dem Waldweg und mitten drin lag ein riesen großer Haufen.

Also ich bin zwar kein Veterinär oder Zoologe, doch wie ein Kuhfladen oder Pferdeäpfel aussehen weiß ich. Und das da vor uns waren definitiv keine. Abgesehen davon war weit und breit keine Weide oder Ähnliches in Sicht. Da hatte also tatsächlich Meister Petz vor nicht allzu langer Zeit hier seine Runde gedreht und sich mal eben den Rücken am Baum geschruppt. Aber wir wollten es ja nicht anders. Abenteuerurlaub eben…

Der Bulli muss sich beweisen

Der nächste Tag sollte das Highlight unserer Exkursion auf der Transpyrenaica bringen. Ich kannte vom vorigen Motorradurlaub hier in der Gegend bereits das Plateau des Turbon, auf dem wir auf über 2.000 Meter über dem Meeresspiegel damals schon eine prächtige Mittagspause mit gigantischem Panoramablick gemacht hatten. Diesmal wollte ich das ganze ausweiten. Nicht auf zwei, sondern auf vier Rädern und nicht nur Mittagspause, sondern Abendessen, Übernachtung und Frühstück in hochalpiner Atmosphäre über der Baumgrenze.

Gesagt getan, doch der Weg dorthin war steinig. Ab wann wird ein Stein eigentlich zum Felsbrocken. Ab Fußballgröße? Wenn er so groß wie ein Medizinball ist? Egal, wir fuhren etwa gut eine Stunde lang, um nach 6 Kilometern das Plateau des Turbons zu erreichen. 6 Km/h! Und das war nur der Durchschnitt. Es gab also auch deutlich langsamere Passagen. Der Grund waren Schotterbrocken, die zum Teil handballgroß waren. Und in einer der Spitzkehren wurde mir das zum Verhängnis. Die Kurve war so eng, dass ich sie nicht auf ein Mal schaffte und zurücksetzen musste. Allerdings war sie zudem auch sehr steil. Und hier anfahren? Ging nicht, festfahren war angesagt. Die Vorderräder des Grauen gruben sich unter furchtbarem Getöse immer tiefer. Aber wir wollten es ja nicht anders. Abenteuerurlaub eben…

Harreis Transpyrenaica - Auf dem Weg zum Turbon.

Auf dem Weg zum Turbon.

Groß rangieren kam auch nicht in Frage, denn hinter mir versperrte ein etwa waschmaschinengroßer Fels den Weg. Ich denke, ab der Waschmaschinenkategorie darf man es getrost als Fels bezeichnen. Nun wurde ich etwas unruhig und schaute mir die Situation erst einmal von außen an. Blieb nur noch die letzte Option, Differentialsperre. Leider fuhr ich voraus, sodass mich der Landy meines Freundes auch nicht aus dem Schlamassel ziehen konnte. Doch der Graue schlug sich taper, die Investitionen eines Kleinwagens machten sich bezahlt und mit eingeschalteter Differentialsperre wühlte sich der Bulli durchs Geröll. Oben angekommen gab’s ein Panorama für das es keine Worte gibt. Doch zum Glück machten wir Fotos.

Harreis Transpyrenaica - Stellplatz hoch oben.

Stellplatz hoch oben.

Am Turbon

Auch dieser Tag war perfekt. Wir schlugen das Lager auf, dösten beim Bier in der Sonne, machten eine kleine Wanderung und grillten abends den Fisch, den wir von unten im Tal mit in die Berge gebracht hatten. Als Andenken liegt noch heute die riesen Geierfeder auf dem Armaturenbrett des Grauen. Wie mächtig diese Vögel sind, erahnt man erst im Größenvergleich zu ihren Fußspuren. Die drei Krallen sind gut und gerne so groß wie Daumen, Mittel- und Zeigefinger einer erwachsenen Männerhand. Kurz vorm Essen gab’s Besuch von neugierigen Gämsen und Petrus belohnte uns mit einem Abendrot, für das es ebenfalls keine Worte gab. Die Nacht war frisch und auch zum Frühstück mussten Daunenjacke und Sitzfell herhalten, bis die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg über den Gipfel des Turbons fanden.

Harreis Transpyrenaica - Auf dem Mont Turbon.

Auf dem Mont Turbon.

