Gunther Holtorf und seine Frau Christine brachen 1990 mit Mercedes Otto zu einer rekordverdächtigen Reise auf. 26 Jahre war der heute 77-jährige unterwegs, davon 20 Jahre mit seiner Frau Christine. Nach dem Tod seiner Frau fuhr Holtorf mal alleine, mal mit seinem Adoptiv-Sohn Martin oder einer Freundin weiter. 900.000 km ist er mit Otto gefahren und hat dabei 215 Länder, Regionen und Territorien besucht. Heute lebt Gunther Holtorf am Chiemsee und sprach mit uns über das Navigieren in der Wildnis, Begegnungen mit gefährlichen Tieren und nennt die wichtigste Eigenschaft, die ein Weltreisender haben sollte.

Ihre 26-jährige Reise war ursprünglich als 2-jährige Reise durch Afrika geplant. Wie kamen Sie auf die Idee, Afrika zu durchqueren?

Durch meine Arbeit bei der Lufthansa, habe ich viel von der Welt gesehen. Ich saß oft im Cockpit und habe nach unten geschaut, während wir über den nahen Osten oder den Himalaya flogen. Dabei habe ich immer gedacht: Eines Tages wirst du da unten sein.

Später habe ich verschiedene Fluggesellschaften im Ausland vertreten. So habe ich den Großteil meines Lebens außerhalb von Europa verbracht. Als ich in Südamerika gearbeitet habe, machte ich eine zweimonatige Rundreise mit dem PKW durch Brasilien. Dabei war ich viel im Amazonas-Gebiet unterwegs. Diese Reise wollte ich später auf jeden Fall noch einmal mit einem Geländewagen wiederholen.

Sie waren anfangs einige Monate mit Ihrer dritten Frau in Afrika unterwegs. Danach ließen Sie sich scheiden. Was glauben Sie warum das nicht funktioniert hat.

1989 startete ich mit meiner damaligen Frau eine mehrmonatige Versuchsreise durch Afrika. Wir wollten zunächst in den Kontinent hineinschnuppern, um dann nach Deutschland zurückzukehren und den Wagen endgültig auszurüsten. Aber wir zwei passten nicht zusammen. Geheiratet haben wir damals hauptsächlich auf Drängen des Traditionsunternehmens, für das wir beide arbeiteten. Die Geschäftsleitung legte uns ans Herz unsere Liaison zu legalisieren.

Brasilien FotoHoltorf

Otto auf einer Brücke in Brasilien.

Meine letzte Frau Christine, lernte ich durch eine Kontaktanzeige in der Zeit kennen. Ich suchte nach meiner Trennung eine Partnerin zum Reisen. Christine, damals alleinerziehend, zögerte nicht lange. Nachdem wir für ihren Sohn Martin einen Platz in einem sehr guten Internat gefunden hatten, fuhren wir 1990 los. Christine war damals 34 und ich 53.

Christine und ich lebten während der Reise 24 Stunden am Tag wie siamesische Zwillinge. Wir waren entweder im Otto unterwegs oder um den Wagen herum. Ich konnte nicht einfach sagen: „Ich gehe jetzt in den Garten“. Genauso wenig konnte sich Christine zurückziehen. Wir waren auf Gedeih und Verderb aneinander gekettet. Das erfordert schon ein hohes Maß an parallelen Gedanken und an Harmonie. Das hat bei Christine und mir 20 Jahre lang gut geklappt.

Wie sah die Vorbereitung für die Afrika-Reise aus?

Heute eine Reise, mit Reiseführers oder Internet, zu planen, ist keine große Sache. Vor 26 Jahren gab es das alles nicht. Ein paar Abenteurer, die durch Afrika gereist waren, hatten Bücher darüber geschrieben. Die hatten wir alle gelesen, aber wer wirklich wissen wollte, wie es dort war, musste hinfahren. Also bestand die Vorbereitung hauptsächlich in der Beschaffung und Ausrüstung des Wagens.

Sie haben sich für einen Mercedes G entschieden, den Otto. Können Sie uns sagen warum?

Die grundsätzliche Frage war: kleiner Wagen, Wohnmobil oder Allrad-LKW mit Kabine? Wohnmobil kam für mich überhaupt nicht infrage. Da sieht und riecht man den Touristen schon 10 Meilen gegen den Wind. Ich hätte mich ständig im Fadenkreuz von Kriminellen gesehen und mich unsicher gefühlt.

Einen LKW haben wir Gottseidank nicht genommen. Darin ist natürlich mehr Platz, aber man schleppt dementsprechend auch mehr mit. Mit einem so großen Fahrzeug ist alles gleich viel teurer und komplizierter. Wenn ich allein daran denke, wie oft wir den Otto verschifft haben. 41 Mal war er im Container unterwegs von einem Teil der Welt in einen anderen. Mit einem größeren Fahrzeug hätte der Transport ein Vielfaches gekostet.

Ein VW-Kombi, ein sogenannter Bulli, wäre bis auf wenige Situationen sicher auch geeignet gewesen. Letztendlich habe ich mich dann aber für einen Mercedes Geländewagen entschieden. Ähnliche japanische Fahrzeuge hätte es auch gegeben ebenso wie diese berühmten Land Rover. Aber damit hätte ich alle paar Wochen eine neue Wirbelsäule gebraucht. Auf glatter Straße ist das kein Problem, aber auf Ruckelpisten oder im offenen Gelände ist so ein Land Rover sicher nicht das Angenehmste.

Ich kann heute nach rund 900.000 Kilometern sagen, dass die Entscheidung für mich die richtige war. 200.000 Kilometer davon fuhr der Otto auf Pisten und im Gelände und er ist immer noch in einem super Zustand. Am Motor musste nie etwas gemacht werden und auch Getriebe und Achsen sind noch original.

Kambodscha FotoHoltorf

Otto in Kambodscha

Aber reparieren mussten Sie schon? Welche Teile haben Sie denn am häufigsten ausgewechselt?

Ich komme aus der Fliegerei und dort ist es notwendig, dass Teile ersetzt werden, bevor sie kaputt gehen können. Das nennt sich „preventive maintenance“ also vorsorgliche Wartung. Dieses Konzept habe ich auch bei Otto angewandt. Mit dem Ergebnis, dass wir letztendlich kaum wirkliche Schwierigkeiten hatten. Wir hatten über 400 verschiedene Ersatzteile dabei und ich habe auch vorsorglich Teile getauscht, an die man nicht normalerweise nicht unbedingt denken würde. Dadurch ist relativ wenig passiert.

Haben Sie das Reparieren bzgl. Warten von Fahrzeugen während der Reise gelernt oder hatten Sie damit schon Erfahrung?

Ich wusste schon seit meiner Jugend, wie man einen Schraubenzieher richtig anfasst. Mein Vater, der technisch sehr versiert war, hat mir viele Dinge beigebracht. In meiner Zeit in Südamerika habe ich Oldtimer, also wirklich alte Wagen, aus den Dreißigern restauriert. Deshalb kannte ich mich schon mit der Materie aus. Ich hatte sogar einen kompletten Werkstatt-Arbeitssatz mit an Bord, so dass ich mit den nötigen Spezialwerkzeugen auch im Busch alles selber machen konnte.

Wir haben alle Teile, die wir nicht brauchten und die kaputt gehen konnten, im Vorfeld ausgebaut bzw. gar nicht eingebaut. Unsere Philosophie war immer: Was nicht dran ist, kann auch nicht kaputt gehen. Unsere Klimaanlage haben wir damals in Nairobi verschenkt und eine Standheizung hatten wir nie. Standheizungen sind fragil und störanfällig, wenn der Wagen nicht nur auf Asphalt gefahren wird. Im Busch mit der wahnsinnigen Wackelei bekommt jede Standheizung Schwierigkeiten.

Kühlboxen haben das gleiche Problem. Außerdem gibt es außer Butter nichts, das gekühlt werden muss. Wenn ich nur alle zwei Wochen Großeinkauf im Supermarkt mache, brauche ich selbstverständlich einen großen Kühlschrank. Wir haben, wann immer es möglich war, täglich frisch eingekauft. Butter und Getränke haben wir in feuchte Tücher eingewickelt, aufs Dach unter die Ladung geschnallt und sie dort, geschützt vor der Sonne, durch den Fahrtwind kühlen lassen.

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Eine typische Brücke in Afrika, Ottos Reise

Sie hatten zum Beginn Ihrer Reise kein GPS, kein Navigationsgerät und keinen Laptop. Wie haben Sie sich denn im Busch oder in der Wüste zurecht gefunden?

Wenn man seinen Kopf etwas mehr anstrengt, braucht man den ganzen elektronischen Schnickschnack nicht. In der Wildnis mussten wir auf andere Weise navigieren. Die meisten Leute können das heute nicht mehr. Ihnen fehlt der Orientierungssinn. Ohne ihre Helferlein würden sie wie blinde Hühner herumirren. Wir sind komplett ohne diese Geräte zu Rande gekommen und haben uns in keiner Stadt und in keinem Land wirklich verfranzt.