Nach einer Nacht auf einem Campingplatz, der es nicht Wert ist, hier auch nur mit einem weiteren Wort erwähnt zu werden, stand auf meiner Kompassnadel auf dem Armaturenbrett wieder ein großes N. Zurück nach Norden, zurück in die Berge, entlang des Aragon, dem Fluss mit dem königlichen Namen. Auf dieser Etappe überquerten wir die Grenze nach Frankreich und landeten unverblümt auf hochheiligen Pilgerpfaden. Und zwar nicht auf irgendwelchen, sondern direkt und mitten drin auf dem Jakobsweg. Etwas schüchtern und demütig fuhren wir das kurze Stück, das uns unser Roadbook als offizielle Straße bzw. Verkehrsverbindung verkaufte und bahnten uns den Weg durch Wanderer und Pilger in strengem Pilgergewand.

Endlich: Der Atlantik

Das Ziel unserer Transpyrenaica war am Horizont schon sichtbar, doch bei durchwachsenem Wetter war der Atlantik kaum vom Himmel zu unterscheiden. Graublau ging das eine ins andere über. Irgendwie passte das zur Stimmung, denn nach 10 Tagen wunderschönsten Erlebnissen stand der Touristenrummel im krassen Gegensatz zu den bisherigen Natureindrücken. Etwas enttäuscht aber dennoch glücklich gab es ein Picknick am Strand. Da drüben also, ein paar tausend Kilometer entfernt liegt Amerika. Irgendwie wollte Petrus uns die Heimfahrt leichter machen und schickte zum Grau in Grau für diese Nacht auch noch Nieselregen. Doch echte Outdoorer beziehungsweise Offroader nehmen das mit Gelassenheit. Aber nur einmal wenigstens noch bei Sonne die Füße ins Salzwasser tunken und dann erst wieder nach Hause. Unsere Gebete wurden am nächsten Tag erhört. Kurzer Hand entschieden wir uns wieder ganz spontan zu bleiben und doch noch nicht zu fahren. Eine flexible Urlaubsplanung machte es möglich.

Nochmal? Ja, aber anders …

Vierzehn Tage unterwegs, dreizehn Nächte im VW-Bus, zehn Tage überwiegend Feldweg, Schotterpiste oder Schlaglochslalom. Das Resümee dieses Trips ist zweigeteilt. Wenn man mich fragen würde, ob ich es nochmal machen würde, würde ich antworten: „Ja, aber …“ Vierzehn Tage Autofahren ist normaler Weise nicht ganz mein Ding, aber unter diesen Umständen? Ich würde diese Reise ein zweites Mal unternehmen, aber anders.

Die Naturerlebnisse, die wir hatten, waren zum Teil atemberaubend. Das Leben im Bus war unproblematisch, die Pisten waren zum Teil abenteuerlich. Nicht gerade materialschonend. Es gab Tage, an denen verbrachten wir einfach zu viel Zeit hinterm Steuer. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen. Lieber bereits früh nachmittags oder mittags schon die Zelte aufschlagen und mehr Zeit vor Ort zum Nichtstun, Erkunden, Baden, Entspannen, Lesen oder was auch immer haben. Natur ist toll, ich würde mich auch als Naturbursche bezeichnen, aber Zwischendrin wäre ein Kontrast zum ewigen Grün in Form von mehr pittoresken Städtchen, lauschigen Cafés oder netten Sehenswürdigkeiten wünschenswert. Das kam zu kurz und hiervon gibt es in den Pyrenäen mehr als genug. Auch die Zeitplanung würde ich großzügiger machen. Bei solch einem Trip hat man schon stets das Ziel vor Augen. Es ist aber zu schade, wenn deswegen das eine oder andere Verweilen an Ort und Stelle hinten runter fällt. Öfter mal zwei oder mehr Nächte bleiben, das würde sich lohnen. Und noch mehr wild campen. Die Pyrenäen sind prädestiniert hierfür. Seen gibt es wie beschrieben genügend, Flüsse oder Bergbäche mit einladenden Ufern ebenfalls und wunderschöne Lagerplätze mit Panoramablick findet man mit etwas Fingerspitzengefühl und Erfahrung meistens. Die 1.200 Kilometer offroad mit dem VW-Bus auf der Transpyrenaica vom Mittelmeer zum Atlantik sind definitiv einer der eindrucksvollsten Urlaube, die ich bisher erleben durfte. Danke hierfür!