Seit 1994 hatten wir ein GPS-Gerät mit Dachantenne. Das gab uns letztlich nur unsere Position an. Da die Koordinaten alle halbe Sekunde gespeichert wurden, konnten wir damit die Richtung ablesen, in die wir fuhren, ähnlich wie bei einem Kompass. Meine Frau hat die Punkte alle fünf Minuten auf Millimeterpapier aufgezeichnet, so dass wir die gleiche Strecke hätten zurückfahren können.

Das Wichtigste bei unserer Navigation war die eigene Nasenspitze und das eigene Gehirn. Wir bekamen irgendwann ein Gespür dafür, ob wir richtig waren oder nicht. Im Urwald ist das ohnehin unproblematisch, denn quer durch den Urwald geht einfach nicht. Da gibt es eigentlich wenig Alternativen.

Von manchen Gegenden gibt keine oder nur rudimentäre Karten. In solchen Regionen hatten wir Karten aus der Fliegerei dabei, sogenannte „navigational charts“ der US Airforce. Damit und mit den Koordinaten vom GPS wussten wir immer, wo wir sind. Die Karten zeigen zwar nicht jedes Dorf an, aber Flussläufe und Pisten, die der Pilot vom Flugzeug aus sehen kann. Gerade in Ostsibirien und in Guyana war das eine große Hilfe.

Karibik FotoHoltorf

Otto auf dem Weg in die Karibik

So eine lange Reise kostet sicher einiges. Wie viel Geld haben Sie im Durchschnitt pro Monat ausgegeben und wie haben Sie die Reise finanziert?

In Afrika hat meine Frau ein Haushaltsbuch geführt, da haben wir pro Monat weniger als 1000 DM für alles zusammen ausgegeben. Heute wäre das sicher mehr. Vor allem die Dieselpreise sind enorm gestiegen. Diesel ist natürlich ein großer Posten, vor allem wenn man durch Gegenden wie Sibirien fährt, weil man dort jeden Tag sehr viele Kilometer zurücklegt. Wir hatten bis zu 220 Liter Kraftstoff dabei. Neben dem 100-Liter-Tank, besaß Otto zwei Unterflur-Tanks unter den Türschwellern, neben dem Rahmen, mit jeweils 60 Litern.

Ich war mein Leben lang zwar nicht geizig, habe aber zumindest umsichtig gelebt, so dass wir auf etwas Erspartes zurückgreifen konnten. Während der gesamten Reise haben wir immer selbst gekocht und konnten so die Kosten für Essen gering halten.

Ein Großteil der Finanzierung lief aber über den Verkauf meines Stadtplanes von Jakarta. Als ich 1973 in Indonesien lebte, gab es noch keinen Stadtplan von Jakarta. Meine ausländischen Freunde in der Stadt, die wussten, dass ich aus der Fliegerei kam, hatten mich damals gebeten, ein paar Teile der Stadt zu skizzieren.

Also habe eine kleine Zeichnung gemacht, sie mit alten Papieren verglichen und daraus in mühevoller Kleinarbeit den ersten kleinen Stadtplan von Jakarta gezeichnet. Dieser wurde dann von einem Kartografen in Ungarn reingezeichnet. Ich habe die Pläne in Indonesien drucken und von einer Firma vertreiben lassen. Aus diesem kleinen Stadtplan ist im Laufe von 30 Jahren einer der größten Stadtatlanten von Jakarta geworden. Das hat mich zu einer Art Ehrenbürger gemacht.

Vor zehn Jahren habe ich das komplett aufgegeben. Mit den modernen Medien haben die Leute angefangen, meinen Stadtplan einzuscannen und selbst weiterzuverbreiten. Sowas wie Copyright ist in Indonesien einfach nicht durchsetzbar. Da war es das Vernünftigste, sich davon zu verabschieden.

Sie waren 26 Jahre unterwegs. Hat das noch etwas von Urlaub?

Nein, Urlaub war das sicher nicht. Abenteuer würde ich eher sagen. Es war mehr anstrengend als erholsam. Es war anstrengend, sich ständig selbst einzuschränken und anzupassen. Wir mussten mit den unmöglichsten Situationen zu Rande kommen und haben teilweise unter unvorstellbaren Bedingungen übernachtet. Das hat mit Urlaub relativ wenig zu tun.

Aber vier Wochen am Strand liegen, wäre auch nicht unser Ding gewesen. Wir haben Strand sehr gemocht ebenso wie das Schwimmen. An Stränden waren wir auch, aber das konnten wir aus Sicherheitsgründen nicht immer in dem Maße genießen, wie wir das gern getan hätten. Eigentlich war unsere Philosophie, jede Nacht irgendwo anders zu sein. Wir brachen immer auf, bevor die Leute am nächsten Morgen gemerkt haben, dass wir da waren.