Infos zur Reise:

Reisedauer

Wir hatten uns für unsere Transpyrenaica 14 Tage Zeit genommen. Von Süddeutschland aus hätte man zwar auch in einem Tag an- bzw. abreisen können, wir wollten aber nicht schon zu Beginn unseres wohlverdienten Urlaubs 12 Stunden hinterm Steuer sitzen. So hatten wir 4 Tage für den Transfer hin und zurück eingeplant. Blieben also 10 Tage für das eigentliche Abenteuer, für die 1.200 Kilometer vom Mittelmeer zum Atlantik. Das sollte man mindestens planen. 120 km pro Tag hören sich zwar wenig an, sind aber offroad und je nach Streckenbeschaffenheit schon recht sportlich. Unterwegs hatten wir zwar auch Leute kennengelernt, die die Strecke in 7 Tagen fuhren. Sie waren aber auch mindestens 10 Stunden täglich hinterm Steuer. Wer’s mag und ausschließlich offroadfahren will, für den ist das machbar, für uns war es das nicht.

Tipp:
Lieber deutlich länger als 10 Tage planen und öfter vor Ort zwei oder mehr Nächte verweilen. Die Pyrenäen sind zu schön, um im Schnelldurchgang abgehackt zu werden. So bleibt auch etwas Zeit fürs Sightseeing.

Reisezeit

Wir waren Mitte Juni unterwegs, was sich als sehr heiß herausstellte. Je nach Region hatten wir zum Teil bereits 40 Grad im Schatten. Für meinen Kumpel im Landy ohne Klimaanlage eine Herausforderung. Juni, Juli, August sind demnach nicht die besten Reisemonate, zumal es Hauptsaison ist, die Campingplätze voll und teuer sind und in den Pyrenäen absolute Waldbrandgefahr herrscht. Offenes Feuer kann hier tödlich sein. Frühjahr oder Spätsommer scheinen mir die bessere Jahreszeit zu sein.

Tipp:
Aber Achtung: Im Frühjahr kann es auf einigen Pässen und Höhenlagen noch Schnee haben.

Tourplanung

Wir hatten uns im Internet unter www.vibraction.org das Roadbook Nr. 5 „Traverse“ von Philippe Rosa für ca. 100.-€ besorgt. Inzwischen kostet es nur 76.- € (stand 12/2017) Es ist sehr ausführlich und umfasst im DinA4 Format über 100 Seiten. Der Großteil davon ist ein sehr detailliertes Ralleyroadbook mit exakten Beschreibungen der Wegpunkte. Der Rest ist eine allgemeine Streckenbeschreibung und Hinweise, was den Schwierigkeitsgrad der Strecken angeht. Leider ist das Ganze auf Französisch, was beim Roadbook keine Rolle spielt, da die Symbole international sind. Für die Beschreibungen sind jedoch Sprachkenntnisse erforderlich. Im Preis inklusive sind aber auch die digitalen Traks, sodass man zusätzlich auch mit Hilfe des Navis fahren kann. Mit etwas Geschick kann man sich seine ganz persönliche Transpyrenaica aber auch selbst am Rechner planen. In Spanien gelten viele Strecken als offizielle Straßen, die bei uns noch nicht einmal als schlechte Feldwege durchgehen würden. Außerdem muss es ja nicht ausschließlich offraod sein.

Tipp:
Fahren nach Roadbook ist etwas gewöhnungsbedürftig. Wer es noch nie gemacht hat, sollte es vorher mal üben, um nicht mitten in der Pampa festzustellen, dass die vielen kleinen Bildchen ziemlich verwirren können. Wenn man selber plant, sollte man darauf achten, dass man auf der spanischen Seite bleibt. In Frankreich sind deutlich mehr Regionen Naturschutzgebiete und die Franzosen sind viel restriktiver was Fahrverbote angeht, als die Spanier.