Otto in Indien. Das sollte nicht seine letzte Begegnung mit einem Elefanten sein.

Otto in Indien. Das sollte nicht seine letzte Begegnung mit einem Elefanten sein.

Das klingt sehr getrieben und voller Angst, meinen Sie nicht?

Nein, nein. Das war es nicht. Daran gewöhnt man sich. Wir hatten unseren Rhythmus, morgens frühstücken und danach zusammenpacken. Unser Otto war ja kein Wohnmobil, so dass wir uns eigentlich immer draußen aufhalten mussten. Im hinteren Teil des Wagen konnten wir nur liegen. Da wir immer Neues sehen wollten, trieb uns das ohnehin weiter. Obwohl wir hin und wieder abends an den gleichen Ort zurückgekehrt sind. Das hat es oft genug gegeben. Aber dort, wo Sicherheitsfragen eine Rolle spielten, haben wir schon dafür gesorgt, dass wir nur eine Nacht geblieben sind. Das wäre einfach zu gefährlich gewesen. Die Spitzbuben, in vielen Teilen dieser Welt, sind heute ein wirkliches Problem.

Haben Sie denn viele gefährliche Situationen erlebt?

Wir haben sehr viel Glück gehabt, dass wir nie überfallen worden sind. Was sicher daran lag, dass wir ausschließlich irgendwo in der Wildnis übernachtet und wir entsprechende Vorkehrungen getroffen haben. Wirklich gefährliche Situationen gab es insofern nur im indischen Verkehr, wenn man von den Begegnungen mit wilden Tieren absieht. Ich habe einmal den Fehler gemacht, an einem Ort in einer Hängematte zu liegen, an dem ich nicht in einer Hängematte hätte liegen sollen. Ich bin dann nachts von einem Geräusch wach geworden und eine Hyäne stand direkt neben meiner Hängematte.

Ein anderes Mal saß ich auf dem Fahrersitz und war dabei Otto für die Nacht vorzubereiten. Da kitzelte mich etwas am Ohr. Das war der Rüssel einer Elefantendame auf der Suche nach Orangen. Eigentlich kommen Orangen in der natürlichen Umgebung von Elefanten nicht vor. Aber es gibt immer dumme Touristen, die Elefanten mit Orangen füttern. Und diese Elefanten werden dann regelrecht süchtig nach diesen Früchten. Die Elefantendame hatte unsere Orangen im Otto gerochen und danach gesucht. Wir hatten Glück, dass sie die Apfelsinen auch gefunden und gefressen hat. Hätte sie ihre Sucht nicht befriedigen können, hätte sie wohlmöglich vor Wut den Otto umgekippt und zertrampelt. So etwas ist in Afrika oft genug passiert.

Mt Everest tibetanischeSeite FotoHoltorf

Otto an der tibetanischen Seite des Mount Everest

Es gibt neben den Gefahren eines Überfalls von Kriminellen und eines Angriffs von Tieren auch Krankheiten. Waren Sie während Ihrer Reise krank?

Viele Rucksack-Touristen, die wir im Laufe unserer Reise kennengelernt haben, hatten teilweise ernsthafte Verdauungsschwierigkeiten. Ich kann sagen, dass wir in 26 Jahren nicht einmal ein Problem südlich des Bauchnabels hatten. Das lag vor allem daran, dass wir immer selbst gekocht haben.

Wir hatten auch nie Grippe oder grippale Infekte. Diese Zivilisationskrankheiten, die im Winter in Deutschland jeder zu haben scheint. Kein Wunder, wer immer nur draußen lebt und das auch bei -15 Grad am Mount Everest, wie wir das getan haben, der ist zwangsläufig ziemlich abgehärtet.

Es gibt aber auch Dinge, die konnten wir nicht beeinflussen und vor denen konnten wir uns auch nicht schützen. Ich wurde 8 Mal von einer infizierten Mücke gestochen und bekam Malaria. Meine Frau zum Glück nur einmal. Wir haben dann die nötigen Pillen genommen und gut war es. Wenn Malaria richtig diagnostiziert und behandelt wird, ist es kein Problem.

2006Australien FotoHoltorf

Otto 2006 in Australien

Ihre Reise hatte viele Entbehrungen, sie hatte aber sicherlich auch tolle Momente. Können Sie uns davon erzählen?

Als wir im Busch unterwegs waren, hatten wir ganz engen Kontakt zu den Menschen dort. Gerade in den Rundhütten-Dörfern in Afrika, haben uns die Dorfbewohner mit großer Offenheit und Freunde empfangen. Diese Gastfreundschaft und das hohe Maß an Ehrlichkeit, das wir dort erleben durften, hat mich sehr beeindruckt. Ich kann sagen, dass wir diese Offenheit überall erlebt haben, wenn wir fern der Zivilisation waren.