Schwierigkeitsgrad

In dem Roadbook ist er für jeden Abschnitt sehr gut beschrieben. So werden z. Bsp. auf zerfurchte Wege mit tiefen Spurrinnen hingewiesen, die bei Regen oder Matsch sehr anspruchsvoll sein können. Für mich und den „Grauen“ war alles machbar, allerdings kam der VW-Bus bis nahe an seine Grenzen, was vor allem die fehlende Bodenfreiheit trotz Höherlegung angeht. Da kann ich mit einem Landy logischerweise nicht mithalten. Auf meine Diffenentialsperre hätte ich notfalls noch verzichten können, aber ohne Untersetzung wäre diese Tour nicht fahrbar gewesen. Wir hatten selbstverständlich auch Sandbleche, Bergegurte und Schaufel mit dabei, zum Einsatz kamen diese allerdings nie. Mit einem allradgetriebenen Wagen mit ausreichend Bodenfreiheit und mit zwei Autos, sodass einer zur Not bergen kann, ist die Tour aber nicht zu schwer einzustufen.

Campen bzw. Übernachten

Die Pyrenäen sind ein prädestiniertes Revier zum Wildcampen, wenn auch nur geduldet. Und sie sollten es bitte auch bleiben. Also nur stets nach dem Motto: „Ich hinterlasse nichts als meine Fußspuren.“ Da die Pyrenäen zum Teil inzwischen auch sehr touristisch sind, gibt es genügend Campingplätze jeglicher Kategorie. Wir hatten oft erst nachmittags spontan im Internet recherchiert und immer einen Platz in der Nähe gefunden. Die meisten Nächte übernachteten wir jedoch wild. Achtung, in den Pyrenäen gibt es Bären. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit recht gering ist, auf die scheuen Tiere zu treffen, so ist doch Umsicht geboten. Vor allem was die Aufbewahrung von Proviant und Essensresten angeht.

Tipp:
In den Pyrenäen gibt es sehr viele Stauseen und Flüsse. Mit etwas Gespür finden sich hier oft traumhaft schöne Plätze nicht nur zum Übernachten, sondern auch zum Verweilen und Baden für ein oder zwei Tage. Offenes Feuer bitte nur in ausgewiesenen Feuerstellen oder auf dem Campingplatz, falls erlaubt. Die Waldbrandgefahr ist vor allem in den Sommermonaten immens. Hierauf kann nicht oft genug hingewiesen werden.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Für den klassischen Offroader und Outdoorer ist ein Lagerfeuer unterm Sternenhimmel genügend Kultur. Wer es aber dennoch gerne hat, für den gibt es auch in den Pyrenäen einiges zu sehen. Etwas abseits des Roadbooks, aber immer in Tagesreichweite sind einige Sehenswürdigkeiten vorhanden.

Tipps:

  • An der Mittelmeerküste in Cadaqués das Wohnhaus von Salvador Dali
  • Figueres nördlich von Girona mit seinem Dalimuseum
  • Etwa auf einem Viertel der Route der Zwergstaat Andorra
  • Ein Abstecher nach Saragossa in die Ex-Expo-Stadt
  • Südlich von Pamplona der Naturpark „Bardenas Reales“ mit bizarren Natur und Felsformationen
  • Pamplona ist auch außerhalb der Stierläufe in den Sanfermines Anfang Juli einen Abstecher wert
  • Bilbao und sein Guggenheimmuseum nur knapp 100 km von der Grenze zu Frankreich
  • Die vielen kleinen Ortschaften mit ihren schattigen Cafés, Bodegas und Tapasbars entlang der Route

Fazit

Die Pyrenäen sind ein wunderschönes Urlaubsziel. Viel grüner als gedacht, was an den vielen Stauseen und Flüssen liegt. Das Hinterland Spaniens ist oft noch touristisch „unverdorben“, aber dennoch erschlossen, was dem Urlauber nur zu Gute kommt. Die Transpyrenaica wie wir sie gefahren sind wäre meiner Meinung nach verbesserungswürdig. Weniger ist oft mehr. In diesem Fall weniger offroad und mehr kleine Landsträßchen. Ansonsten bräuchte man für eine entspannte Tour gut und gerne vier Wochen. Tagesetappen mit 60 bis 80 Kilometer wären sonst keine Seltenheit. Mehr Stopps einplanen und öfter auch mal zwei oder mehr Tage vor Ort verweilen. Ein zweites Mal würde ich noch mehr wild campen und an Seen oder Flüssen lange Badepausen einlegen. Wir fuhren zum Teil sechs Stunden und mehr pro Tag, was ich als zu lang empfand. Lieber mittags um 14 Uhr schon das Lager aufbauen und den Rest des Tages Füße hoch legen und genießen. Die Pyrenäen sind in jedem Fall einen zweiten Besuch wert.