Gab es etwas, dass Sie während Ihrer Reise vermisst haben?

Nein, wir hatten alles dabei, was wir brauchten. Wir sind oft nach Deutschland zurückgeflogen und haben dort ein paar Wochen verbracht. Wenn es wieder zurück ging, nahmen wir Ersatzteile und Müsli mit, teilweise bis zu 30 Kilo Müsli. Hin und wieder haben wir uns auch ein bisschen Luxus gegönnt. Dann haben wir eine Flasche Gin gekauft und Gin Tonic getrunken.

Haben Sie in den 26 Jahren Dinge gelernt, die Sie für besonders wichtig halten?

Ich war von meiner Veranlagung her schon immer ein ausgleichender Mensch. Ich habe viele Dinge nicht so furchtbar ernst genommen, wie das in Europa häufig der Fall ist. Vor meiner Reise habe ich einige Zeit in Hongkong gelebt und viel von den Menschen dort gelernt. Dazu gehört eine chinesische Herangehensweise an Probleme, die ich sehr schätze: Wenn du heute ein Problem hast – ein normales Problem keine tödliche Krankheit – dann versuche das Problem so zu sehen, als wäre bereits ein Jahr vergangen. Rückblickend ist ein Problem, das heute wichtig erscheint, völlig unbedeutend und vermutlich schon vergessen. Also versuche die Einstellung, die du in einem Jahr haben wirst, schon heute zu haben. Das finde ich vernünftig.

2011Shanghai FotoHoltorf

Gunther Holtorf mit der Karte von Ottos Reise in Shanghai

Welche Eigenschaft sollte ein Weltreisender Ihrer Meinung nach unbedingt haben?

Die wichtigste Eigenschaft ist Geduld. Geduld bedeutet für mich auch Verständnisbereitschaft, Nachsicht, Freundlichkeit und Dankbarkeit. Manche Dinge muss man einfach aussitzen, da hilft nur viel Geduld. Das haben wir immer festgestellt und so manches erreicht, was ein bisschen schwieriger war und viele andere nicht erreicht haben. So haben wir zum Beispiel einige Orte besucht, die Touristen sonst verschlossen bleiben.

Ein weiterer Vorteil, den wir anderen Reisenden gegenüber vermutlich hatten, war unsere Weltkarte. Während der letzten 17 Jahre hatten wir eine Karte dabei auf der unsere bisherige Reiseroute zu sehen war. Die haben wir unserem Gegenüber immer gezeigt, und erklärt, wo wir schon waren und was wir vorhaben. Da wurde schnell klar, dass wir keine normalen Touristen sind und Ottos Geschichte einfach etwas Anderes ist. Mit der Karte konnten wir viele Türen öffnen. Die Menschen fühlten sich angesprochen und sie konnten Teil von Ottos Geschichte sein. Plötzlich ging es nicht mehr um ein Problem, das gerade noch bestanden hatte, sondern um Otto.

Später hat Mercedes für die Länder, in denen wir sprachlich nicht zu Hause waren, ein Empfehlungsschreiben in der Landessprache aufgesetzt, mit dem wir um Umstützung baten. Das haben wir an Straßenkontrollen oder Grenzen vorgezeigt. Das hat natürlich vieles erleichtert.

Mr Holtorf

Gunther Holtorf in seinem Otto

Nach Christines Tod 2010 fährt Holtorf mit Otto durch die Länder, die ihm noch fehlen. Zum einen um Abstand zu gewinnen, zum anderen, weil seine Frau sich gewünscht hatte, dass er die Tour in ihrem Namen zu Ende zu bringt. Heute ist Otto verkauft, er steht im Mercedes Benz Museum in Stuttgart. Noch einmal los möchte Guther Holtorf nicht. Die Welt ist bereist und wenn man das Elend der Welt gesehen hat, weiß man, wie schön es am Chiemsee ist.

Die Reise in Zahlen:

  • 26 Jahre insgesamt, 20 mit Christine
  • 900.000 Kilometer
  • 215 Länder
  • 41 Verschiffungen
  • 100.000 Liter Diesel
  • 85.000 Euro Ersatzteilkosten

Fotos: Die Fotos wurden vom Stern zur Verfügung gestellt. Unter www.ottosreise.de dokumentiert der Stern in Deutschland exklusiv die gesamte Weltreise von Gunther Holtorf.

Eine englische Dokumentation bietet die BBC an.